das zweite Jahrzehnt

60 Jahre Lutherkirche - das zweite Jahrzehnt (1967-1976)
Die Gesellschaft wandelt sich - die Lutherkirche geht ihren eigenen Weg.
Wir stehen in der zweiten Dekade (1967-1976). Ich spreche mit Waltraud Scheurer, die unsere Kirchengemeinde in allen Jahrzehnten ihres Bestehens begleitet hat. Sie lebt seit 1954 in Neu Wulmstorf.

 

Wir sind Bessaraber“, sagt Waltraut Scheurer  zu Beginn unseres Gespräches. Im Interview verstehe ich nach und nach, inwiefern diese Herkunftsbezeichnung bedeutsam für unsere Kirchengemeinde ist.

Wie haben Sie unsere Kirchengemeinde in diesem Jahrzehnt erlebt?

„Wir sind Bessaraber. Meine Familie und die meines Mannes stammen aus Bessarabien. Wir waren durch unsere Herkunft und durch unsere Herkunftsfamilien kirchlich geprägt. Ich erinnere mich: Bei der Hausarbeit sang meine Mutter immer Kirchenlieder. Von klein auf habe ich sie gehört und kann sie bis heute alle singen. Die Kirche gehörte wie selbstverständlich zum Leben dazu: Mein Mann und ich gingen wie sehr viele Bessaraber jeden Sonntag in die Lutherkirche. Unsere drei Kinder besuchten den Kindergottesdienst, der von Ehrenamtlichen angeboten wurde. Als im Immenweg noch keine Häuser standen konnten wir von unserem Haus die Kirche sehen.

Sie lebten in Sichtweite zur Kirche, in enger Anbindung an die Kirche.

„Ja. Das war für alle, die aus Bessarabien stammten, typisch. Wir brachten unsere Frömmigkeit mit nach Neu Wulmstorf. Wir fühlten es so und auch die anderen nahmen es so wahr: die Bessaraber haben eine besondere Frömmigkeit, sind der Kirche hoch verbunden. Familien aus Bessarabien prägten das Gemeindeleben. Als wir in Neu Wulmstorf waren, lebte diese Frömmigkeit weiter.“

Das Jahr 1968 markiert einen gesellschaftlichen Aufbruch. Der Muff von 1000 Jahren sollte weg unter den Talaren; so war eine Forderung der Studentenbewegung. In der Folge dieses Umbruches wurde Neues ausprobiert – auch in den Kirchen. Waren diese gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche auch in der Lutherkirchengemeinde zu spüren?

„Nein. Die Gottesdienste blieben so wie zuvor. Auch unter den Pastoren, die in den 70er Jahren nach Neu Wulmstorf kamen und Kollegen von Pastor Wollermann wurden, änderten sich die Gottesdienste nicht grundlegend. Es blieb, wie es war. Wir haben oft Abendmahl gefeiert, das kannten wir auch so aus Bessarabien.“

Welche schönen Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Jahrzehnt?

„Am schönsten fand ich immer die Feste. Für den Erntedankgottesdienst wurde eine prächtige Erntekrone hergestellt und für Weihnachten reichlich Tannenbaumschmuck gebastelt. Ich bin seit damals im Mütterkreis aktiv. Wir Mütter haben viel gebastelt und Handarbeiten gemacht.“

Neu Wulmstorf war ein Siedlungsschwerpunkt der Bessaraber in Norddeutschland. Mir scheint, die Kirche und das kirchliche Leben boten den Bessarabern „ein Stück Heimat in der Fremde“.

„Die Kirche und die Bibel beeinflussten in hohem Maße das Leben von uns Bessarabiendeutschen, denn viele unserer Vorfahren hatten einst ihre deutsche Heimat aus religiösen Gründen verlassen. Diese Herkunft prägte uns und damit die Lutherkirchengemeinde: Wir gingen zum Gottesdienst, lasen in kleinen Runden die Bibel, sangen und beteten. Wir lebten in der neuen Heimat, aber unsere Frömmigkeit stammte aus Bessarabien. Ja, das erleichterte uns das Ankommen in Neu Wulmstorf.

Offensichtlich ist die Lutherkirchengemeinde in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche ihren eigenen Weg gegangen – einen Weg, der entscheidend durch die Kirchlichkeit und Frömmigkeit der bessa­ra­bischen Familien geprägt wurde.

"Ja, so war es. Wir gehörten ja zusammen mit anderen Familien auch zur Landeskirchlichen Gemeinschaft. So kannten wir es von früher: Am Sonntag ging es in die Kirche, unter der Woche gehörten Bibelstunden unbedingt dazu. Wir lebten ganz selbstverständlich mit der Bibel. Ohne die Bessaraber und ihre Frömmigkeit wäre die Lutherkirchengemeinde nicht die Gemeinde, die sie war und ist.“

 

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