Predigt zur Konfirmation der Jugendlichen der Schule für Lernbehinderte am Börns Soll in der Johanneskirche Buchholz am 25.Mai 03
Von Pastor Simon
[Vorbemerkung: Die Jugendlichen der Sonderschule am Börns Soll sind lernbehindert, teilweise auch körperbehindert. Sie erhalten - unterstützt von einem sehr engagierten Kollegium - einen zweijährigen Konfirmandenunterricht und wurden am 25.Mai gemeinsam konfirmiert.]
1. Sam. 16,7:
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.
Liebe Gemeinde,
Einer der bekannteren Kalauer im christlichen Bereich ist folgende Geschichte: Der Pastor besucht einen älteren Patienten im Kranken-haus. Nach den einleitenden Worten sagt der Patient: Wissen Sie, Herr Pastor, Sie brauchen sich bei mir keine Mühe zu geben. Ich glaube sowieso nur, was ich sehe. Der Pastor antwortet: Dann legen Sie bitte mal Ihren Verstand hier auf den Nachttisch.
Ich glaube nur, was ich sehe. Wenn's nur so wäre! Wenn die Leute bloß glaubten, was sie sehen! Sie sehen Menschen, die ganz be-stimmte Verhaltensweisen haben. Sie sehen Vorgänge - etwas ge-schieht. Sie nehmen wahr: So und so ist dieser Mensch, so und so scheint dieser Mensch. Hier kommt er im Leben gut klar, hier ha-pert's. Sie sehen: Hier ist eine Nase. Hier ist ein Mund. Hier sind Au-gen. Hier sind Hände. Ich glaube nur, was ich sehe. Wenn's nur so wäre. Wenn die Leute nur glaubten, was sie sehen! Aber das tun sie eigent-lich ja nicht. Sie gucken - und ihr Blick ist geschärft oder getrübt von den Bildern, die sie Kopf haben. Bilder von schönen und hässlichen Nasen. Bilder von schönen Händen und von hässlichen. Bilder von einem gelingenden Leben. Bilder davon, was einer schaffen muss, Bilder davon, was einer nicht schafft. Und ehe man sich's versieht, werden diese Bilder an das, was man sieht, herangetragen und als Maßstab angelegt. Und schon nimmt man nicht mehr wahr, sondern urteilt, richtet. ‚Findest du nicht auch, dass die Gerda ein wenig zu viel Speck auf den Hüften hat? Hast du die Zellulitis gesehen? Hast du gesehen, wie der sich anzieht????' So einfach funktioniert das Beur-teilen von Menschen. So einfach funktioniert das Verurteilen von Menschen. So einfach funktioniert Sünde. So einfach funktioniert Ungerechtigkeit. So einfach funktioniert Blindheit - bei einem selbst und bei anderen.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist.
Der Herr aber sieht das Herz an.Über dies Wort, die Jahreslosung dieses Jahres, haben wir im Februar bei Taufgottesdienst für einige von euch, die heute konfirmiert wer-den, schon einmal gemeinsam nachgedacht. Heute, am Tag eurer Konfirmation, wollen wir das noch einmal tun.
Gerade wir alle hier wissen ganz besonders und haben da auch so un-sere eigenen Erfahrungen, wie es ist, wenn nur geurteilt wird nach dem, was man sieht oder zu sehen meint, weil das, was einem geboten wird, nicht dem entspricht, was man erwartet - oder meint, erwarten zu können. Wenn die Erfahrungen, die ein Mensch gemacht hat, au-tomatisch auf andere Menschen übertragen werden - also, bei mir ist das ganz anders... Unterton: Stell dich nicht so an, du Blödmann, oder: du machst aber auch alles falsch!
Der Clou der Aussage, dass Gott das Herz ansieht, ist ja nicht, dass Gott noch besser und präziser und damit noch bösartiger urteilt, noch intensiver und feinsinniger Macht ausübt, als die Menschen, die dem anderen zwangsläufig nur bis vor den Kopf gucken. Im Gegenteil: Gott urteilt nicht, Gott isoliert eben nicht Züge menschlicher Erfah-rung und überträgt sie auf andere. Gott sieht alles in allem, weil er alles in allem ist. Das ist eine andere Wirklichkeit als die unsere. Ein urteilsfreies Annehmen des Menschen so, wie er ist. Er sieht die Ein-zelperson - und will so ein neues Miteinander stiften.
