Predigt am 8. Dezember 2002 Text: Matthäus 11, 2-6

 

in der Thomaskirche, Klecken

Liebe Gemeinde,
wenn ein Gast – gar ein hoher Staatsgast – sich ankündigt und erwartet wird, dann wird dieser Besuch auch entsprechend vorbereitet. Je nach Wichtigkeitdes Gastes wird der Ort des Zusammentreffens gewählt, die Unterkunft muss stimmen, festliche Aktivitäten werden organisiert, der rote Läufer wirdsaubergemacht, Personal steht bereit, Bodyguards bekommen Order und die Staatskarossen werden auf Hochglanz poliert – der Gast kann kommen.
Auch wir bereiten uns vor, wenn wir die Ankunft von Gästen erwarten etwa aus der Familie, aus dem Freundeskreis: Ein Zimmer wird gerichtet, frischeBlumen stehen auf dem Tisch. Es wird überlegt, was können wir zusammen unternehmen? Eine Flasche Wein wird ausgesucht.

So kennen wir es. So ist es Brauch. Steht ein besonderes Ereignis an, bereiten wir uns vor.

Johannes ist im Neuen Testament derjenige, der ankündigt, dass einer kommen wird, den Gott selbst gesandt hat: Bereitet euch darauf vor! ruft er denMenschen zu. Bereitet euch darauf vor, wie auf einen besonderen Besuch.

Absonderlich sieht Johannes ja aus: Er lebt in der Wüste, in der Einsamkeit. Er trägt ein Fellkleid aus Kamelhaaren. Er ernährt sich von wildem Honig undHeuschrecken. Er macht nicht viel Worte. Alles an ihm wirkt echt – was er sagt, glaubt er auch.

In der Lesung nach Lukas (3, 1-20) haben wir es gehört: Johannes, mit dem Beinamen „der Täufer“, ist nicht zu übersehen und zu überhören. „Lasst euchtaufen!“ sagt er den Leuten, „reinigt euch, setzt ein Zeichen für eure Umkehr, für eure Erwartung, für den Neuanfang, denn Gott ist auf dem Weg zu euch –darum seid bereit, haltet Ausschau nach dem, der da kommt, haltet Einkehr in euch und prüft vor allem eure Lebenshaltung!

Die Leute kommen in Scharen zu ihm. Er hat etwas Anziehendes trotz seines Äußeren, das ihn als Sonderling als Einzelgänger kennzeichnet. Sie wollen sichtaufen lassen, drängen ihn. „Ihr müsst es ehrlich meinen,“ sagt er. „Zeigt es durch euer Tun, dass etwas in euch anders geworden ist, lauft nicht einfach denanderen nach.“ In seine Kritik, was Lebenshaltung angeht, schließt Johannes sogar den König Herodes und seine Frau mit ein. Er nimmt kein Blatt vor denMund. Unrecht nennt er beim Namen und das ist gefährlich! Und so lässt Herodes den unbequemen Prediger aus der Wüste in das Gefängnis werfen. Hierwird er wohl hoffentlich verstummen. Hier wird er wohl keinen Einfluss auf die Menschen mehr ausüben können.

Doch Herodes hat sich getäuscht, wenn er vor 2000 Jahren meinte, dass Gott sich aufhalten lässt, dass Gottes Wort sich wegsperren, einschließen lässt, dassdie Erfüllung der Verbreitung stirbt. Herodes hat sich getäuscht, dass damit etwas zu Ende ist, indem er Johannes den Täufer aus der Öffentlichkeit entfernt.
Denn der, den Johannes ankündigte, von dem er sagte: „Nach mir kommt einer, der ist mächtiger, der ist größer, der ist höher als ich, denn ich taufe mitWasser, er aber wird mit dem Geist Gottes taufen“, der, den Johannes ankündigte, der ist schon längst da und lebt unter den Menschen. Johannes selbst hatihn getauft wie die andern. Johannes hat ihn erkannt, er hat Gottes Stimme gehört bei der Taufe, als Gott sagte: „Dies ist mein Sohn, an dem ich Wohlgefallenhabe.“Johannes weiß, dass dieser da ist – sein Auftrag ist erfüllt. Er hat den Weg bereitet. Er war der Rufer. Er hat den Menschen gesagt: „Gott will zu euchkommen, seid bereit dafür und wisset, dass Gott euch in eurem Innersten erkennt, darum keine vordergründige Umkehr.“

Nun ist Johannes der Täufer im Gefängnis – seine Tage sind gezählt. Johannes hört im Gefängnis von den Taten Christi und schickt er einige seiner Jünger zu
ihm.

