Predigt am Pfingstsonntag 8.Juni 2003

 

Pastorin Almut Künkel, MaschenDer Predigttext aus der Apostelgeschichte 2, 1-18:
Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen, und sie werden Propheten sein.

Liebe Gemeinde,

Natürlich heißt sie nicht Marie, sondern anders. Und sie kommt auch nicht aus Maschen. Aber sie ist fast 14, aufgeweckt und ziemlich neugierig. Marie will es wissen. Das mag ich an ihr.

'Können Sie nicht mal über etwas predigen, was nicht so langweilig und traurig ist?' fragt Marie. 'Ich meine: gibt es nicht was, was wirklich lustig ist und oder wenigstens nicht so lahm?' Unsere Gottesdienst sind Marie zu lahm. 'Da ist nichts los, da passiert eigentlich nichts, außer dass man rumsitzt und wartet, dass es fertig ist. Und Sie sehen´s doch selbst: freiwillig kommt da kaum jemand.'

Dass Marie sich da nicht wohlfühlt, hat Gründe: 'Da sind ja fast nur alte Leute'. Na ja, das mit dem Alter ist natürlich relativ. Dass sie sich nicht wohl fühlt, liegt aber auch daran, dass ihr das meiste fremd ist und vermutlich auch fremd bleibt: die Liturgie: 'Ich weiß nicht, warum ich das mitsingen soll.' Die Choräle: 'Also ehrlich: die meisten finde ich schrecklich' und auch die Texte unserer Tradition: 'Warum müssen Sie denn immer über die Bibel predigen, das ist doch irgendwie blöd'. Marie hat wohl recht. Das dauert, bis man die Liturgie, die Choräle, die Predigten lieb gewinnt. Aber so weit kommt es meistens nicht in der Konfirmandenzeit.

Langweilig, eher bedrückend, grau in grau - ein kritischer Blick auf das, was wir tun. Stimmt das denn, Marie?
Manchmal möchte ich dir recht geben. Manchmal finde ich selber es auch etwas lähmend: wenige fröhliche Gesichter, oft etwas gedämpfte Stimmung, zu viele freie Plätze, die ihre eigenen Sprache sprechen.

Aber ich will auch etwas dagegenhalten: Stimmt nicht, Marie. Da passiert doch etwas. Da ist was in der Luft, wenigstens manchmal.
Aber Marie spürt das nicht. Darum meint sie: 'Machen Sie doch mal was richtig fröhliches, irgend was, was einen nicht so runterzieht.'Leicht gesagt. Doch, Marie, ich versteh schon, was du meinst. Aber trotzdem ist es ziemlich schwer getan. So einfach ist das nicht, Marie.
Glaube und Kirche sind aus einem anderen Holz geschnitzt als die Comedy.Shows und Blödelsendungen im Fernsehen. Pastoren sind keine Showmaster und sollten möglichst auch keine Oberlehrer sein.
Das Wort Gottes ist ihnen anvertraut, die Gute Botschaft. Und da geht´s eben nicht um ein paar seichte Scherze oder ein paar flotte Sprüche.
Was wir zu bieten haben, Marie, wir Christen mit unserer Bibel und unserer Hoffnung - das sind lebensrettende Träume. Komisch klingt das, merkwürdig und befremdlich. Aber es ist weder lächerlich noch lustig: wir haben Visionen anzubieten, Ideen vom Leben, wie es eigentlich sein sollte: dass die Lahmen springen, die Stimmlosen sprechen und die Toten wieder lebendig werden. Das ist eine fremde Botschaft. Die Welt schlägt ihr oft genug ins Gesicht,

' Die Lahmen gehen und die Stummen sprechen, - ist doch Quatsch', weiß Marie. 'Stimmt doch alles nicht, ist doch alles ganz anders'.

Wohl wahr - das stimmt: Menschen werden lahmgelegt oder stumm gemacht. Leben wird bedroht oder beschnitten, immer und überall. Aber gerade deshalb, Marie, ist das ja umso wichtiger: dass wir sagen, wie es denn sein sollte und könnte: dass Lahme wieder springen und Stumme ihre Stimme wiederfinden. Wenn keiner mehr sagt, wie es anders sein könnte, dann bleibt alles so wie es ist.

Darum - so schreibt der Theologe Fulbert Steffensky - darum 'sollten wir als Kirche mehr sein als nur eine Stimme im großen Gelächter der Gegenwart. Wir sind verantwortlich für Vision und Gewissen. Es sind genug andere da, die die Leute unterhalten'.

