Predigt des Superintendenten Dr. Christoph Künkel in der St. Mauritiuskirche, Hittfeld Predigttonbandnachschrift vom 22.2.2004/ [(Der Predigttext wurde vorher an alle ausgeteilt]
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
Wenn nichts mehr geht, worauf setzen Sie dann?
Wenn man den 1. Korintherbrief als ganzen liest, aus dem dieses 13. Kapitel stammt, das wir eben gehört haben, dann spürt man, Paulus ist traurig über seine erste Gemeinde, die ihm besonders lieb geworden war. In Korinth hat er sie gegründet. Er ist enttäuscht. Und zugleich ist er auch wütend. Wütend darüber, dass sie das, was er ihnen beigebracht hat, was er sie gelehrt hat, nicht halten. Er ist voller Vorwürfe. Die Gemeinde ist gespalten. Die Reichen leben ihr genüssliches Leben und achten nicht auf die Ärmeren. Die einen halten sich zu dem Leiter der Gemeinde und die anderen zu jenem. Und schließlich ringt er um Verständnis. Er möchte, dass sie zurückkehren zu dem, was er sie gelehrt hat vom Evangelium von Jesus Christus. Und er zeigt ihnen Wege auf, er argumentiert leidenschaftlich und möchte sie wieder zurückbringen, zusammenfügen zu einer Gemeinde. Und mitten in diesem Gedankengang steht dann plötzlich dieses 13. Kapitel. Ein Hymnus auf die Liebe. Frau Meyer sagte eben gerade noch zu mir: einer der beliebtesten Trautexte. In der Tat. Gefühle werden hier angesprochen. Etwas, wonach wir uns alle sehnen: „Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe hört niemals auf. Sie ist die größte.“ Und dennoch muss man beachten, dass dieses Kapitel, diese Rede von der Liebe eine Antwort sein will auf die Frage: wenn nichts mehr geht, worauf setzen wir dann?
Drei Dinge nennt Paulus ganz am Anfang: gute Dinge. Etwas was jeder von uns beherzigen kann und sicherlich auch will. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete“, also wenn ich gute Argumente habe. Wer sehnt sich das nicht danach in Konflikten, dass die Argumente nicht ausgehen. Dass er die anderen überzeugen kann. Dazu ist das Zweite nötig: Großes Wissen. Dass man alles wahrnimmt und alles, was man erkannt hat, zusammenfügen kann, um die Argumente zu unterfüttern. In den Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern spielt das immer eine Rolle, dass Eltern gute Argumente haben, mit ihren Kindern in eine Diskussion eintreten, überzeugend wirken. Und die Kinder umgekehrt merken, das Wissen der Eltern ist größer. Nur leider kommt das oft auch dann an bei den Kindern mit dem Ton „die wissen sowieso alles besser“. Die dritte Möglichkeit, die Paulus hier aufzeigt, ist die der guten Werke. Wenn gar nichts mehr geht im Miteinander, dann entscheiden sich viele Menschen dafür: „Na gut, dann mach ich es eben selbst!“ - und allein. Wenn gar nichts mehr hilft, dann sind gute Argumente, großes Wissen, gute Werke sicherlich gut und nützlich. Nur, so schreibt Paulus jeweils am Ende dieser drei Beispiele, „wenn ich die Liebe nicht hätte, wäre ich ein tönend Erz, so wäre ich nichts.“ Und schließlich: „mir, wäre das nichts nutze.“ Eigentlich überraschend, dass er am Ende dieses ersten Gedankenganges sagt: „das nutzt mir nichts, die überzeugende Argumente, das große Wissen, das gute Vorbild, mit dem ich vorangehe.“ Ihm geht es gar nicht so sehr um die anderen. Er sagt, nein, mirnutzt das nichts. Warum? Paulus geht davon aus, dass wir alle - und er findet das gar nicht schlecht - mehr oder weniger selbstbezogen sind. Wir müssen, damit wir überhaupt etwas bewirken können, immer selbstbewusst sein, auch auf uns selbst bezogen, ja wir müssen wissen um das, was wir können, was wir wissen und was wir auch an Taten einbringen können. Nur, die Frage, die er stellt: was nutzt mir das, wenn nichts mehr geht. Ohne die Liebe sagt er, nutzt mir das nichts. Offenbar Paulus eine ganz Vorstellung von dem, was Liebe ist. Und das hat nun erst einmal wenig zu tun mit den Gefühlen, die vielleicht einmal angesprochen werden, wenn ein Brautpaar hier zur Kirche herauftritt.