 

Ich lese den Predigttext Matthäus 11, 2-6:

„Bist du der Retter, der kommen soll?“ ließ er fragen, „oder müssen wir auf einen anderen warten?“

Jesus antwortete ihnen: „Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht. Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taubehören, Tote stehen auf und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet. Freuen darf sich jeder, der nicht an mir zweifelt.“

Als die Jünger von Johannes ihm diese Antwort in das Gefängnis bringen, da weiß er, dass Jesus der ist, auf den er gewartet hat, den er angekündigt hat.

Es sind die schon lang verbreiteten Zeichen von Befreiung und Rettung, die von Jesus ausgehen. Der Mensch wird heil in seiner Nähe und das ist Gottes
Werk.

Johannes wird sterben mit dem Wissen, dass Gottes Sohn gekommen ist, dass Gottes Sohn bei den Menschen ist.

Seine Aufgabe ist erfüllt, dennoch hören wir seinen Aufruf wieder und wieder in der Adventszeit, wie heute, die uns auf den Weg schickt, wie die Hirten, wiedie Weisen aus dem Morgenland, wie ein Mensch, der fragt: Wo bekomme ich das im Leben, was mich erfüllt und reich macht, was mich erfreut und micherhält, was meine Sehnsucht und meinen Schmerz aufhören lässt? Wo bekomme ich das?

Der Ruf von Johannes dem Täufer hat sich zum einen erfüll, denn der Retter ist da. Zum anderen ruft er durch die Jahrhunderte die Menschen immer wiederneu auf, dem entgegen zu sehen: Bereitet euch vor, denn Gott will zu euch kommen. Schaut euer Herz an, prüft, wie ihr es meint und geht Gott entgegen.

So liegen Erfüllung und Suche, so liegen Ankunft und Erwartung ganz dicht beieinander, denn Gottes Sohn ist da, sein Wort ist lebendig unter uns unddennoch müssen wir uns darauf vorbereiten, dies zu sehen. Die Hirten werden zum Stall gehen müssen. Die Weisen haben den langen Weg aus demMorgenland vor sich, geführt von dem Stern. Und wir müssen das Wahre aus all dem herausschälen was vermeintlich Advent und Weihnachten ist.

In diesem Jahr scheint Weihnachten dann zu sein, wenn ich ein Fotohandy bekomme oder wenn ich den Rekord im Lichterketten-anbringen brechen kann.

Eine Verkäuferin sagte zu mir: „Ich kann diese Weihnachtsmusik im Geschäft nicht mehr hören.“

Wir sind schon lange satt und haben doch alles, was wir brauchen in unseren Schränken stehen.

“Wer hat denn überhaupt noch den Wunsch Gott zu gefallen, alles herzurichten, wie wenn ein hoher Gast kommt, den wir gespannt erwarten? Wer such
danach Gott zu gefallen und sich dafür Zeit zu nehmen, anstatt so viel Zeit im adventlichen Stress zu verbringen?

Es muss sich etwas ändern! Aber was?

Ein Mensch, schon im gesetzten Alter, erzählte einem guten Freund über sein Leben und über das, was ihm in den verschiedenen Lebensaltern wichtig war.“Als ich jung war, in meiner Jugend, begann er, wollte ich die ganze Welt verändern, alles Böse ausmerzen und alles zum Guten führen. Aber ich merkte bald,dass sich bei allem, was ich tat und anfing, die Welt nicht änderte. Dann beschloss ich, nicht mehr die ganze Welt, wohl aber die Menschen in meinem Umfeldzu verändern, meine Familie, meine Nachbarn, die Menschen rund um mich herum. Nicht im großen Rahmen der ganzen Welt, sondern im meinem kleinenund überschaubaren Umfeld sollte alles gut und richtig werden.

