Predigt zum 1. Advent 2003

 

 

Agnes Gonxha Bojaxhiu, die kleine Frau mit dem großen Herzen: In aller Welt nur bekannt unter ihrem Ordensnamen: Mutter Teresa, die Mutter der Ärmsten der Armen in Kalkutta. Am 19. Oktober wurde sie selig gesprochen, in einer großen festlichen Zeremonie auf dem Petersplatz, unter strahlend blauem Himmel, in einem Gottesdienst, an der Menschen aus aller Welt teilnehmen, darunter viele Missionarinnen der Nächstenliebe, die wie Mutter Teresa den weißblauen indischen Sari mit dem blauen Rand tragen, und viele der Armen, für die ihr Herz schlug.Agnes Gonxha Bojaxhiu, geboren 1910 in Skopje als Tochter einer gutbürgerlicher Albaner-Familie – ihr Bruder beschriebt sie als hübsches, blitzgescheites Mädchen, selbstsicher, pfiffig, nie um ein Wort verlegen, ohne Furcht vor Menschen. Und zur weiteren Charakterisierung des späteren Engels der Armen fügte er hinzu: „Sie neckte mich immer, suchte Streit, schlug mich, um mich herauszufordern, warf mich zu Boden, obwohl sie viel kleiner und zwei Jahre jünger war.“
So ein Mädchen setzt sich mit 18 Jahren in den Kopf, Ordensschwester zu werden, nennt sich fortan Teresa, geht als Lehrerin nach Indien, engagiert sich und steigt auf bis zur Schulleiterin. Aber das ist ihr immer noch nicht genug, das ist noch nicht ihr Ziel, das ist für sie immer noch zu weit entfernt von Christus, von dem Beispiel dieses Menschen, der sich liebend ganz für die Armen und Kranken seiner Zeit hingegeben hat. So verließ Teresa mit 36 Jahren die Sicherheit der Schule und geht nach Kalkutta. Kalkutta war damals die zweitgrößte Stadt des britischen Empire. Sie geht, um sich den Ärmsten zu widmen. Unzählige Menschen, von den politischen und religiösen Wirren Indiens auf die Straße geschwemmt. Niemand kümmerte sich um diese Verdammten, die dort würdelos dahinsichten und –starben. Niemand außer jene christliche Mutter aus Europa und die ersten indischen Schwestern, die ihrem Beispiel folgten.

