Wenn einer seinen Feind trifft.... 1. Samuel 24
So. 16. Februar 03 Christuskirche Fleestedt
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Erwachsene,
Bei der Konfirmandenfreizeit in Lübeck Ende Januar haben wir die Geschichte von Davids Erwählung und Salbung zum König gelesen und gespielt. Am Mittwoch hatten wir den Abend mit Friederike Brüheim und Annegret Huber, wo der Bogen geschlagen wurde von dieser Geschichte bis hin zur Geschichte von Davids Ehebruch. Und heute soll eine Geschichte zu Gehör kommen, die in diese Woche passt, in der die Frage: Beginnt nun der Krieg gegen den Irak? wie ein Damoklesschwert im Raum schwebt. Der Bericht von Chefinspekteur Hans Blix auf Freitag vor der UNO hatte das Ergebnis: ein Krieg ist - trotz aller Mängel der Zusammenarbeit - nicht gerechtfertigt. Gestern von 11 bis 12 Uhr bei der Demonstration "Kirche gegen den Krieg" vor St. Paulus in Buchholz, - und in vielen Städten Deutschlands und Europas, wurde es deutlich: Millionen von Menschen sehen dies genauso. Nichts kann einen Krieg rechtfertigen. Es gibt nur einen gerechtfertigten Frieden........
Was sagt die Bibel? Selig sind die Friedensstifter heißt es in der Bergpredigt Jesu. Aber ist das Alte Testament nicht voll von Mord und Totschlag, von Kriegen "im Namen des Herrn"? Die Geschichten von König David, die Geschichten von "Macht und Liebe" sollen im "Jahr der Bibel" in Fleestedt nicht nur die Konfirmanden da sein. Sie sind es wert in der Männergruppe, bei den Frauen, und auch hier im Gottesdienst zu Gehör gebracht zu werden.
Dabei soll die Jahreslosung ".Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an....." aus 1. Samuel 16 das Motto bzw. den roten Faden bilden.
David war der Gesalbte des Herrn geworden. In Bethlehem hatte der Profet Samuel den jüngsten Sohn des Isai im Kreise seiner Brüder gesalbt: Nachdem alle älteren Söhne aufmarschiert waren, nachdem der Jüngste von den Schafen weg geholt worden war, geht die Sonne auf. David wird als ein "rotblonder Jüngling mit schönen Augen und guter Gestalt" geschildert. Auf! Salbe ihn, der ist es! Hört Samuel eine Stimme. Und nimmt sein Füllhorn und salbt ihn. Nun könnte damit alles klar sein. Aber das ist es nicht. Es gibt den anderen Gesalbten des Herrn, König Saul. Aber Saul wurde, obwohl er der Gesalbte des Herrn ist, von Gott verworfen, da er nicht nach Gottes Willen handelte. Aber Saul hat Macht. Er ist der immer noch amtierende König. Er hat Soldaten und tapfere Krieger. Als der böse Geist Saul bedrückt, Depressionen ihn quälen lässt er den Hirtenknaben holen, von dem er gehört hat, und der kann nicht nur Schafe hüten, sondern auch Musik machen. "Wenn nun der böse Geist über Saul kam, nahm David die Laute und spielte; dann wurde es Saul leichter und besser, und der böse Geist wich von ihm." Heißt es (1. Samuel 16,23) Aber diese Aufheiterung hält nicht auf Dauer. Saul sieht in dem Jüngling , der sich dann durch Heldentaten hervortut, - er besiegt mit der Steinschleuder den riesigen Philister Goliath -, immer mehr seinen Konkurrenten. Auch daß er dann Sauls Tochter Michal bekommt, nachdem er 200 Philister erschlagen hat (und ihnen die Vorhäute abgeschnitten hat), ändert daran nichts. Nein, dies und vieles andere macht Saul noch argwöhnischer.
Wodurch entsteht eigentlich Feindschaft? Wir fragen uns das ja manchmal selbst? Eigentlich könnte alles so gut sein, wenn man sich verstehen würde! Aber plötzlich wird man , vielleicht unbewusst, aggressiv....und auch beim anderen entdeckt man feindliche Regungen...... Die Frage rührt an etwas vom Tiefsten im Menschenleben, - genauso wie die Liebe. Ein Trieb mit ungeahnter Kraft, mit dem wir oft nichts anzufangen wissen und den wir uns nicht eingestehen, ist der Neid. Eine der ersten Geschichten der Bibel, erzählt von dem Brudermord. Weil Gott Wohlgefällig auf das Opfer von Abel blickt und nicht auf seines, wird Kain neidisch. Kain lockt seinen Bruder aufs Feld und erschlägt ihn. In jedem Menschen ist Kain und Abel, sagt die Bibel. Und auch bei Saul ist das so. Er stellt immer wieder seinem jugendlichen Konkurrenten nach, wirft die Lanze nach ihm, als er Laute spielt, verfolgt ihn mit vielen Kriegern.