Doch auch das ließ sich nicht verwirklichen. Selbst meine Kinder gingen ihre eigenen Wege und auch sonst machte jeder, der mir wichtig war, inentscheidenden Dingen nicht das, was ich mir vorstellte, sondern tat, was er wollte. Wiederum war ich enttäuscht! Seit einigen Jahren nun habe ich meinLebensziel noch einmal neu bedacht. Jetzt möchte ich nichts anderes mehr erreichen, als dass ich mich selbst veränderte und neu auf das Gute ausrichte. Und
weißt du, er wandte sich seinem Freund zu, ich habe erkannt, dass dies noch schwerer ist als alles, was ich vorher versucht habe. Zum Guten umzukehren –das ist eine Lebensaufgabe, die meine Kraft in meinen restlichen Lebensjahren voll und ganz beanspruchen wird.“

Dieser Mann, liebe Gemeinde, hat einen langen Weg hinter sich bis er am Ende begreift, dass die Veränderung nur in einem selber beginnt – dass aber auchdie Freude darüber in einem selber wohnt.

Johannes der Täufer wollte auch nicht die Welt verändern, wohl aber jeden Einzelnen bis hin zu dem König Herodes. Auch Jesu Wort, auch Jesu Tun ergreiftund begreift immer nur ein Mensch, der hinsehen und hinhören möchte, der sich bewegen lässt und der einsieht, dass da, wo Gott noch nicht einmal erwartetwird, auch noch keine Sehnsucht geboren ist.

Aus der Sehnsucht, die Gott erwartet, die auf Gott zugeht, die sich für Gott bereit macht, wird ein neuer Weg geboren und die Ankunft im Stall kanngeschehen, so dass sich eines Tages die Tür öffnet, wo das Licht der Welt zu finden ist.

Viele Geschichten erzählen davon, wie Menschen das Licht finden. So wie die beiden Mönche, die am Ende ihrer Suche, am Ende eines langen Weges vorder eigenen Tür stehen und begreifen, hier, wo wir zu Hause sind, ist Gott da und wartet auf uns.

Oder die Geschichte, die davon erzählt, dass eine Frau, die von dem Besuch Gottes hört in große Betriebsamkeit verfällt und unfreundlich alle wegschickt,die bei ihr anklopfen. Zu spät bemerkt sie, dass Gott jedes Mal vor ihrer Tür stand und von ihr nicht eingelassen wurde.

Die Zeichen, die von Jesus ausgehen, lassen keinen Zweifel zu, wer er ist. Denn heilsame Zuwendung geht von ihm aus, so wie Gott es verheißen hat: Waszerbrochen ist, wird heil sein vor Gott, und wer sich darüber freut, hat die Freude in sich, die die Engel verheißen in der Heiligen Nacht, in der Himmel undErde, Gott und Mensch endgültig einander finden, so dass es jeder sehen kann in dem Kind und in dem Menschen Jesus Christus.

Dieses Heil möchte in meinem Herzen wohnen.

Das zu empfangen ist mein Weg.

Dies zu verkünden ist sein 2000 Jahren unsere Aufgaben in der Adventszeit und dabei selbst bereit zu sein, den Gottessohn aufzunehmen, den Gott schickt,damit die Welt aufatmet und ein Zeichen des Friedens in sich wohnen sieht.

So mag ein jeder umkehren im Advent, umkehren zu seiner eigenen Tür und begreifen, dass es nur diese eine gibt, durch die hindurch das Licht Gottes inmein Leben und damit in meine Welt fällt. Der Advent möchte somit die Zeit werden, in der ein Aufbruch geschieht, ein Neuanfang im Guten, ein Neubeginnim Glauben und eine neue Anbindung an Gott durch Jesus Christus, seinen Sohn.

Amen

08/12/2002 Pastorin Dorothea Blaffert