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Weihnachtspredigt

 

Obadja an Maleachi

Unter den Hirten von Bethlehem stelle ich mir einen mit Namen Obadja vor. Alt ist er und bedächtig, von der Weisheit derer angefüllt, die unabgelenkt viel Zeit zum Nachdenken haben durch ihre Art zu leben. Und, ungewöhnlich für einen Hirten jener Zeit, Obadja kann lesen und schreiben. Vielleicht war er einmal etwas ganz anderes bevor es ihn zu den Schafen ins Freie trieb.

Obadja kommt eigentlich aus Kana in Galiläa; das liegt in der Nähe von Nazareth. Er hat seine Familie lange nicht gesehen, aber gelegentlich schreibt er an seinen jüngeren Bruder, Maleachi. Nicht oft – aber doch so, dass man in Kana weiß, was er tut und was ihn bewegt ….

Bethlehem, den ………….

Lieber Maleachi, Gnade sei mit dir und Friede von Gott, unserem Vater. Ich entbiete Dir Grüße ins ach so ferne Kana – von mir, aber auch von Benjamin und Simon, Micha und Amos. Den kleinen Benjamin würdest Du nicht wiedererkennen. Er ist ein kräftiger junger Mann geworden. Wir können ihm die Schafe schon 'mal allein überlassen. Denn du weißt, wir lassen sie nie ganz allein. Das würde die Hunde überfordern.

Und dennoch haben wir diesen Grundsatz vor ein paar Tagen über den Haufen geworfen. Ja, stell Dir vor, wir haben die Schafe schmählich im Stich gelassen. Wir wussten nicht einmal, wann und wie wir wiederkämen. Aber das wird Dich sicher nicht mehr wundern, wenn ich Dir erzähle, wie es dazu kam. Du hättest sicher gehandelt wie wir.

Seit ein paar Wochen sind wir in der Nähe von Bethlehem, Du weißt, die Stadt Davids, südlich von Jerusalem. Du kennst sie nicht, natürlich, sie liegt ja viele Tagereisen von Galiläa entfernt. Die Weiden, die wir hier fanden, sind satt und ertragreich, deswegen hatten wir mit den Herden nicht viel zu tun. Umso mehr Zeit blieb uns, miteinander zu sprechen.Amos war ein paar Tage fort gewesen, in Jerusalem, um einiges zu beschaffen, was man auch in Bethlehem nicht bekommt. Er kam ziemlich bedrückt wieder. Was er in der großen Stadt erlebt hatte, konnte uns alle nicht erfreuen. Er sagte: „Ich kam mir vor wie Fremdling, stellt euch vor, ein Fremdling im eigenen Land. ‚Penner’ haben sie mich genannt, als ich einmal nach dem Weg fragte. Was kann ich dafür, dass ich nicht in hauptstädtischem Schick gekleidet bin.

Einmal stürzte ich über einen Kantstein. Ich bin so etwas nicht gewöhnt, denn hier draußen gibt es so etwas nicht. Ich schlug mir den Kopf blutig, aber es half mir niemand auf. Die Leute strahlten irgendwie Kälte aus, ja, Kälte, das ist das richtige Wort. Jeder schien nur auf die Verwirklichung seines privaten Glückes aus zu sein. Zwar sind sie noch nicht so weit verkommen, dass sie – wie die Römer bei ihren Gelagen – schon Nachtigallenzungen langweilig finden, aber sie sind auch nicht weit davon entfernt.“

Es war nicht das erste Mal, dass wir darüber sprachen. Und wir waren uns darüber einig: es müsste, nein, es muss sich etwas ändern, damit die Menschen nicht ins Unglück stoßen. Aber was? Was und vor allem wer könnte so etwas Unerhörtes ins Werk setzten? Da waren wir – wie so oft – total ratlos.

Aber jetzt – und deswegen schreibe ich Dir – weiß ich die Antwort. Sie ist absolut irre, kaum glaubhaft, und deswegen habe ich – so sehr ich auch davon überzeugt bin – zugleich große Angst.

Wir haben, Maleachi, immer in die falsche Richtung gestarrt. Wir haben gemeint, die Mächtigen müssten etwas tun. Aber das ist es eben nicht. Die tun am Ende nur etwas für sich. Natürlich hatten wir schon oft über diese Stelle beim Profeten Jesaja gesprochen, weißt Du, wo es heißt: ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben …. aber wir hatten das nie zu Ende zu denken gewagt. Wie Dummköpfe und Kleingläubigen!

