Predigt vom 2. Februar 2003
Lutherkirche Neu Wulmstorf
Liebe, Lust und Leidenschaft - eine Predigt über das Hohelied Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, "Liebe ist stark wie der Tod" - haben wir eben in der Lesung gehört - o ja, der Tod ist eine große Macht in unserm Leben. "Sobald ein Mensch zum Leben kommt, sogleich ist er alt genug zu sterben" - so heißt es im "Ackermann zu Böh-men", einem Streitgespräch mit dem Tod aus dem Mit-tel-alter. Und ebenfalls aus dem Mittelalter (sogar in un-se-rem Gesangbuch, EG 518): Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen - auch hier, auch heute Morgen. Während wir singen und beten gehen die Tötungsvorbe-rei-tun-gen am Golf unerbittlich weiter. Während ich pre-dige und Sie Predigt hören liegen um uns herum in den Al-tenheimen und Krankenhäusern Menschen im Sterben. Während wir Gott, den Geber und Bewahrer des Lebens preisen, passiert irgendwo im näheren oder weiteren Um-kreis gerade ein Unfall auf der Straße und ein Mensch stirbt. Man kann es förmlich hören, das Quietschen der Bremsen, den dumpfen Knall, das Brechen der Knochen. ..... Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen. Der Tod hat große Macht. Verschlingende Kraft. Und nichts und niemand (auch kein Arzt) kann ihn besiegen. Und Eins ist sicher: Er kommt - zu dir, zu dir zu dir und zu mir. Das Buch Hohelied, aus dem wir eben ja schon einige Ausschnitte gehört haben, stellt dem Tod eine Macht entgegen. Der Tod ist mächtig, doch: Liebe ist stark wie der Tod - Liebe ist stark wie der Tod - ich verstehe das in mehrfacher Hinsicht. · Einmal kann ich diesen Satz natürlich nicht hören, oh-ne gleich an Jesus zu denken - seine Liebe zu uns Men-schen hat ihn ans Kreuz gebracht. Gekreuzigt, ge-storben und begraben - hinab gestiegen in das Reich des Todes - ja, was heißt das denn? Doch wohl soviel, als dass selbst im Machtbereich des Todes nie-mand anderes auf uns wartet und niemand anderes herrscht als unser Gott allein! "Am 3. Tage auferstanden von den Toten" da hat der Tod sein Spiel ausgespielt! Und so kann man sagen: Die Liebe unseres Gottes ist stärker als der Tod! Doch zurück zum Hohelied - in ihm ist natürlich nicht von Jesus und seiner Liebe die Rede, denn diese Gedich-te sind gut 4-500 Jahre älter. · Und doch spricht auch das Hohelied von der Liebe - von der Liebe zweier Menschen. Es redet unverblümt, offen, ja regelrecht: freizügig. In Liebe entbrannt sind die beiden Menschen, ein Mann und eine Frau. Sie besingen ihr Begehren und prei-sen ihre Schönheit, so wie sie sich sehen und empfinden. "Wer durch die Brille der Liebe schaut, mit dem Blicke der Musen, der hält den Buckel seiner Braut für einen zweiten Busen." (Goethe?) Um Körperlichkeit geht es, um Begehren und Be-gehrt--Werden, um Sexualität, um die Freude und die Lust an der, an dem anderen. Und so etwas steht in der Bibel! Das hat die Gralshüter der Moral aller Zeiten natür-lich schon immer gestört. Schon die jüdischen Schrift-ge-lehrten waren völlig verunsichert, ob sie dieses Buch in ihre Bibel mit aufnehmen sollten - und dann ha-ben sie ei-nen Trick angewandt: Sie haben nämlich gesagt: "In die-sen Gedichten geht es nicht um die Liebe von zwei Men-schen, sondern: es handelt sich um die Beschreibung der Liebe zwischen Gott und seinem ausgewählten Volk!" Und die Kirchenväter haben es dann später genauso ge-macht - nur mit anderen Vorzeichen, indem sie gesagt haben: "Im Hohelied wird die Liebe von Christus zu sei-ner heiligen Kirche beschrieben." Und noch etwas ist "skandalös": Generationen von Alt-testamentlern haben sich darum bemüht, auch nur ir-gend-einen klitzekleinen Hinweis darauf zu finden, dass die Liebenden im Hohelied wenigstens anständig verhei-ra-tet wären - allein: Sie haben diesen Hinweis nicht ge-fun-den. Und damit sind wir mitten drin - in der unheilvollen Geschichte der kirchlichen Sexualmoral, der Diskriminierung der Körperlichkeit des Menschen als Aus-druck so genannter fleischlicher Begierde, Sexualität als Ausdruck gerade von Erbsünde. Jahrhundertelang war es ja quasi verboten, als Christ an Sex überhaupt zu denken! Sex war was Heimliches, etwas Verworfenes - und nur nebenbei: nicht umsonst heißt der verschämte Akt im Dunkeln hinter zugezogenen Gardinen "Missionarsstelung". Und wehe, jemand hatte Spaß dabei, dann aber nichts wie ab zum Beichten! Und wenn so auf der einen Seite, die Sexualität von der Kirche verteufelt wurde - und teilweise ja auch noch wird - dann ist es ja kein Wunder, wenn auf einmal das Pendel zur anderen Seite hin ausschwingt und die Leute heute sagen:"Sex ist geil und das Wichtigste überhaupt und die Kirche hat ja keine Ahnung von dem, worum es im Leben wirklich geht!" Und so ist es heute doch: Sex ist überall, Sex springt einen ständig an, Sex ist das Thema Nummer 1. Der alte Freud hat schon Recht gehabt, als er herausgefunden hat: Der Sexualtrieb ist die wichtigste Antriebskraft des Menschen. Die Faustregel ist ganz einfach: Je mehr blanke Bu-sen, desto höher die Einschaltquote. Wisst ihr, Schwestern und Brüder, ich glaube, das Eine ist so falsch wie das Andere. Die Verteufelung und Verdrängung der Sexualität auf der einen, wie ihre Apotheose, ihre Vergöttlichung auf der anderen Seite.