Stellen wir uns vor, wie schön das wäre: Niemand urteilt über den anderen, jeder, jede, wird so genommen, wie er, sie, ist. Chancen wer-den ausgetestet, Begrenzungen werden festgestellt, es gibt keine leistungsbezogene Verurteilung mehr. Jeder, jede, kommt zu seinem und ihrem Recht, unabhängig davon, was er oder sie leisten kann. Auf einem Gebiet weniger Leistungsfähige werden von Leistungsfähige-ren mitgezogen, weil sie wissen, dass auch sie Lücken haben, die wie-derum von anderen ausgefüllt werden müssen. An anderen Punkten werden sie den anderen brauchen, um diese Lücken zu füllen.
Eltern berichten ja manchmal, dass ihr Leben durch die Existenz die-ses ganz besonderen Kindes, das eben so ist, wie es ist, einerseits eine unverhoffte Wendung genommen hat - Pläne, Hoffnungen, Leben-sentwürfe müssen plötzlich über den Haufen geworfen werden, nie geahnte Anforderungen stellen sich, was eben noch scheinbar normal und üblich war, ist es von einem Moment auf den anderen eben nicht mehr.
Und doch bleiben diese Berichte nicht dabei stehen, sondern gehen weiter. Wo eben noch Stillstand schien und Dumpfheit, wo das Leben eben noch den Atem anzuhalten schien, entwickelt sich ganz sanft und zart Neues: Eine neue Art der Verantwortung, eine neue Art der Wahrnehmung, ein neues Lauschen auf stille Töne, auf andere Arten der Äußerung von Freude und Dankbarkeit, als man es gewohnt war und ursprünglich gern gehabt hätte. Und dann zählen die Pläne, die man hatte, doch nicht mehr ganz so viel. Sie haben nicht mehr die Bedeutung, die man ihnen ursprünglich zumaß, weil man merkte: Es gibt wichtigeres. Notwendigeres im wahrsten Sinn des Wortes: Um eine Not zu wenden.
Und dann das Erlebnis: Es ist eigentlich keine Not, die da gewendet werden muss - es ist eine andere Art von Umgang. Es ist eine andere Art von Leben. Was vorher Entbehrung schien, wird zur Quelle einer anderen Art von Freude. Und dies Erleben lässt vieles von dem, was anderen ungeheuer wichtig scheint, langsam in den Schatten treten.
Im Grunde ist das ein religiöser Weg, der da beschrieben wird. Ein Lernen über die Vorläufigkeit der Dinge. Und manches dieser Kinder hat - so paradox das klingen mag - uns da an die Hand genommen. Und wir lernen die Wahrheit dieses Satzes: Gott sieht das Herz an. Weil wir merken, wie nahe wir ihm in diesen Geschöpfen kommen. Und weil wir gleichzeitig merken, wie hohl das ist, was uns manche als ‚normal' verkaufen wollen.
Auch deswegen feiern wir heute diese Konfirmation. Deswegen feiern wir heute diese Konfirmation in diesem Rahmen - in der Gruppe, die wir kennen, in der Gruppe, in der wir bekannt sind, vielleicht erkannt sind. In der Gruppe, die es leichter macht, das Herz anzusehen und Abstand zu gewinnen von dem, was die Augen zu sehen glauben. Und: Wir feiern in einer Gemeinde, die uns eingeladen hat, hier zu feiern, weil ihr das ein Anliegen ist - wir haben ein Zuhause, sozusa-gen, in der Gruppe und eins hier in St. Johannis, und dafür sind wir dankbar. Und dafür, dass sich so viele Menschen finden, die uns diese Stunde so feierlich gestalten - Kirchenchor und Klarinettistin, Orga-nist, Kirchenvorstand, Superintendent, Gemeindepastor. Danke.
Und wir feiern diese Konfirmation als ein Zeichen. Als ein Zeichen dafür, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit eines Menschen zwar manchmal ein wesentlicher Faktor im Leben sein kann, aber wenn, dann nur einer unter mehreren.
Wir zeigen, dass andere Faktoren auch wichtig sind: Dass man zu-sammen ist im Geist Jesu, dass man gemeinsam Erfahrungen macht, die nichts mit Klugheit und Leistung und Können zu tun haben, son-dern mit der Erfahrung, dass man sich auf etwas oder jemanden ver-lassen kann. Auf die Liebe, auf Menschen, jedenfalls auf Gott, der der Inbegriff dessen ist, auf das man sich verlassen kann.
Offen sein für Gott, sich Gott zusprechen zu lassen - im Wort, im Lied, in der Berührung, in der Geste - das ist, was wir hier heute tun und geschehen lassen. Im Wissen darum, dass Gott letztlich stärker ist als unsere Urteile und Vorurteile. Dass Gott es ist, der annimmt. Weil er das Herz sieht, und wir nicht. Wir sehen nur außen. Aber auch da sollten wir genau hinschauen.
Amen
31/05/2003 Von Pastor Simon
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