Da platzte Benjamin in unsere Runde am Feuer. Er war völlig atemlos. „Drüben im Stall …“, brachte er mühsam hervor, „ drüben im Stall …“ „Ja, was denn“, fragte Amos ihn beruhigend. „Ein Kind – im Stall ist ein Kind geboren!“Wir ließen tatsächlich alles stehen und liegen, ließen sogar die Tiere allein in der Nacht zurück und folgten Benjamin.

Ich sage Dir, Maleachi, es war erbärmlich! Mein Gott – ein Kind in einer Krippe. In einer Futterkrippe, damit die Tiere es nicht zertrampelten. Ein Bild des Jammers! Ja, wirklich; kann man tiefer ins Elend geraten? Und zugleich: In all der Erbärmlichkeit des Stalles diese Menschen.

Diese Menschen hatten nichts, nichts als sich selbst. Und weil sie nichts hatten, wussten sie ganz genau – das spürte ich mit großer Sicherheit – was sie an sich selbst hatten. Denn da war nun wirklich absolut nichts mehr, was ihnen den Blick füreinander verstellen konnte. Und deshalb waren sie glücklich. Kaum zu glauben, aber es war so. Ich bin ein alter Hirte, ich weiß wovon ich rede ….

Ich stand etwas abseits, und da durchfuhr es mich: das ist die Rettung! Nicht Macht, nicht Gewalt, nicht Reichtum, nicht Ansehen, nicht irgendwelche Güter – nein, nur wenn der Mensch in all seiner Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit im Mittelpunkt unseres Trachtens und unserer Liebe steht, so wie dieses neugeborene Kind in der Mitte unseres ungläubigen Staunens – mein Gott, Maleachi, es erinnerte mich so an unsere neugeborenen Lämmer – nur dann hat diese Welt, haben die Menschen auf ihr eine Zukunft. Nur dann, könnte ich auch sagen, hat Gott eine Zukunft. Das ist ja – fast – dasselbe.

Ich ging wie benommen zurück zur Herde. Ich beeilte mich keineswegs, obwohl mir inzwischen bewusst geworden war: wir hatten die Tiere allein gelassen. Dennoch, ich ging langsam, sehr langsam, um das alles zu fassen. Ich musste ja auch zugleich meine Angst bekämpfen: Wird dieser Weg – der einzige, wie mir scheint – eine Chance haben in dieser Welt; dieser Weg, der so verletzlich ist, so verletzlich wie ein Säugling? – Doch, doch, dachte ich, er wird, er muss! Es kann doch gar nicht anders sein! Aber ….

Nein, erst noch will ich Dir schreiben: die ganze Zeit, wie ich da so zurückging, hatte ich ein Lied in den Ohren, einen Gesang. Und ich konnte mich doch nicht erinnern, wo ich ihn schon einmal gehört hatte: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden …. ja, genau, so fängt er an. Aber woher hast du das, dachte ich ein um’s andere Mal. Weiß der Himmel woher! Vielleicht hatte ja auch der Himmel mir die Erkenntnis geschenkt als ich da bei dem Kinde stand …..

Ach, Gott, das Kind – was wohl aus ihm geworden ist? Wahrscheinlich ist es schon tot – und hätte doch in seinem kurzen Leben bei mir so viel bewirkt. Ich mag es gar nicht schreiben. Vor ein paar Tagen tauchten Soldaten des Herodes hier auf und metzelten einfach alle kleinen Jungen so bis zwei Jahren dahin. Kein Mensch weiß warum.

Ob es mit den drei merkwürdigen Männern zu tun hat, die kurz zuvor hier vorbeikamen und eilige nach Osten ritten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war es entsetzlich und bestätigte einmal mehr das, was wir über die Mächtigen denken. Viel schlimmer aber ist: es ließ gleich wieder die große Angst in mir aufkeimen; die bange Frage, ob wehrlose Menschlichkeit in dieser Welt eine Chance hat.

Lieber Maleachi, mir ist bange um die Zukunft. Werden wir, werde ich den angekündigten Messias noch erleben; den, der allein diese Welt retten kann?

Ich grüße Dich in Furcht und Zuversicht, ja, ja – in beidem zugleich, mit den Worten des Psalms, den wir von unserer Mutter so oft gehört haben:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – woher wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!

Ja, möge er Dich, Maleachi, behüten, Dich und Deine Seele, Deinen Ausgang und Eingang – jetzt und immer.Friede sei mit Dir – Schalom Dein Obadja

24/12/2003 Jörg Deneke

 


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