Mutter Teresa und ihre Missionarinnen der Nächstenliebe sind oft kritisiert worden, weil sie nicht politisch dächten, weil sie nicht nach den Ursachen des Elends fragten, um die Ursachen zu bekämpfen, weil die hygienischen Bedingungen in ihren Häusern völlig unzureichend wären. Sie gab immer zu, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen Wasser wäre in der Wüste der Armut– aber immerhin: einem Armen etwas anzuziehen, einem Durstenden ein Glas Wasser zu reichen, einem Hungernden eine Suppe, einem Sterbenden ein gutes Wort – das gibt den Ausgestoßenen und Vergessenen etwas von ihrer menschlichen Würde zurück. Es gibt ihnen ein Stück Menschsein zurück. Und sei es nur für jene wenigen Stunden vor ihrem Tod.
Mutter Teresa und ihre Mitarbeiterinnen haben dabei nie gefragt, ob die Menschen, denen sie helfen, Christen sind. Die meisten der Armen sind keine Christen, sie sind Hindus, verarmte Buddhisten, Animisten; viele ganz ohne Glauben. Aber was ist das auch für eine Frage! Die einzige echte Frage kann doch nur lauten: Brauchst du Hilfe und: Bin ich es, der helfen kann?
In dieser Grundeinstellung ist Mutter Teresa Jesus Christus ganz nah: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hat Christus gesagt. Aber auf die Frage, ‚wer ist denn mein Nächster, den ich lieben soll?’, hat Jesus eben nicht geantwortet, ‚das ist deine Mutter oder deine Tochter oder dein Freund’, sondern ‚der, der deine Hilfe braucht, der, dem gerade du helfen kannst.’ Und dazu erzählte Jesus jene denkwürdige Geschichte:Ein Kaufmann war unterwegs, vermutlich mit seinen Waren. Die wird er nicht selbst getragen haben; wahrscheinlich hatte er ein Tier. Auf einem einsamen, schwierigen Abschnitt seines Weges lauern ihm Räuber auf, überfallen ihn, schlagen ihn halb tot, und nehmen alles mit. Völlig abgezockt, wie meine Konfirmanden sagen würden, liegt der Mann unter sengender Sonne, blutverschmiert, dem Tod näher als dem Leben. Da kommt ein Priester oder ein Pastor – sieht ihn liegen, tut als hätte er nichts gesehen und geht vorbei. Ebenso ein Rechtsanwalt – sieht hin und auch er tut, als habe er nichts gesehen. Darin sind sie wir Meister, im Weggucken. Im Nichtsehenwollen. Darin sind viele von uns auch Meister: Im Nichtsehenwollen.
Dann kommt ein Fremder ... der sieht ... dem bricht es das Herz. Man kann doch den armen Kerl nicht so liegen lassen, er bückt sich ... und hilft.Jesus treibt es in dieser Geschichte auf die Spitze: Es ist ein Fremder, der hilft: Also nicht, dass er mein Bruder wäre oder zu meiner Familie gehört, ist der Grund für meine Hilfe; nicht, dass er den gleichen Glauben hat wie ich, nicht, dass er zum gleichen Volk gehört, sondern einzig, dass er Hilfe braucht und ich helfen kann.Weil auch er Gottes Kind ist, wie ich, darum soll ich ihn achten wie mich selbst. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist viel mehr als jener Slogan: „Seid nett zueinander“. Oder „Immer recht freundlich“. Manchmal muss die Liebe dem anderen nämlich auch weh tun: Das war schon bei der Jesusgeschichte so: Der Fremde muss dem Zusammengeschlagenen die Wunden auswaschen. Was hat er dabei? Öl und Wein. Man darf annehmen, das hat gebrannt wie Feuer, als der sich bückte und die Wunden säuberte. Aber es war ja nötig! Sonst bleibt der Dreck, und die Wunden vereitern, vergiften sich und der Mensch kann daran sterben. Manchmal muss die Liebe dem anderen weh tun. Wie ein Arzt, der das böse Geschwür erkennt und sagt, das muss raus!
An einem unserer Jugendmitarbeiterabende hatte ich gefragt: Was erwartest du von einem Freund oder einer Freundin? In der Mitte eine Kerze. Nachdenken. Schweigen. Und dann: Von einem Freund erwarte ich, dass man sich anvertrauen kann. Dass der andere schweigen kann und nichts weitererzählt. Dass man Spaß miteinander hat. Dass der andere Humor hat und nicht alles tierisch ernst nimmt. Dass man verzeihen kann. Und immer wieder: Dass der andere ehrlich ist, dass er einem sagt, was er gut oder schlecht findet, dass er es einem selbst sagt, nicht anderen. Die Wahrheit kann sehr schmerzhaft sein. Aber sie ist so nötig. Wie soll ich denn wachsen, wenn mir niemand sagt, wo meine Fehler sind? Zur Liebe gehört die Ehrlichkeit.
Und von dieser Liebe stellt Paulus im Predigttext die gigantische Behauptung auf: Die Liebe ist größer als alle Gesetze: Sie ist die Erfüllung aller Gebote.
Paulus denkt natürlich an die 10 Gebote:
Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst den Namen...
Du sollst den Feiertag...
Du sollst deinen Vater...
Du sollst nicht töten
Du sollst nicht ehebrechen
Du sollst nicht stehlen
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden...
Du sollst nicht begehren...
All das ist zusammengefasst in dem einen: Wenn du nur liebst, brauchst du keine Gebote. Die Liebe wird den anderen nicht hintergehen. Sie wird ihm nicht heimlich etwas wegnehmen, was ihm doch gehört. Sie wird den anderen nicht schlecht machen vor irgendwelchen Leuten. Wer liebt, braucht keine Gebote. Wer nicht liebt, der braucht Gesetze, die ich zur Ordnung rufen und mit denen er zur Ordnung gerufen werden kann. Unterlassene Hilfeleistung lautet das Delikt, wenn man einen auf der Straße liegen sieht, und ihm liegen lässt. Unterlassene Hilfeleistung wird bestraft. Das ist auch richtig. Aber wer liebt – würde ihn dort nicht liegen lassen.
Nun höre ich die Vielen schon sagen: Aber Herr Pastor, man kann doch nicht allen helfen. Es gibt so viel Not auf der Welt, das ist doch ein Fass ohne Boden! Natürlich, das war schon Mutter Teresas Problem: Angesichts der endlosen Wüste des Elends war und ist ihre Hilfe gerade nur ein Tropfen auf den heißen Stein und nicht der Regen, der notwendig wäre, das Elend zu beenden. Aber die meisten von denen, die sagen, man könne doch nicht allen helfen, benutzen diesen Satz nur als Ausrede – um niemandem zu helfen. Jeder, der nur will, der kann: Bestimmt ist da ein Mensch in der Nachbarschaft, oder eine Mitschülerin, die niemand mag, ein Patenkind in fernem Land, oder ein Patenkind hier nah bei: Viel wichtiger als Geld ist immer: Zeit und Liebe. Zuwendung. Aufmerksamkeit. Menschliche Nähe, ein gutes oder ein strenges Wort ist durch nichts zu ersetzen.
Nun könnte jemand fragen: Und warum ich? Warum soll ich alter Egoist einen Teil meiner Bequemlichkeit aufgeben, einen Teil meiner kostbaren Zeit, einen Teil meines Geldes? Was habe ich denn davon, wenn ich zu dem Mitarbeiter oder Mitschüler, der so eklig ist in seiner Art, trotzdem freundlich bin? Warum soll ich, wenn ich verletzt bin, das nicht zurückzahlen? Warum soll ich nicht mal an mich zuerst denken? Die anderen denken doch auch nur an sich? Und warum soll ich ehrlich sein? Am Ende sind doch die Ehrlichen immer die Dummen!
Viele Menschen, die so fragen, sind in ihrem Herzen tief verbittert. Ich sitze bei ihnen zu Hause; sie haben alles, ein Grundstück, ein Haus, eine schöne Einrichtung, sie werden satt, sie sind nach menschlichem Ermessen, wohlhabend; im Weltmaßstab gemessen sehr reich, wenn man an Palästina denkt, an den Sudan, an Argentinien, an Indien. Was ihnen fehlt, ist – Liebe. Da sind sie irgendwie nicht satt geworden, und aus Angst, dass es für sie nicht reichen könnte, geben sie nichts ab. Warum soll ich alter Egoist einen Teil meiner Gewohnheiten aufgeben, einen Teil meiner Bequemlichkeit?
Ich könnte natürlich jetzt sagen, bei dieser Liebe handelt es sich um ein Geheimnis; das kann man nicht erklären, das kann man nur erleben. Erst wenn du aus dir heraus gehst, erst wenn du dich einsetzt, erst wenn du zum anderen hingehst, dann wird es sich zeigen. Natürlich, die ersten Male wirst du vielleicht zurückgestoßen, missverstanden, abgelehnt. Aber dann, wenn es gelingt, dem anderen tatsächlich nahe zu kommen, ihn lieb zu gewinnen, ihm zu helfen, wirst du etwas neues entdecken: Mutter Teresa und ihre Schwestern sagten, sie seinen in ihrer Arbeit für die anderen Menschen Gott näher gekommen als an irgend einem anderen Ort ihres Lebens. Und dabei halten sie natürlich ihre Gottesdienste und Andachten – und so eine große Messe wie die auf dem Petersplatz, das hätte ihr bestimmt auch gefallen, oder dieser Gottesdienst hier mit Chor und Kindern, mit Orgel und Kerzen!Aber da ist noch etwas:
Einmal ist diese Zeit zu Ende; einmal beginnt Gottes Reich. Einmal ist Schluss mit unserem Hass und Neid, mit unserer Niedertracht und Missgunst; einmal ist auch Schluss mit aller Ungerechtigkeit, mit dem Unrecht, dass der eine gewalttätig dröhnend dahergeht und den anderen verächtlich in den Staub wirft. Einmal ist Schluss mit dem Unrecht, das ich tue und das ich erleide.
Einmal kommt Gottes Reich, uns dann werden wir sehen, wie Gott uns gedacht hat.Deshalb beten wir: Dein Reich komme.Der Dreh und Angelpunkt in der Verkündigung Jesu lautete: Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe.

