Lukas 2, 1-14
Wie das Jesuskind auf die Welt gekommen ist, das wissen wir ja nun, das hören wir jedes Jahr, und das haben wir eben wieder gehört. Aber wie kam es eigentlich dazu, daß das auf so ungewöhnliche Art geschehen mußte - mit Stall und Krippe, Engeln und Hirten? Ich erzähle es Ihnen. Ich erzähle Ihnen sozusagen die Vorgeschichte von Weihnachten.
Die Engel, jedenfalls die wichtigsten, also die Erzengel, die Chefs der Seraphim und der Cherubim, saßen bei Gott Vater und berieten die aktuellen Probleme, wie sie das regelmäßig taten, jede Ewigkeit einmal. Heutiger Tagesordnungspunkte: Die Ankunft des Messias auf Erden, dann noch Verschiedenes. Protokollführung beim Erzengel Uriel.
"Ich meine," begann Gott Vater, "es ist so weit, daß wir etwas zur Rettung der Menschen tun müssen. Wo ich hinsehe herrschen Krieg und Streit, Haß und Unfriede, nicht nur in Afghanistan oder Palästina, nein, auch im Sudan, auf den Philippinen. Argentinien ist pleite, das trägt auch nicht zum Frohsinn der Menschen bei, halb Afrika ist schon durch Aids dahingerafft."
"Ach," denkt Uriel und hört auf mitzuschreiben, "jetzt kommt wieder alles Elend der Welt auf allen Kontinenten. Kenn ich ja, füge ich hinterher ein", und lehnt sich zurück.
Gott Vater ist gerade dabei, wie er sich bitter darüber beklagt, wie viel Streit in den Familien herrscht, wie bitter es ist, wenn man mit 18 keine Arbeit findet oder mit 55 arbeitslos wird, wie schwer es die alleinerziehnden Frauen haben, da faßt sich Michael ein Herz und fällt ihm ins Wort: "Wir wissen es, brauchst du nicht im einzelnen ausführen, verehrter und hochheiliger Gott Vater. Hätten die Menschen nur ein wenig mehr Liebe in ihren Herzen, ein wenig mehr Vertrauen, ein wenig mehr Geduld..." "Genau," fällt nun Gott Vater dem Erzengel Michael ins Wort, "genau, du sagst es. Aber wie trösten wir die traurigen Menschenherzen am besten? Wie helfen wir den Gequälten am effektivsten? Wie geben wir denen am wirkungsvollsten neuen Lebensmut, die keinen mehr haben?
Wir müssen ihnen den Messias schicke," sagt Gott Vater.
Die Engel stimmen zu. Besonders die Seraphim. Einer von ihnen schlägt vor, man könne doch den regierenden König von Juda nehmen. "Du baust ihn um, Gott Vater, "sagt er, "zu einem Heiligen, denn das ist er ja leider noch nicht. Das kriegst du schon hin." Einer der Cherubim ist mehr dafür, einen Propheten zu nehmen, Propheten hätten eine gewisse Erfahrung mit Trost und Zuspruch. "Wie wäre es mit diesem Bußprediger, Johannes heißt er glaube ich," schlägt Rafael vor.
Gott Vater schüttelt das Haupt. "Zu wenig Freude," sagt er, "zu wenig Freude! Die Menschen sollen sich freuen, wenn ihr Erlöser kommt. Lachen sollen sie, tanzen, singen! Ich fürchte, das tun sie weder bei Johannes noch bei diesem König. Vor Bußpredigern und Königen fürchten sie sich eher."
Der Engel Gabriel kaut an seinen Fingernägeln. Das tut er immer, wenn er ratlos ist und scharf nachdenkt. Der kleine Orion pult in der Nase, was sich auch im Himmel nicht gehört, und weiß auch nicht weiter."Wir wär's mit einem Kind," sagt Gabriel plötzlich, "über ein Kind freut man sich immer."
"Ein Kind?" Gott Vater stemmt die Arme in die Seite und denkt nach. "Ein Kind? Ja, ein Kind! Gute Idee, wir nehmen ein Kind. Habt ihr schon mal einen Menschen gesehen, der sich fürchtet, wenn er ein Kind sieht? Ich noch nicht! Am besten, wir nehmen einen Säugling, der ist auch noch so herzig!"
"Klar," begeistert sich Uriel, "der Messias muß als Kind auf die Welt kommen." "Als ganz kleines Kind," pflichtet ihm Rafael bei." Die Engel sind begeistert und die Seraphim und die Cherubim fangen schon mal an zu jubilieren, wie das so ihre Art ist.
"Hört doch mal auf zu singen," sagt Gott Vater, und Michael fragt: "Wer spielt denn das Kind? Wen nehmen wir denn da am besten?"