Also: Schluss mit lustig und zurück zum Ernst des Lebens? Die Gesichter in Denkfalten legen, die Hände falten und ein frommes Gesicht machen?

'Können Sie nicht mal über etwas predigen, was nicht so langweilig und lahm ist?'Hm, Marie. Gar nicht so einfach. Ein Gottesdienst ist keine Unterhaltungssendung.Aber trotzdem: Da ist was dran. Und was da dran ist, das hat für mich mit Pfingsten zu tun:

Denn da weht ein neuer Wind. Und zwar ziemlich heftig. Da flattern einem die alten Zöpfe um die Ohren und man muss die alten Hüte schon ordentlich festhalten, damit der Wind, Gottes Geist sie nicht mit sich reißt.
Also hör zu, Marie: Pfingsten - das ist nicht leicht und lustig, aber wenigstens richtig heftig. Gottes Geist hat Kraft - nichts da mit Lahmheit und Langeweile.

Lassen Sie uns Gott um seinen Geist bitten mit dem LiedLied:

Veni Sancte spiritus (Komm Heiliger Geist)

Nein, Marie. Etwa Witziges fällt mir nicht ein. Aber etwas, was nicht lahm ist, sondern kräftig und voller Energie: Gottes Geist, Pfingsten
In der Apostelgeschichte - wir haben's vorhin noch mal gehört- wird davon erzählt wie das damals war bei der frühen Gemeinde in Jerusalem:
Die depressive Stimmung ist da auf einmal wie wegblasen, das, was Dich, Marie, stört, wenn du am Sonntag in der vorletzten Reihe sitzt und in die Gesichter um dich herum schaust.

Was für ein Kontrast - beinahe wie in der Brigitte beim Vorher-Nacher- Foto: Nicht mehr: verbrauchte Luft in geschlossenen Räumen, sondern ein kräftiger Durchzug, der neuen Sauerstoff hineinbringt.
Die Jünger hocken nicht mehr am Tisch, und reden und reden und reden, sondern sie stehen auf, werden aktiv, setzen sich in Bewegung. Nicht mehr: die ewig gleichen Stimmen und Gesichter, sondern: andere Menschen, andere Orte.

Ich glaube das ist Pfingsten: nicht mehr die bekannten, festzementierten Positionen. Sondern umdenken, das Herz anrühren lassen und dann eine andere Sprache sprechen voller Feuer und Leidenschaft.
Nicht mehr: die Mundwinkel nach unten und die Augen müde. Sondern: ein klarer Blick und ein entschlossener Gesichtsausdruck.
Alles neu, alles anders - und das plötzlich und unerwartet, nicht zart und sanft, sondern leidenschaftlich und heftig.
Kein Wunder, dass die Jünger später vom Geist Gottes als von einer kräftigen Windböe sprechen, von Feuerzungen, deren Hitze sie spüren, die einem die Haut versengen und die Worte aus dem Mund platzen lässt.
Pfingsten : alles andere als lahm und gesetzt und depressiv: Nicht zufällig hat man als Rot als liturgische Farbe ausgesucht, rot wie das Blut, rot wie die Liebe und die Leidenschaft .

Es wäre schön, wenn in unserem Lied etwas von dieser Leidenschaft durchklingt, wenn wir Gott bitten:

Veni sancte spiritus (Komm heiliger Geist)

Gottes Geist zu Pfingsten: nicht lahm und langweilig, sondern kraftvoll und leidenschaftlich. Kein lauer Luftzug, sondern eine kräftige Böe. Lass uns mal genauer hinschauen, Marie:

Was in Jerusalem mit den Jüngern passiert, ist irritierend: sie haben Visionen, sie hören Stimmen, sie gestikulieren wild in der Gegend herum und sprechen in Zungen und fremden Sprachen, so dass es anderen scheint, sie seien schon am frühen Morgen restlos betrunken.

So gesehen ist Pfingsten und die Kraft des Heiligen Geistes ziemlich befremdlich, unkontrolliert, etwas verrückt. Die meisten heute morgen hier in der Friedenskirche sind ganz anders geprägt. Hören auf das Wort Gottes, in Ruhe drüber nachdenken, sich mit anderen darüber austauschen - das ist mir und anderen vertrauter und näher als Zungenrede, Ekstase und Verzückung.

Und du, Marie, würdet wahrscheinlich ganz schnell den Raum verlassen, wenn Gottes Geist hier bei uns so wirken würde, wie damals in Jerusalem.

