Predigt am 22.09.02 - Bundestagswahl

 

 

Neu Wulmstorf

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
eins sage ich Ihnen, jetzt um 10.30 Uhr: Die Wahl ist längst gelaufen! Längst! - Merken Sie sich das bitte - und glauben sie mir ruhig: Die Wahl ist längst gelaufen!
Doch jetzt mal der Reihe nach: Heute ist es dann ja nun wirklich und endlich so weit: es ist Wahlsonntag. Ich finde: Es wurde nun endlich auch Zeit, dass dieses Spektakel der letzten Wochen ein Ende hat! Das war ja nicht mehr zum Aushalten. Ein Getöse ohnegleichen. Fernsehen angeschaltet - Werbespots der Parteien. Zeitung aufgeschlagen - Anzeigen noch und nöcher - Wählen Sie dies, wählen sie das. Briefkasten geleert - eine Wahlbroschüre nach der anderen. - Und gestern beim Einkaufen - da hatte ich dann endgültig genug und habe der freundlichen jungen Dame vor dem Supermarkt - ich weiß nicht mehr von welcher Partei - habe ihr nur noch ge-sagt - höflich, aber sehr bestimmt: "Junge Frau - ich möchte hier und heute eigentlich nur in Frieden einkaufen! - Und außerdem kommen Sie sowieso zu spät, denn ich habe schon längst Briefwahl gemacht." - Ja, dann ließ sie mich in Frieden. Doch heute ist nun endlich Schluss damit. Wir dürfen wählen - und wer wählen darf - der hat die Qual der Wahl. - Das fängt ja schon damit an, dass manch einer sagt: Ich gehe überhaupt nicht wählen - denn egal, was ich wähle, hinterher ärgere ich mich sowieso, denn die machen ja eh', was sie wollen.
Und die, die wählen gehen, haben erst Recht die Qual der Wahl: Rot oder Schwarz? Gelb oder Grün? Oder ganz tiefrot? Und ein bisschen hat man den Eindruck gewonnen, dass sich die Parteien, die großen zumindest, kaum noch unterscheiden - auf den ersten Blick jedenfalls. Frieden, Arbeitsplätze, sichere Renten und Wirtschaftsaufschwung wollen sie alle. So - was soll ich nun tun?
Da hab' ich mir gedacht - "Richter, kuck doch mal in der Bibel nach", die hilft dir bestimmt weiter. Also habe ich in der Konkordanz nachgesehen, was die Bibel zum Wählen sagt - Konkordanz, das ist ein Lexikon, ein Verzeichnis von Bibelstellen. Ich habe das Stichwort "Wählen" aufgeschlagen - und da stand, dass der Apostel Paulus im Philipperbrief schreibt: "Und so weiß ich nicht, was ich wählen soll." - Und da sage noch einer, die Bibel sei nicht aktuell!!! - Jetzt muss ich allerdings zugeben, dass der Apostel Paulus das in einem völlig anderen Zusammenhang sagt - aber schön ist es doch: "Ich weiß nicht, was ich wählen soll!" Ich habe dann aber noch etwas anderes zum Thema "Wählen" gefunden - etwas ernsthaftes - einen Satz von unserem Herrn Jesus aus dem Johannesevangelium: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch er-wählt, und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt. (Joh. 15,16)
Und deshalb habe ich am Anfang gesagt. Die Wahl ist längst gelaufen. Weil Christus seine Wahl getroffen hat. Diese Wahl ist nämlich die entscheidende und die allerwichtigste Wahl. Dass Christus dich wählt - dich ansieht, mich und dich und dich und dich - und sagt: "Mein lieber Sohn, meine liebe Toch-ter, ich habe dich zu meinem Freund, meiner Freundin ge-wählt. Und weil ich dein Freund bin, deshalb gehe ich mit dir durch Dick und Dünn durch dein Leben. Komme, was wolle." Wisst ihr, Schwestern und Brüder, je länger dieser Bundestagswahlkampf dauerte, desto aufgeregter wur-den die Parteistrategen ja - und das ist es, was mich - und ich denke, manch anderen auch - am meisten gestört hat: Das man nämlich je länger mehr den Ein-druck ver-mit-telt bekam, dass der Seelen Seligkeit davon ab-hängt, wohin man heute seine Kreuze macht. Dass da etwas ver-wechselt wurde: vorletz-te und letzte Fragen nämlich.