"Den Sohn von Herodes? Immerhin ein Königskind,"schlägt einer der Cherubim vor. "Nein" sagt Gabriel, "dem glaubt keiner den Messias." Sie überlegen weiter. Den Sohn eines Propheten? Oder den eines Jerusalemer Rabbis? Der kleine Orion schlägt keck vor: "Wie wär's mit einem kleinen Mädchen? Die sind doch besonders herzig!" "Quatsch," läßt Uriel den Griffel fallen, "noch leben wir im Patriarchat, und das soll auch so bleiben, mindestens die nächsten 2000 Jahre.
"Wer spielt das Kind, überlegen die Engel weiter, und Gott Vater wiegt nachdenklich den Kopf.
"Ich", sagt er plötzlich.
"Was, ich?" fragt Michael. "Du?""Ja, ich" sagt Gott Vater."Das geht doch nicht, sagt Gabriel, "du willst ein Mensch werden? Ein richtiger Mensch? Einer, der in den Windeln liegt? Der erwachsen wird? Da lachen ja die Menschen!" "Das sollen sie doch," sagt Gott Vater, "sie sollen doch lachen!""Aber sie sollen dich doch nicht auslachen," protestieren die Engel, "Gott auslachen - das geht nicht, das dürfen sie nicht."
Gott Vater lächelt: "Na und? Laß doch ein paar darunter sein, die mich auslachen. Ich fände es schon schön, wenn einige mich anlachen und die meisten sich einfach freuen.""Und der Himmel" fragt ein Seraphim, "dann steht der Himmel ja leer!""Ja," sagt Gott, "dann ist der Himmel leer. Beziehungsweise auf Erden."
Die Engel sind still, mucksmäuschen still. Das hat es schon lange nicht gegeben im Himmel, daß sogar die Cherubim vergessen zu singen. So überrascht sind die Engel. Gott - ein Mensch? Der Himmel auf Erden? Das übersteigt ihre Vorstellungskraft.
"Das geht schief," sagt Michael plötzlich mitten hinein ins himmlische Schweigen.
"Ja," sagt Gott Vater, "das wird schief gehen. Da werde ich einiges auf mich nehmen müssen." "Die bringen dich um," ruft Rafael. ""Ja," sagt Gott Vater, "sie werden mich umbringen. Aber dieses Kreuz muß ich auf mich nehmen. Grade weil es schief geht, geht es gut. Geht es gut aus für die Menschen."
Die Engel schauen ratlos. Das verstehen sie nicht. Nichts verstehen sie. Weil es mit Gott auf Erden schief geht, geht das gut für die Menschen?
Gott Vater lächelt in sich hinein und murmelt: "Freuen sollen sich die Menschen, einfach erst einmal freuen." Dann richtet er sich auf und sagt mit fester Stimme zu den Engeln: "Macht euch keine Sorgen, ich sehe ein, daß ihr das nicht versteht - Gott wird Mensch! Das erkläre ich euch dann bei unserer nächsten Sitzung. Die ist Ostern. Wir kommen jetzt zum Tagesordnungspunkt Verschiedenes".
MUSIK
Die Frage, warum Gott sich als Säugling in einer Krippe zu erkennen gibt, ist ja noch nicht beantwortet. Mir fallen drei Gründe ein:
1.) Heiligabend werden unsere Gottesbilder zerstört. Gott will nicht allmächtig sein, nicht allwissend, nicht allgegenwärtig. Sondern klein, schmächtig und ohnmächtig. Vorsicht also bei allen Fundamentalisten oder ähnlichen Überzeugungstätern, die mit Gottes Allmacht und Größe ihre eigenen Allmachtsphantasien und ihren eigenen Größenwahn legitimieren. Solche gibt es nicht nur bei talibanischen Muslimen, sondern auch unter Christen. Das können wir an diesem Heiligabend mit nach Hause nehmen: Gott erschlägt niemanden, auch nicht mit Ideen und Gedanken und frommen Überzeugungen.
2.) Gott will nicht bedrohlich sein. Kinder machen keine Angst. Das können wir an diesem Heiligabend mit nach Hause nehmen: Gott macht keine Angst. Gott weckt vielmehr Gefühle der Zärtlichkeit, der Wärme, der Zuwendung, der Liebe.
3.) Gott liefert sich uns aus. In diesem weihnachtlichen Bild liefert er sich einer Frau aus. Die ihn nähren muß, großziehen wird, lehrt, auf eigenen Füßen zu stehen. Die ihn liebt, als Menschen liebt, weil Menschen ohne Liebe nicht leben können. Gott zeigt uns, was Liebe ist. Das können wir an diesem Heiligabend mit nach Hause nehmen: Gott traut uns zu, daß auch wir einander lieben. Gott traut uns zu, daß wir ihn lieben. Komme, was da wolle.
Wir wissen ja, was dann kam: Kreuz und Tod kamen. Aber Kreuz und Tod tun der Liebe und dem Leben keinen Abbruch mehr. Seit Weihnachten. Amen
24/12/2003 Pastor Geppert