Aber seltsam: woanders gibt's das noch, dieses heftige und leidenschaftliche Pfingsten. In unserer westlichen Kirche übersehen wir das meist bei all dem Klagen über den Niedergang von Kirche und Glauben. Aber weltweit wachsen die Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Allen voran sind es die pfingstlichen Erweckungsbewegungen, die eine enorme Anziehungskraft entwickeln: in Osteuropa und Lateinamerika ebenso wie in vielen afrikanischen Staaten oder auch in den USA.

Das löst bei mir sowohl Faszination als auch Befremdung und Irritation aus. Als Kind meiner Tradition tue mich schwer mit Dingen, die sich meiner Kontrolle entziehen. Ich bin da eher kritisch: die Grenzen zwischen Begeisterung, Massenhysterie und religiöser Erfahrung sind fließend. Ist das nun wirklich Gottes Geist ist oder religiöse Manipulation - ich bin mir nicht sicher.

Aber andererseits denke ich auch: 'Na, etwas mehr vom Heiligen Geist, etwas mehr Begeisterung , etwas mehr Power und Energie könnte uns hier auch nicht schaden.'Religiöse Verzückung,- lieber nicht. Aber mehr Lebendigkeit, mehr Engagement mehr Spontaneität ,- doch, das fehlt mir auch.
Also: Manchmal hast du recht, Marie, wenn du kritisierst: das ist so lahm, die Stimmung ist so gedrückt, alles ist eher grau statt rot.
Lassen Sie uns Gott darum bitten, dass sein Geist uns heute an diesem Pfingstfest nahe rückt und frischen Wind bringt in unserer Gedanken und Gefühle.

Lied: Veni Sancte Spiritus (Komm Heiliger Geist)

'Wie nun', fragt Marie, ‚war´s das nun mit Pfingsten und dem Geist? Ist der nur bei denen in Südamerika und diesen Fanatikern?Nein, Marie, das glaube ich nun auch wieder nicht.

Gottes Geist weht, wo er will, heißt es in der Bibel. Man kann auch sagen: er weht, wie er will,- nicht für alle gleich, nicht überall mit dieser Heftigkeit, die mir eher Angst einjagt , sondern manchmal auch anders, sanfter, gemäßigter.

Ich glaube, dass der Geist Gottes verschiedene Sprachen spricht. Ich glaube, dass er ganz unterschiedlich wirkt und erfahrbar ist. Als Leidenschaft , aber auch als Besonnenheit, als Erneuerer, aber auch als Tröster, als Kraft, aber auch als Hoffnung, als nüchterne Sachlichkeit und als gefühlvolle Begeisterung. Ich glaube, dass man Gottes Geist nicht festlegen kann .Aber ich glaube auch, dass man entdecken kann,- mitten unter uns.

Mal wirkt Gottes Geist wie Sturm und Feuer. Aber mal spricht er eben auch aus einem alten Choral, den ich mit anderen singe, aus einem Bibelvers, der mir in die Hände fällt, aus einem Gebet, das auf einmal stimmt. Ich glaube, dass Gottes Geist auch aus einem Lächeln wehen kann, das ein anderer mir überraschend schenkt, aus einem Blick, einer Nachfrage: 'wie geht´s dir denn, du siehst so fertig aus.' Ich erlebe immer wieder , dass Gottes Geist manchmal tatsächlich unsere Köpfe durchpustet : da ändert einer auf einmal seine Meinung, obwohl er lange Zeit rechthaberisch darauf bestanden hat: 'Habe ich wirklich falsch gesehen, tut mir leid'.

Pfingsten: Da tut sich was, und zwar Gutes. Da tut einer was, nämlich Gottes Geist, der uns bewegt. Manchmal merkt das auch, Marie: da singt einer laut mit. Da verzieht sich eine Miene zum Lächeln. Da sagt einer: Hallo,- wieder da? Da kann einer weinen, weil ihm zu Heulen zu Mute ist.

Nur eins noch, Marie: ein Bild habe ich gesehen, das für mich auch zu Pfingsten gehört:
Da flattert eine Taube vom Himmel. Und da steckt ein Mensch seine Hand aus. Das ist wichtig, denke ich, die Hand auch selber auszustrecken und so eine Art Landebahn vorzubereiten. Keiner kann dir garantieren, ob die Taube, Gottes Geist da wirklich landen wird. Aber gemeinsam können wir Gott darum bitten: Komm Heiliger Geist, entzünde die Feuer deiner Liebe - auch bei uns. Amen

Lied: Veni Sancte spiritum (Komm heiliger Geist)

17/06/2003 Pastorin Almut Künkel, Maschen