Spüren, was gut tut.
Predigt zur Konfirmation im Mai 2004
„Welcher soll mein Lebensweg sein?“. Diese Frage nimmt ein Lied im neuen Gesangbuch auf, das vielleicht ausdrückt, was Ihr, liebe Konfirmanden, empfindet, heute, an der Schwelle zum Erwachsen-Sein. Und vielleicht spricht dieses Lied auch die Empfindungen von Erwachsenen an, in dieser Zeit eines großen Umbruchs in Europa und der ganzen Welt.
Aufgetan ist die Welt. Tausend Wege durchs Land. Welchen geh ich?
Welcher ist mein?Welcher soll mein Lebensweg sein? „Welcher soll mein Lebensweg sein?“ Fragt Ihr das auch? Und habt Ihr, haben Sie Erfahrungen gemacht, die zu den weiteren Versen passen?
Weg, der lockt und vergeht. Irrweg, Umweg, steiniger Pfad. So viele Schilder. Doch welches gibt Rat? Mehr oder weniger freiwillig habt Ihr Konfirmanden Euch in den zurückliegenden Monaten mit einem Wegweiser beschäftigt, den ich über der Kanzel noch einmal aufgehängt habe. Ihr habt Euch vertraut zu machen gesucht mit den Weisungen und Verheißungen des christlichen Glaubens. Heute werdet Ihr Mitglieder der christlichen Gemeinschaft. Auf dem Wegweiser stehen in großen, grünen Buchstaben die Worte „Jesus Christus“. Ist damit alles klar für Euch? Ist damit alles klar für Sie, die Sie diese Konfirmanden begleiten?
Ich gestehe Ihnen und Euch. Ich finde es ziemlich schwer, zu verstehen, was der Wegweiser „Jesus Christus“ wirklich meint. Aus dem christlichen Glauben kommt die Kraft, mit der sich Mutter Teresa den Armen und Kranken zugewendet hat. Doch auf den christlichen Glauben berufen sich auch Menschen, die Befürworter von Abtreibung erschießen oder den Mord von Andersgläubigen rechtfertigen, Das eine geschah gerade erst in den USA, das andere im früheren Jugoslawien.Was also meint dieser Wegweiser für Euch? Ich vermute, es gibt da doch noch ein paar Unklarheiten. Und deshalb befürchte ich, dass wir Euch in Eurer Konfirmandenzeit doch noch Einiges schuldig geblieben sind. Und das hat Gründe. Martin Luther, der Begründer der evangelischen Kirche, hat zwar eine neue Richtung des Glaubens erahnt und ersehnt. Doch auch das evangelische Christentum hat sich in den 500 Jahren seither schwer damit getan, Glauben und Leben wirklich zusammen zu bringen. Bis heute sträuben sich viele Theologen und Kirchenmenschen gegen die Einsicht, dass die besten Glaubensvorstellungen wirkungslos sind, wenn tiefe gefühlsmäßige Überzeugungen ihnen entgegen stehen. Wenn Glaube und Gefühl im Widerstreit liegen, ich denke, Sie kennen das; wenn Gefühl gegen Glaube steht, dann folgen wir erst einmal unserem Gefühl, sei das nun Stolz oder Ärger oder Hass oder einfach ein anderes Interesse. Weil wir Eure Gefühle eher selten erreicht haben, deshalb habt Ihr bei Predigt und Unterricht immer mal wieder abgeschaltet. Ihr seid lieber euren eigenen Gedanken nachgegangen. Ihr habt Euch gefreut, wenn Ihr anschließend wieder selbst entscheiden konntet, was Ihr mit Eurer Zeit macht. Doch davon habt Ihr uns wenig verraten. Schade! Für uns Predigende und Unterrichtende, für die Vorsteherinnen und Vorsteher unserer Kirchengemeinde ist es unendlich wichtig, zu erfahren, was Ihr wirklich empfindet, was Ihr von unseren Gottesdiensten haltet, wofür Ihr Euch leidenschaftlich interessiert. Nun, auch bei uns habt Ihr Euch eher so verhalten wie in der Schule, mehr oder weniger brav, möglichst unauffällig. Auch zu Hause habt Ihr das wahrscheinlich als den einfacheren Weg erlebt. Viele von uns Erwachsenen haben sich ja selbst darauf eingestellt, ihre Gefühle möglichst außen vor zu lassen, jedenfalls im Beruf und in der Öffentlichkeit. Zu Hause, unter Freunden darf vielleicht herauskommen, was wir im Innersten empfinden.
Solche Ferne von den eigenen Gefühlen, solch emotionale Entfremdung ist für viele unter uns, vor allem unter uns Männern, so selbstverständlich geworden, dass sie das für normal halten. Tatsächlich mag das in unserer Kultur normal geworden sein. Doch natürlich ist das keineswegs! Nur in Übereinstimmung von Kopf, Bauch und Herz ist ein gutes, ein erfülltes Leben möglich. Wenn wir Verstand und Gefühl zu lange getrennt halten, werden wir krank. Die meisten Erkrankungen unserer Zeit haben denn auch seelische, lebensbedingte Ursachen.