Was ist das Liebe?
Ich habe Ihnen eine Definition aufgeschrieben, die schrecklich abstrakt klingt, aber immer noch sehr überzeugend ist, wie ich finde. „Liebe ist inmitten noch so großer Selbstbezogenheit immer noch größere Selbstlosigkeit.“ (Eberhard Jüngel) Erschrecken Sie nicht, liebe Gemeinde, man kann tatsächlich so abstrakt von Liebe sprechen. Ich möchte versuchen, Ihnen das kurz klar zu machen, was der, der diese Definition aufgestellt hat, sich dabei gedacht hat. Stellen Sie sich eine Person vor, nehmen wir eine Frau, die jemanden liebt. Diese Frau ist erst mal für sich diese Frau. Sie lebt, sie ist eigenständig, sie hat ihr eigenes Denken und Fühlen. Sie ist auf sich selbst bezogen, geht mit sich selbst um. Aber mitten in dieser Beziehung, die sie zu sich selber hat, bezieht sie sich, weil sie liebt, immer auch schon in ihrem Denken und Fühlen auf den anderen, auf den Geliebten. Und jeder von uns, jeder von Ihnen kennt das, wenn man jemanden liebt, vielleicht am stärksten, wenn man verliebt ist, dann denkt man nur noch an den anderen. Deswegen sagen wir ja, Leute, die lieben sind blind. Nämlich blind für sich selber, weil sie nur noch in ihrem ganzen Denken und Fühlen bei dem anderen sind. Inmitten noch so großer Beziehung zu sich selbst, sind sie immer noch mehr noch viel stärker bei dem anderen. Sie kennen alle das Lied. Dieses Lied, das ein Liebenslied ist, das wir aber heute meistens bei Beerdigungen singen. Es ist gedichtet worden von einer sehr jungen Frau, Julie Hausmann. Am Beginn des 19. Jahrhundert. Sie stammt hier aus dem Norden und war verlobt und fuhr zu ihrem Verlobten, der Missionar war in Afrika, um dort zu heiraten, voller Vorfreude. Sie können sich diese Seefahrt vorstellen, wie sie dort hinfährt, in Gedanken immer schon bei ihrem Verlobten... Als sie ankommt, wird ihr gesagt, ihr Verlobter sei wenige Tage zuvor gestorben. Da sitzt sie nun, Julie Hausmann, setzt sich hin, ganz in sich gekehrt, traurig, auf sich bezogen, allein gelassen mit ihren Gefühlen und dennoch ist sie ganz bei dem anderen und dichtet dieses Lied: So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit. Ein Liebenslied ist das, ein Liebes- und Abschiedslied. Sie möchte mitten in ihrer Trauer immer bei ihrem Verlobten sein. Inmitten noch so großer Selbstbezogenheit immer noch größere Selbstlosigkeit. Das ist Liebe.
Davon spreche ich in Traugesprächen mit den Brautpaaren und sage ihnen auch: letztlich ist die Sexualität nichts anderes als genau diese Bewegung. Wenn zwei Menschen miteinander schlafen, dann empfinden und erleben sie sich ganz intensiv. Aber sie erleben sich gerade deshalb so intensiv, weil sie sich ganz an den anderen hingeben. Sich öffnen, mit Haut und Haaren, miteinander verschmelzen. Inmitten noch so großer Selbstbezogenheit immer noch größere Selbstlosigkeit, das ist Liebe. Sie merken, wenn man diese abstrakte Definition erläutern möchte, dann kommt man automatisch ins Erzählen. Von Liebe kann man vielleicht tatsächlich nur dann am besten sprechen, wenn man immer schon die Tätigkeitsworte mit im Blick hat, das Lieben, wenn man von ihr erzählt.