Natürlich - es ist wichtig für unser Land, es ist wichtig für uns selbst, wer heute gewählt wird. - Wir können unserem Gott gar nicht genug danken, dass wir in einer De-mokratie leben und wählen dürfen. Viele unter uns kennen das ja auch noch anders - die Älteren aus dem "1000 jährigen Reich" und einige von uns haben ja nun auch lange genug im "Arbeiter- und Bauernstaat" gelebt. Die wissen genau, was für ein Segen die Demokratie ist. - Und des-halb sage ich auch hier von der Kanzel in aller Deutlichkeit: Schwestern und Brüder, geht wählen!
Nur verwechsele nicht die Ebenen dabei! Der Bundeskanzler ist nicht der "Allmächtige Gott" und der bayrische Kandidat ist auch ein kein neuer "Messias". Allen denen, die sich in den letzten Tagen und Wochen so aufgespielt haben, als ob sie allein das Heil bringen kön-nen, die sollen sich mal an die Worte aus dem 146. Psalm erinnern: "Verlass dich nicht auf Fürsten" - Fürsten", d.i. auf modern zu übersetzen mit: "Verlass dich nicht auf Politiker; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen." - Sondern: "Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat." Christus spricht: Ich habe dich erwählt.
Ich denke, das heißt, dass er, Christus, uns hilft, das zu tragen, was wir zu tragen haben. "Tragen" - er macht es sich selbst schwerer, um es uns anderen leichter zu machen. Das ist seine Wahl. Wir machen heute unsere Kreuzchen - er hat sein Kreuz getragen - um es uns leichter zu machen.
Christus hat dich gewählt - das heißt für mich erst einmal dies, dass du ihm gehörst und nicht dir selbst. Du hast alles bekommen, was du brauchst. Du hast es schon, und du hast es dir nicht selbst gemacht und nicht selbst erworben, - auch wenn uns das, jeder Generation wieder neu, nicht schmeckt, und wir es selbst immer erst wieder lernen müssen. Lernen, damit umzugehen, dass meine Fähigkeiten, meine Kenntnisse und Fertigkeiten etwas sind, das mir gegeben ist, etwas, das nicht mein Werk ist, son-dern das ich bekommen habe. Etwas, das ich bekommen habe, damit ich damit und daraus etwas mache - "Frucht bringe", nennt Jesus das. Vielleicht, indem ich anderen helfe, ihre Last zu tragen.
Schwestern und Brüder: Christus hat dich erwählt - und diese Wahl gibt uns Menschen eine große Würde - der alten Frau genauso wie dem jungen Mann. Eine große Würde - der Stefanie, die wir getauft haben, genauso wie dem Bundeskanzler. Dem behinderten Jungen genau so wie dem erfolgreichen Börsenbroker. Denn in allen diesen Gesichtern spiegelt sich die Würde dieser Wor-te wider: Ich habe dich erwählt.
Gustav Heinemann, der ehemalige Bundespräsident der später 60er und frühen 70er Jahre, hat einmal ein Wort gesagt, das mich sehr bewegt hat, und bis heute bewegt, das sehr gut ausdrückt, was ich meine: "Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt." - Die Herren der Welt gehen - ob sie nun Bush oder Saddam Hussein heißen, Stoiber oder Schröder - unser Herr aber kommt.
Und in dieser Gewissheit, Schwestern und Brüder, lässt es sich gut leben - egal, ob heute Rot oder Schwarz gewinnt. Amen.Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre uns in seiner Erwählung. Amen.

06/10/2002 Pastor Frank Richter