Dabei tragen wir den Kompass für die gute Richtung des Lebens in uns selbst. Wir können doch spüren, was uns gut tut. Wir spüren uns beispielsweise gut, wenn wir einen freundlichen Satz hören. Und wir merken ganz genau, ob dieser Satz ein hohles Kompliment oder ernst gemeint ist. Ob dieser Kompass im limbischen System unseres Gehirns oder im Herzen liegt, mag die Wissenschaft noch herausfinden. Entscheidend ist: wir spüren an unserer inneren und äußeren Entspanntheit, an unserer Seelenruhe, ob etwas gut ist. Erinnern Sie sich, wann Sie sich das letzte Mal so gefühlt haben, ruhig, entspannt, einfach gut? Wir kennen auch das Gegenteil. Wir wissen: Groll verhärtet uns. Hass regt uns auf. Unaufhörlicher Leistungsdruck schnürt uns die Brust zu. Wenn wir auf diese inneren Reaktionen achten, dann wissen wir, was uns und anderen gut tut. Dann wissen wir, was wir brauchen. Dann können wir zusehen, dass unsere Lebensverhältnisse zulassen, dass Christen und alle Anderen freie Wesen werden, angstfreie, wahre Menschen. Wie alle anderen Religionen auch braucht das Christentum dringend mehr Herz. Deshalb hänge ich jetzt unter den grünen Wegweiser ein großes rotes Herz. Das meint: Jesus Christus ja, aber bitte mit Herz!Nur mit Herz werdet Ihr erreichen, was Ihr Euch wünscht, Erfolg im Beruf und ein glückliches Familienleben. Nur mit Herz werdet Ihr schaffen, was Eure Generation zu leisten hat: den Aufbau eines neuen Europa, die Versöhnung von Wirtschaft und Natur. Und den Ausgleich zwischen dem hungernden und dem übergewichtigen Teil der Menschheit. Dazu könnt Ihr nur beitragen, wenn Ihr Euren Glauben und Eure Herzensgefühle verbindet. Dazu können wir alle nur beitragen, wenn wir Wege finden, auf denen Spiritualität und Alltagsleben zusammen gehen statt sich ständig zu widersprechen.
Der Apostel Paulus, einer der ersten Wegweiser der Christenheit, hat einmal geschrieben: Prüft alles und nehmt das Gute! (1. Thessalonicher 5,21) Dazu möchte ich Euch heute ermutigen. Prüft alles daraufhin, ob Ihr dieses gute, wohltuende Gefühl in Eurem Innern bemerkt. Bei Euren Interessen in der Schule und in der Freizeit, im Umgang mit Euren Freundinnen und Freunden. Bei allen wichtigen Entscheidungen spürt nach! Was fühlt sich richtig gut an, im Herzen und im ganzen Körper? Phantastische, beglückende Entdeckungen erwarten Euch, wenn Ihr so vorgeht.Manche von Euch haben sich Bibelworte als Konfirmationsspruch gewählt, die von solch guten Erfahrungen sprechen. Wer freundlich ist und andere gerecht behandelt, hat ein erfülltes Leben. So steht es in den Sprüchen. Und Jesus preist in der Bergpredigt die glücklich, die sanftmütig und friedfertig sind. Sie werden schließlich das Antlitz dieser Erde gestalten, gottgefällig und menschenwürdig. In vielen Eurer Konfirmationssprüche geht es um die Kraft, die weiterführt, die Liebe. Doch kraftvoll kann Liebe nur sein, wenn sie aus dem Herzen kommt. Das fällt uns schwer, wenn wir verletzt oder zurückgesetzt wurden, wenn unsere Hoffnung und unser Vertrauen eingeschränkt sind. Die moderne Psychotherapie hat herausgefunden, dass wir selbst nach solch schweren Erfahrungen zu den inneren Quellen finden können, aus denen Vertrauen und Liebe nachfließen. Innere Ressourcen werden diese Quellen in der Fachsprache genannt. Mit ihnen hat die moderne Medizin das entdeckt, was Christen dem Heiligen Geist zuschreiben und Menschen seit Jahrtausenden als heilsame Religion erfahren. Religion meint eben dies: Verbundenheit mit dem tiefen Grund allen Seins.
Nehmt Eure Konfirmationssprüche als Wegweiser für Euer Leben. Prüft sie auf ihre Tauglichkeit. Prüft sie wie alles Andere, das von Kanzeln und Bildschirmen kommt, darauf hin, ob es sich in Eurem Innern dauerhaft gut anfühlt. Mit den Euch Nahestehenden wünsche ich Euch, dass Ihr so Lebenswege findet, auf denen Ihr zufrieden werdet, ohne Anderen zu schaden. Auf solchen Wegen wird auch unsere Welt ein Stück weit dem Frieden näher kommen. Dazu bitte ich nachher für Euch um Gottes Segen. Gottes Segenskräfte sind unerschöpflich und, was uns Lehrende und Euch Konfirmanden in aller Unzulänglichkeit trösten kann, an keine Bedingungen geknüpft sind. Gott gebe Euch Kraft und Mut, dass Ihr in der Liebe wachsen und Gerechtigkeit üben möget. Darum bitten wir und hoffen, dass Ihr heute tatsächlich Konfirmation erlebt, Bestärkung und Ermutigung für Eurer weiteres Leben.