Predigt 2. Kor. 5, 1-10 - Vorletzter So. des Kirchenjahres 2002
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.
Den Predigttext haben wir eben schon in der Lesung von Maren gehört.
Gott, segne Reden und Hören, schenke uns Verstehen. Amen.
Liebe Gemeinde,
gemeinhin heißt dieser Sonntag "Volkstrauertag". Aber: Volkstrauertag ist kein kirchlicher Feiertag. Im kirchlichen Kalender heißt dieser Sonntag schlicht "Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres". - Vorletzter Sonntag - und das bringt mich auf die Spur: Wenn also das "Trauern" das "VOR"-Letzte ist - dann muss ja noch etwas anderes kommen.
Zuerst zu den "Vor"letzten Dingen:
· Wenn von den Toten nur die Erinnerung bleibt
· das Haus, in dem wir leben -
o zuerst einmal unser Körper, diese sterbliche Hülle -
o dann auch ganz wörtlich, die Wohnung, das Ein- oder Zweifamilienhaus, das uns einen Dach über dem Kopf bietet
o und im weiteren Sinn: was wir so im Leben besitzen -das sind vorletzte Dinge. - Vorletzte Dinge. Demgegenüber beschäftigt sich Paulus im Predigttext mit letzten Dingen. Er schreibt davon, dass wir Christen uns danach sehnen, den Leib zu verlassen, uns danach sehnen, dass diese irdische Hütte abgebrochen werde und wir in Gottes ewiges Haus gelangen. Tja, Schwestern und Brüder, schöne Worte, nicht wahr? Allein - wer glaubt's?Oder - genauer gesagt: Diese Worte des Apostels Pau-lus stimmen nicht. Sie sind nicht wahr. Er behauptet da nämlich etwas, was man so einfach nicht stehen lassen kann. - Ja, ich weiß, was ich sage, kucken Sie mich nicht so ent-setzt an. - Sehen Sie nicht mich an, sondern sich selbst, da-mit Sie verstehen, was ich meine. Also - Vers 8: Wir sind aber getrost und haben Lust zu sterben, um beim Herrn zu sein. - Ganz ehrlich: Haben Sie Lust zu sterben? - Sehen Sie, dass ist es, was ich meine.
Es gibt natürlich so etwas wie Todessehnsucht, ich weiß - zwei Beispiele:
1. Immer wieder im Laufe der Kirchengeschichte gab - und gibt - es Gruppen, die den Tod kultivieren und ersehnen. - Aber, ganz nüchtern betrachtet: das sind in der Re-gel irgend wel-che Fundamenta-lis-ten, Fa-na-tiker, da war Mas-sen-psychose im Spiel, kollektive psychische Krankheit.
2. Und 2., auch im Leben einzelner Menschen, im Leben von Individuen gibt es Phasen, in denen Menschen den Tod herbei sehnen. Der Tod des liebsten Menschen - eine unheilbare Krankheit, eine Reihe von Schicksalsschlägen - das kann den Wunsch auslösen, "den Leib zu verlassen".
Aber die Regel sind solche Fälle - Gott sei Dank! - nicht. Ich finde: Der Apostel Paulus macht den Fehler, dass er im Plural schreibt. "Wir haben Lust..." - hätte er geschrieben: "Ich habe Lust...", dann wäre das für mich nachvollziehbarer. Was also kommt nach diesem "Vorletzten Sonntag", nach diesem vorletzten irdischen Leben?
Paulus schreibt von dem "ewigen Haus" bei Gott. Schreibt von der himmlischen Heimat.
Ich finde es schwierig, darüber zu reden. Schwierig, aus vielerlei Gründen:
· Weil die Rede vom Leben nach dem Tod Jahrhunderte lang von den Mächtigen dieser Welt missbraucht worden ist. Missbraucht worden ist, um die Unterdrückten und Benachteiligten zu vertrösten - "Hier auf Erden musst du lei-den - aber im Himmel, da wirst du "dermal-einst" ü-ber-reich belohnt werden." - Himmel als billige Vertröstung? Gott bewahre!
· Es ist schwierig, vom Himmel zu reden, weil wir es uns einfach nicht vorstellen können, wie das aussehen soll. - Das antike Weltbild des Apos-tels Paulus - Oben: Him-mel - Mitte: Erde - Unten: Totenreich (mit dem Fegefeuer - das ist ein spezieller Ort für Katholiken!) - dies Welt-bild ist ad acta gelegt. Gottes herrliche Schöpfung, der Weltraum, die Planeten das ist alles et-was komplexer als der Apostel Paulus es ver-stand, verstehen konnte. Ich habe den Ein-druck: Mit dem antiken Weltbild ist uns Chris-ten-menschen auch der Himmel abhanden ge-kom-men. - Ich habe mal im Internet nachgesehen: Es gibt keine, fast keine, aktuellen Predigten über den Himmel - (über die Hölle übrigens auch nicht, aber das ist wieder ein anderes Thema). Wir haben unsere Sprache, unsere Bilder für den Himmel verloren.