‚Klar’, haben alle gesagt, ‚nach dem Tod, irgendwann, in ferner Zukunft.’ Jesus selbst wusste auch nicht, wann es beginnt. „Das weiß allein der Vater“. Aber der Clou in seinem Denken war: Wenn wir glauben, dass das Reich kommt, lasst und heute schon so leben, denn dann fängt es jetzt schon an. Dann entstehen hier Oasen in der Wüste: Dann entstehen Räume, wo Gott wohnen kann. Räume, wo wir unserer Zeit voraus sind, wo etwas von Gottes Reich und seiner Liebe spürbar wird. Warum sollte unsere Kirche nicht solch ein Ort sein? Ein Ort der Aufmerksamkeit und Behutsamkeit? Ein Ort der Achtung vor dem Leben? Ein Ort der Ehrfurcht und Liebe?
Klar, solche Orte sind nur Oasen, ringsum bleibt Wüste. Aber eine Oase schützt uns, auf dem Weg durch die Wüste zu verdursten. In einem seiner schönsten Weihnachtslieder Lieder beschreibt Jochen Klepper diesen Weg: Der Stern, der uns leitet steht schon klar am Himmel. Auf dem Weg vor uns bleibt noch viel menschliche Bosheit und Dummheit und Dunkelheit. Aber das Licht leuchtet uns in der Nacht, trotz der nacht und weist uns die Richtung.
Ich glaube, auch Jesus war verliebt ins Gelingen. Er wusste, dass Gott uns entgegen kommt, wenn wir mutig auf ihn vertrauen. Und er wollte viele Menschen mitnehmen auf den Weg ins Leben, wollte sie befreien aus Traurigkeit und Verbitterung, aus ihrem Hass und ihrer Resignation. Dass sein Weg ihn durch die Wüste führt, hat ihn nicht abgehalten.
Auch Mutter Teresa glaubte fest, dass Gott ihr entgegen kommt. Wir heißen nicht Agnes Gonxha Bojaxhiu, wir sind nicht Mutter Teresa. Aber jeder hat seinen Platz, an dem sie, er mitwirken kann. Wir feiern Advent: Wir machen uns auf, im Vertrauen: Gott kommt uns entgegen. Amen.

19/12/2003 Pastor Bernhard Kuhlmann