Nichts anderes tut auch Paulus in diesem hymnischen Text. Im dritten Teil nämlich versucht er noch einmal deutlich zu machen, weswegen ihm die Liebe so wichtig ist und er beschreibt vier Beispiele. Die Liebe, so seine These, ist das Einzige was bleibt. Sie hört nie auf, sagt er. Und er stellt dem gegenüber, was wir in unserem Leben tagtäglich erfahren. Alles ist bruchstückhaft, alles bleibt letztlich Fragment in unserem Leben. In der letzten Woche besuchte ich einen Mann, der sagte ganz fröhlich: Als ich 50 geworden bin, da habe ich meine Kinder in den Garten geholt und habe gesagt: Jetzt schaut noch mal hin. Vater steigt zum letzten Mal in seinem Leben auf einen Baum. Da ist er hoch gekrabbelt und wieder runter. Und dann, so erzählte er weiter, sind wir in Urlaub gefahren, ganz bewusst in die Berge und er sagte zu seinen Kindern: Kinder, Vater steigt heute zum letzten Mal auf einen Berg. Immer ein letztes Mal. Weil er sagte, ich muss es nicht mehr riskieren, wenn ich älter bin als 50. Jeder von uns merkt, je älter wir werden, desto mehr Dinge fallen auch von uns ab, desto unwichtiger werden sie bzw. wir müssen uns einschränken und verzichten. Letztlich bleibt alles, was wir bewerkstelligen und errichten Fragment, bruchstückhaft. Am Ende eines Lebens zählt nur noch die Frage, die mir in letzter Zeit lieb geworden ist von Wilhelm Vogt: „Was haste jemacht mit deinem Leben, Willem Voigt?“ (Carl Zuckmeyer: Hauptmann von Köpenick) Oder wenn wir an Matthäus 25 denken, an dies große Gleichnis vom Endgericht, wo gefragt wird: wo hast du geliebt in deinem Leben? Das ist die Frage, die zählt. Das, worauf es wirklich ankommt. Wo hast du geliebt, wo bist du erfüllt und zufrieden gewesen mit anderen? Denn die Liebe ist das Einzige, was erfüllt bleibt bis ans Ende.
Das zweite Beispiel, das Paulus anfügt, ist die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. „Als sie ein Kind war, da redete ich wie Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab was kindlich war.“ Was ist in diesem Zusammenhang damit gemeint, was kann damit gemeint sein? Kinder, wenn sie sehr sehr klein sind - ich habe manchmal das Gefühl, ihnen wird zunehmend in viel jüngerem Alter etwas abverlangt als das früher der Fall gewesen ist - Kinder halten diese Welt für überaus liebenswert und schön und gut. Warum? Weil sie einfach, wenn sie nur so da sind und einen anlächeln, sofort Liebesgefühle in einem hervorrufen und Sympathiegefühle. Kinder können strahlen, da kann sich selbst der bösartigste Erwachsene nicht entziehen und deswegen trauen Kinder, kleine Kinder, der Liebe, den liebevollen Umgang miteinander unendlich viel zu und erwarten auch, dass nichts anderes passiert als ein liebevoller Umgang miteinander. „Als ich aber ein Mann war, tat ich ab, was kindlich ist“ schreibt Paulus. Spätestens in der Pubertät merkt man, dass dieses ursprüngliche Vertrauen, dieses ursprüngliche Hoffen und Setzen in die Liebe furchtbar weh tun kann. Wer mal so richtig verknallt und verliebt gewesen ist und dann enttäuscht wird, weiß was ich meine. Und wir Erwachsenen wissen es erst recht. Wie sehr misstrauen wir der Liebe, wie sehr ersehnen wir, erfahren es vielleicht ja gar selbst, dass Ehen gefährdet sind, dass Beziehungen niedergehen, dass in ihnen tatsächlich Mutwillen getrieben wird, das einer sich aufbläht, sich ungehörig verhält. Wir kennen all dies und werden zunehmend misstrauisch diesem ursprünglichen Gefühl gegenüber, das mich als Kind geprägt hat und ersetzen es durch ein anderes Streben: nämlich nicht mehr das Streben nach Liebe, sondern durch das Streben nach Erkenntnis und Wissen und immer auch durch das Streben nach Gestaltung und nach Macht und Einfluss. Schon die Schulausbildung dient ja dem, dass wir unser Wissen erweitern. Unser Wissen deshalb erweitern, weil wir damit unsere Welt gestalten, einen Beruf ergreifen, uns Geld verdienen. Und wenn man dann einmal schaut, was eigentlich dominiert in unserem Leben, wenn Sie gleichsam einen Tag danach aufstückeln würden, womit wir unsere Zeit verbracht haben: wie wenig Anteile bleiben da für die Momente, die tatsächlich erfüllt gewesen sind von dem Streben nach Liebe. Wie viel mehr an Zeitanteile aber erfüllt waren von dem Bestreben nach Arbeit, nach Erkenntnis, nach Durchsetzen, nach Einfluss. Auch die Entwicklung, dass wir meinen, wir wären als Erwachsene reifer und weiser, ist auf der einen Seite richtig, aber was die Liebe angeht, ein Irrtum.