· Und noch ein dritter Grund, warum es schwierig ist, über den Himmel zu reden: Weil man da ja nicht direkt hinkommt: Vor dem Himmel, wie immer er aussehen mag, wie immer wir ihn uns vorstellen - oder eben nicht vorstellen können - davor liegt jedenfalls das Sterben und der Tod. Und das macht den meis-ten Menschen Angst. Martin Luther vergleicht das Sterben in sei-nem unvergleichlichen "Sermon von der Be-rei-tung zu dem Sterben" mit dem Geboren-wer-den. Es geht beim Sterben zu "gleich wie ein Kind aus der kleinen Wohnung im Leib sei-ner Mutter mit Gefahr und Ängsten geboren wird unter diesen weiten Himmel und auf diese wei-te Erde, das ist: auf diese Welt." Wie das Ba-by, so Luther, aus seiner kleinen Welt im Mut-ter-leib durch die enge Pforte hindurch muss - in diese große weite Welt hinein - so müssen wir Menschen durch die enge Pforte des Todes hindurch - hinein in Gottes neue Welt. Und wei-ter schreibt er: "Und obwohl der Himmel und die Welt, in der wir jetzt leben, als groß und weit angesehen wird, so ist doch alles gegen-über dem zukünftigen Himmel viel enger und klei-ner, so wie der Mutterleib gegenüber dem Himmel ist." (Zitate nach Dt. Pfarrerblatt, Okt. 2002, S. 520) - Ich höre die Hoffnung - aber zu-erst einmal ist da "die enge Pforte" - und die macht es so schwer, über das zu spre-chen, was danach, hinter der Tür, sein wird.
Paulus versucht es trotzdem - und ich will es jetzt auch versuchen. Aber wenn ich vorhin moniert habe, dass Paulus den Fehler macht und von "Wir" spricht - so will ich Ihnen heute von "Mir" erzählen, von meiner ganz persönlichen Hoffnung.
Ich stimme nicht mit dem Paulus überein, wenn er sagt: Wir haben Lust, den Leib zu verlassen." Nein - ich habe keine Lust zu sterben. Jedenfalls im Moment nicht. Ich lebe gern und bin dankbar für jeden Tag, den Gott mir auf dieser Erde schenkt. Mit all seinen Möglichkei-ten, auch mit allen Schwierigkeiten, gewiss. Ich freue mich an jedem Morgen, wenn ich die Augen aufmache und neben mir meine Frau sehe, die meist noch süß und selig schlummert. Viel grö-ßer kann das Glück nicht sein. Und deshalb habe ich, lieber Paulus, wirklich noch keine Lust zu sterben!
Aber das andere, was du schreibst, das kenne ich: Sehnsucht nach der himmlischen Heimat. Noch mal, Schwestern und Brüder: Diese Sehnsucht muss nach meinem Geschmack nicht unbedingt heute gestillt wer-den oder Mor-gen. Und den-noch: Das Gefühl der Sehnsucht, das bleibt.
Das Gefühl, auf dieser Erde nicht ganz zuhause zu sein. Sehnsucht nach Heimat. Sehnsucht nach einem Ort, nach einem Platz an der Seite Gottes - einem Ort, an dem mein ganzes Rackern und Streiten, mein "Seufzen", wie Paulus es nennt, mein ganzes Mühen und Kämpfen ein Ende findet, ein gutes Ende. Ein Ort, von dem mich niemand ver-treiben kann. Ein Zuhause. Und zwar nicht ein Vorletztes - sondern ein Letztes, ein Ewiges. Ich empfinde dieses Leben wie ein wunderbares abend-fül-len-des Menü - und das ewige Leben ist das Dessert. Ohne Nachtisch ist ein Essen nicht vollständig. Ein wun-derbares Dessert, dessen Geschmack man noch tagelang im Munde spürt und die Erinnerung daran löst jedes Mal erneut ein Lächeln aus.
Und auch der letzte Satz des Apostels Paulus: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Damit hat man schon den Kindern Angst gemacht: "Pass' bloß auf - der liebe Gott sieht alles!" - Genau, Schwestern und Brüder, der liebe Gott sieht alles:
Aber - so glaube ich - er sieht das nicht, um mir hinterher einen reinzuwürgen und mich ordentlich abzustrafen Nein, sondern er sieht, wie sehr ich mich hier abmühe und abstrampele in meinem Le-ben, um alles auf die Reihe zu kriegen und auf einen grü-nen Zweig zu kommen. Sieht die Liebe in meinen Augen und meine Enttäuschungen und meine Niederlagen. - Und dann - so hoffe ich - komme ich vor ihn, vor seinen Richterstuhl und muss offenbar werden - offenbar werden.
Da sieht er mich dann an - Jesus sieht in mir tief in deine Augen - und sieht mich so, wie er mich geschaf-fen hat - als Mensch, als gutes, wunderbares, begabtes, liebenswertes Geschöpf seiner Hand. Und sieht auch, was dann noch alles im Laufe meines Lebens dazu gekom-men ist: die Fehler, die Bos-heiten, die Verletzungen, die Enttäuschungen, sieht auch den tiefen Riss in der See-le - und dann sagt er zu mir: Siehe, Frank, ich mache alles neu! Ich mache dich neu - und dann lässt er mich offen-bar werden - er tut all das Schlechte, all das Böse, all dieses Zeug ab - und da werde ich dann stehen vor seinem Richterstuhl - neugeboren durch Jesu Wort. Das muss wirklich der Himmel sein!
Der Mensch, du und ich - so wie Gott sich uns ur-sprüng-lich ausgedacht hat - "alle Mängel abgetan" (Matthias Claudius) - das heißt "offenbar werden". Und das, Schwestern und Brüder, das ist meine Hoff-nung. Und deshalb sage ich: ich möchte zwar nicht sterben - aber diese Sehnsucht des Paulus - diese Sehnsucht nach himmlischer Heimat, die kenne ich. Und die kenne ich nicht nur - sondern (manchmal) freue ich mich richtig darauf. Dort will ich gern hingehen - kommt ihr mit?
Amen.
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