Bei einer dieser Verfolgungsjagden kommt es zu einer denkwürdigen Begegnung.Die Begegnung findet an einem besonderen Ort statt, in der Höhle von En-Gedi (Nähe des Toten Meeres). Genauer gesagt: Die Höhle wird zu einem gewissen Ort, zu dem Örtchen, wo selbst Kaiser und Könige zu Fuß hingehen. David und die Seinen haben sich in der Höhle von En-Gedi verschanzt, und ausgerechnet dort erscheint Saul, um "seine Füße zu decken", wie Luther es taktvoll übersetzt. Die Zürcher sagt es deutlicher:..."um seine Notdurft zu verrichten". Was für ein Glückstreffer, was für ein Geschenk des Himmels, denken die Soldaten Sauls: "Das ist der Tag", flüstern sie. Das ist der Tag, an dem der Herr zu dir sagt: Siehe, ich gebe dir deinen Feind in die Hände; tue mit ihm was dir gefällt!" Das klingt sehr fromm. Und es scheint auch logisch zu sein: Angriff ist die beste Verteidigung. Saul ist nicht in die Wüste gekommen, um Steinböcke oder Schmetterlinge zu beobachten. Er stellt David nach dem Leben. Aber David deutet diesen "Wink Gottes" anders. Den Gesalbten des Herrn umzubringen, das ist die Versuchung der Wüste. David schleicht (wie ein Indianer) an Saul heran und schneidet, während die Männer fassungslos zusehen, mit dem Messer einen Zipfel seines Mantels ab. Warum hat er in Gottes Namen, nicht zugeschlagen? "Der Herr bewahre mich davor, daß ich meine Hand nach dem Gesalbten des Herrn ausstrecke. Kurz darauf verlässt Saul die Grotte und David ruft ihm nach: "Mein Herr und mein König!" Saul schaut sich um. David kniet und beugt sich vor ihm. "Warum glaubst du dem Geschwätz von Leuten, die sagen: Gib acht vor David, er führt Böses gegen dich im Schilde! Heute siehst du mit eigenen Augen, daß der Herr dich in meine Hand gegeben hat.""Siehe doch, mein Vater", fährt er fort,!Hier ist der Zipfel des Mantels den ich abgeschnitten habe. Aber ich habe dich nicht getötet..." Was für eine Szene! Welche Gefühle kommen da in Saul hoch? Scham, Verzweiflung, Reue? Saul erkennt David, den er verfolgt, und er erkennt seine Situation - und er weint:Er weint, weil sein Leben missraten ist. Er hat davon geträumt, seinen Kindern ein guter Vater zu sein, und er wollte ein gerechter und guter König sein. Doch sowohl als Fürst als auch als Vater ist er gescheitert.Und er erkennt: Du bist gerechter als ich David. Denn du hast mir Gutes getan, ich habe dir Böses getan... Saul stellt diese Frage in den Raum, die weit über diese Situation hinaus weist:"Wenn einer seinen Feind antrifft, lässt er ihn dann friedlich seiner Wege ziehen?" (V. 20)
Viel später wird es in der Bergpredigt Jesu heißen: "Ihr hat gehört, daß gesagt ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch, daß ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt.Sondern wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den anderen dar,..... (Matth. 5,38-39). Immer wieder in der 2000jährigen Geschichte des Christentums, und gerade auch in den Friedensbewegungen seit 1980 haben sich Menschen gefragt, was das heißen kann. (Auch bei der KV-Klausur in Hermannsburg vom 24. - 26. Januar) .Eine Antwort gibt diese Geschichte aus dem 1. Buch Samuel, diese Begegnung der Gesalbten des Herrn an dem besonderen Ort. Die Logik von "Auge um Auge, Zahn um Zahn" muß nicht das einzige sein. Krieg bricht nicht herein wie eine Naturkatastrophe. Die Kette von Gewalt und Gegengewalt kann gesprengt werden.Wo das geschieht, da kommt der Mensch zum Vorschein unter dem Panzer von Mißgunst und Neid. Da zeigt er Gefühle. Da wird sichtbar: man muß nicht Böses mit Bösem vergelten. Man kann auch ganz anders denken und handeln.
Zum Schluß: In dieser Woche besuchte ich mit über 40 Schülern diese Synagoge in Hamburg. Frau Solomon zeigte nicht nur die Synagoge, den Toraschrein, die Schriftrollen usw. sondern gab Einblick in das Wesen des Judentums. Die Tora, die 5 Bücher Mose, sind vor allem Wegweisung zum Leben. Sie wollen helfen, richtig zu leben. (lechajim) Ich glaube, diese Geschichte will das auch sagen: "Vergilt nicht Böses mit Bösem! Laß deinen Feind friedlich seinen Weg ziehen. Und siehe, du wirst leben!" Amen.
16/03/2003 Pastor Georg Stiller
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