Unsere Liebenden im Hohelied schert jedenfalls das eine so wenig wie das andere. Ihre Liebe hat keine Zeit für akademische Spekulationen. Und das ist das Schöne, das Wunderbare an diesem Buch: Verklemmte Ängstlichkeit ist da nicht zu finden - aber genauso wenig die heutige plumpe Zurschaustellung jeder Art von Genitalakrobatik. · Und das ist meines Erachtens die zweite Verstehensebene: Wenn ich eben dargelegt habe, dass die Liebe unseres Gottes den Tod überwunden hat, so denke ich: Auch die Liebe unter uns Menschen ist ein starkes Bollwerk gegen den Tod. Sie hat Anteil an der erlösen-den Kraft der Liebe Gottes, denn: das Hohelied des Alten Testaments erzählt uns von der Sehnsucht des Menschen: Sehnsucht nach Gemein-schaft, Sehnsucht danach, dass mein Leben heil wird, dass mein Leben gelingt, dass mein Leben erfüllt - mit Liebe, mit Leidenschaft, die so unwiderstehlich ist wie das Totenreich. Ihre Glut, so der biblische Text ist feurig - und an die-ser Stelle passiert etwas ganz und gar Erstaunliches im Buch Hohelied: In allen 8 Kapiteln wird Gott nicht ein einziges Mal erwähnt - nur hier - fast am Ende des Bu-ches.Und das hat seinen guten Sinn: Die Sehnsucht, das Be-geh-ren, so heißt es, "ist feurig - eine Flamme des HERRN." Weil die Sehnsucht, die zwei Menschen verbindet, weil die Liebe, die zwei Menschen für einander empfinden, weil das Begehren, das zwei Menschen immer wieder zu-ein-ander treibt, weil das eben mehr ist - viel mehr - viel größer, viel Wunderbarer - als das gelangweilte Gestöhne irgendeiner 0-190er Nummer. Das Hohelied des Alten Testaments erzählt uns von der Sehnsucht des Menschen, die stärker ist als der Mensch selbst - und ich denke, die Sehnsucht der Lie-ben-den des Hohelieds von vor zweieinhalbtausend Jahren ist die gleiche Sehnsucht der Men-schen heute. Denn wenn wir uns die ganzen sexuellen Anzüglichkeiten in der Werbung unserer Zeit ansehen, dann reagiert die Werbung damit ja nur auf ein Defizit, auf einen "Kunden"-wunsch: die Sehnsucht nach echter, dauerhafter Nähe und Erfüllung. Dass da jemand ist, der mit mir durch mein Leben geht - mit dem ich verbunden bin - und zwar nicht nur "platonisch". Jemand, der mit den alten Worten des Hohelieds zu mir spricht: "Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen." Und anders he-rum: "Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich." (1,15f und öfter) Die Sehnsucht nach Nähe und Erfüllung - der große Traum des Menschen, größer als er selbst: "Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut, verzaubert hast du mich schon mit einem einzigen Blick deiner Augen, schon mit deiner Kette am Hals." (4,9 ) · Diesen Traum, diese Sehnsucht - verkaufe ihn nicht an irgendeine billige Werbung und lass' ihn dir nicht kaputt machen durch irgendwelche Ersatzprodukte einer einschlägigen Flensburger Spezialfirma. · Lass' dir deine Sehnsucht aber auch nicht vermiesen von dieser wohl bekannten verängstigten, leib- und liebesfeindlichen Moral, die den Leib unterdrücken will, weil er so sehnsüchtig ist und sich so sehr nach Liebe sehnt - und das halten einige dann auch noch für besonders christlich! Dabei hat die Liebe zwischen zwei Menschen doch Anteil an der Liebe unseres Gottes. Er selbst nämlich, Gott, ist ein heißblütiger Liebhaber - Seine Liebe zu uns ist stark und leidenschaftlich. Er liebt uns - dich und mich - liebt uns von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften und mit seinem ganzem Gemüt. (Lk. 10,27) Seine Liebe gibt alles. Sie gibt so-gar sich selbst. Schwestern und Brüder, das ist der Weg, damit unser Leben heil und gelingend werde: Gott hat uns zuerst ge-liebt. Da-rum: Lasst auch uns lieben, Gott und die Men-schen - denn Liebe ist stark wie der Tod und Leiden-schaft unwi-der-stehlich wie das Totenreich. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Ver-nunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Liebe. Amen.
Pastor Frank Richter am 02.02.03 im Rahmen der Predigtreihe zum Jahr der Bibel - Lutherkirche NW
21/02/2003 Pastor Frank Richter
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