Und wir merken das auch daran, dass uns die Sehnsucht nach Liebe durch und durch erfüllt. Warum sind denn fast alle Musikstücke ob klassisch oder ein kitschiger Schlager immer wieder durchzogen von dieser Thematik der Liebe. Warum lassen wir uns ansprechen von romantischen Filmen im Fernsehen wie Pretty Woman oder Nottinghill, verdrücken die eine oder andere Träne? Eben weil wir spüren: Ja, so müsste es sein, das Leben, die Liebe müsste sich durchsetzen. Aber wir wissen, so ist es eben nicht. Wir bleiben ständig voller Sehnsucht nach Liebe und geben das nie auf.
„Die Liebe bleibt“, sagt Paulus. Und diejenigen, die noch über ihre Gegenwartserfahrung und über ihre Vergangenheitserinnerungen nach vorn blicken, in die Zukunft, die vielleicht ganz idealistisch gestimmt sind oder religiös, die erhoffen sich dann eine heile Welt in Ewigkeit. Dort wird nichts sein als Liebe und Verständnis und Ewigkeit. Dann wird das Fragmentarische überwunden sein. „Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen wie ich erkannt bin.“ Für Paulus sind all diese Beobachtungen, die er am Leben abliest - das Fragmentarische, die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, das Phänomen, das wir uns immer wieder sehnen, auch in Ewigkeit sehnen nach Liebe - Beweis dafür, dass die Liebe bleibt. Sie ist nicht unterzukriegen. Sie ist das Einzige, worauf es wirklich ankommt, und deshalb ist sie das Größte im Leben und das Einzige, so meint er, was wirklich trägt.
Und weil ihm das so wichtig ist, deswegen hat er mitten in dieses 13. Kapitel einen Hymnus auf die Liebe hineingesetzt. Man kann sich ja fragen: Ist das, was er hier sagt, auf der einen Seite nur eine Beobachtung, die man zwischenmenschlich machen kann und für die man keine Theologie braucht? Auf der anderen Seite weiß man bei Paulus ganz genau und bei jedem Christenmenschen, dass er die Wurzel und die eigentliche Kraft der Liebe als von Gott herkommend begreift. Ersetzen Sie mal in diesem Text die ‚Liebe' durch ‚Gott' und der Text kriegt einen tieferen und seinen eigentlichen Sinn. Denn:
Unser himmlischer Vater ist langmütig und freundlich, unser himmlischer Vater eifert nicht. Er treibt nicht Mutwillen. Unser himmlischer Vater bläht sich nicht auf, er verhält sich nicht ungehörig. Er sucht nicht das Seine, lässt sich nicht erbittern. Unser himmlischer Vater rechnet das Böse nicht zu, er freut sich nicht über die Ungerechtigkeit. Er freut sich aber an der Wahrheit. Unser himmlischer Vater erträgt alles. Er glaubt uns alles. Unser himmlischer Vater hofft auf alles und er duldet alles.
Novalis, dieser Dichter sagt, „die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte und das Amen des Universums.“ Er meint die Liebe, die von Gott kommt, und das ist wahr. Amen Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der stärke und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
22/02/2004 Superintendenten Dr. Christoph Künkel
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