Lasst krachen !!
Predigt am Ostersonntag 2004 in der St.Mauritiuskirche Hittfeld über 1.Korinther 15,3-9
von Superintendent Dr.Christoph Künkel
Liebe Gemeinde,Was ist Ostern?
Ich biete Ihnen heute vier Worte als Antwort an. Ostern - das ist „der Urknall des Glaubens.“ I. Urknall Big bang heißt das auf englisch. Ist – nach Auffassung der Wissenschaftler - 15 Milliarden Jahre her, genauer läst sich das nicht bestimmen, hat irre kurz gedauert, muss höllisch laut gewesen sein – big bang – und unvorstellbare Mengen Energien freigesetzt haben. Jedenfalls begannen dort, wo es so irrsinnig heftig geknallt hat, Raum und Zeit sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auszudehnen. Die Wissenschaftler sprechen von dem Faktor 10 hoch 50 – das ist eine 1 mit fünfzig Nullen! Unvorstellbar diese Gewalt, diese Geschwindigkeit, diese Energie, diese Ausdehnung – und noch immer spürt man etwas von diesem big bang, sagen die Wissenschaftler, obwohl niemand dabei gewesen ist, als sich die ersten Elektronen, Protonen und Neuronen gebildet haben und das Element Wasserstoff bildeten. Mit dem Urknall habe alles begonnen. Er steht am Anfang, meint man heute. Wirkt sich aus bis heute, bis hin zu uns hier in St.Mauritius 2004. So die Theorie des Urknalls, ganz grob. Ich finde diese Theorie, diese Vorstellung höchst spannend. Mit ihr lässt sich vieles erklären: wie es zu dieser Welt gekommen ist, was ein Universum ist, wie Raum und Zeit geworden sind usw. Unendliche abstrakte Ideen sind das. Aber sie helfen zu begreifen, wo wir heute stehen und was kommen könnte.Weil Theorien so hilfreich sein können, möchte ich mich heute morgen auf diese These einlassen und sie auf Ostern beziehen: Ostern – das ist der Urknall des Glaubens.
II. Ostern – Urknall des Glaubens Sicher, am Ostermorgen war es alles andere als laut. Da schwiegen die Frauen, die in der Frühe zum Grab aufgebrochen sind. Auch der Engel in der Höhle hat nicht gebrüllt, sondern leise gesprochen. Aber die Theorie vom Urknall bezieht sich weniger auf die Lautstärke – schließlich war vor 15 Milliarden Jahren niemand dabei – sondern auf die Energie, die von diesem Ereignis ausging. Genau das ist der Vergleichpunkt: Der Urknall und Ostern sind Energiequellen ohne Beispiel: Ohne diesen Big bang: kein Leben, kein Glaube, keine christliche Gemeinde in Hittfeld St.Mauritius 2004. Ein zweiter Vergleichspunkt: Wie beim Big bang auch können wir nicht zurückverfolgen, was da am Anfang wirklich gewesen ist – niemand war dabei, als die Gravitation explodierte. Niemand war dabei, als aus der Grabeshöhle der Christus auferstand. Das einzige was wir haben, ist eine Kette von Ereignissen, die es glaubwürdig erscheinen lassen, dass am Anfang ein ganz herausragendes Ereignis gestanden hat: der Urknall, die Auferstehung – aber wie das war, wie das aussah, sich anhörte, anfühlte – keiner weiß es, dennoch soll beides real sein: der Urknall, die Auferstehung. Fragt sich, ob wir es glauben können. Um dem glauben zu können, müssen wir uns inhaltlich mit dieser Theorie beschäftigen.Was aber bedeutet das inhaltlich: Ostern – Urknall des Glaubens. Paulus nennt vier Stichworte. Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Und vielen anderen – Paulus nennt noch eine ganze Reihe anderer bis hin zu sich selbst. Vier Stichworte sind inhaltlich wichtig für die Beschreibung des Urknalls des Glaubens: gestorben, begraben, auferweckt und erschienen. Vier Verben. Vier Phasen, in die sich der Urknall aufteilen lässt. Phase eins und zwei sind zwei Bewegungen, die in Stillstand einmünden: sterben und begraben. Genau umgekehrt die Blickrichtung bei Phase drei und vier: zwei Bewegungen, die nach oben ins ewige Licht weisen: auferwecken und erscheinen. Aber, so sagt Paulus. Die vier gehören zusammen. Und er formuliert sogar noch strenger: Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Ausnahmsweise geht es Paulus einmal nicht um Auslegung von Begriffen, um subjektive Wahrheiten. Nein hier geht es – wie in der Wissenschaft – um exakte Begriffe: sterben und begraben, auferwecken und erscheinen – wer diese vier Bewegungen nicht berücksichtig und in seine Vorstellungen integriert, hat von Ostern, vom Urknall des Glaubens nichts begriffen.
III. Ein Exkurs: Unverzichtbare Theorie
Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kurzen Exkurs, liebe Gemeinde. Man kann unser Universum heutzutage nicht begreifen, wenn man sich nicht mit der Theorie vom Urknall auseinandersetzt. Sie ist unabdingbar für unser heutiges Verstehen. Und dazu muss man Vorstellungen von Gravitation, von Geschwindigkeiten, von Relativitätstheorie, Elemtarphysik und Astrophysik usw. haben. Das gleiche gilt auch bei Ostern – dem Urknall des Glaubens. Auch geht es um elementare Inhalte. Leider haben wir Christen es verlernt, uns über die Inhalte unseres Glaubens Rechenschaft abzulegen. Viele meinen: alles sei beliebig geworden, jeder müsse sich seine eigene Religion zusammenstellen. Richtig sei, was dem Leben hilft.Zugleich aber schauen viele mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu auf den Islam. Dort scheinen die Gläubigen in der Lage zu sein, über die Grundlagen ihres Glaubens Auskunft geben zu können. Grundfiguren der Frömmigkeit sind klar und alles andere als beliebig., stehen nicht zur Disposition. Sicher ist richtig und wahr, dass wir Christen weniger dogmatisch sind als der Islam. Sicher ist auch, dass insbesondere wir Protestanten größten Wert auf die Gewissensfreiheit des Einzelnen legen und jedem zubilligen, nach seiner Facon selig zu werden. Das heißt aber nicht, dass es nicht einen Kern gibt, der unverzichtbar, unverrückbar ist. Er gehört gleichsam zu den elementaren Betstandteilen der Theorie vom Urknall des Glaubens. Darüber müsste – so Paulus – jeder Christ Auskunft geben können – oder aber, er versäumt entscheidende Dimensionen des Glaubens an Jesus Christus. Anders gesagt: er lässt die Energien dieses Urknalls in seinem Leben nicht zur Wirkung kommen, sondern neben sich verpuffen. Welche Energien, welche Elementarbestandteile gehören also zur Urknalltheorie des Glaubens? Vier Phasen nennt Paulus.
IV. Gestorben
Christus ist für unsere Sünden gestorben. Ich habe in der letzten Woche einer Diskussion mit einem Minister zugehört – und war am Ende ratlos und betroffen. Statt Visionen und Perspektiven, Aufbruchstimmung und möglichen Appellen, dass es doch irgendwie vorangehen würde, hörte ich nur Sachen, die einen runterziehen mussten: Schulden, Kostenfalle, Arbeitslosigkeit, keine Lösungen für die Sozialversicherungssysteme-. Das sind abstrakte Begriffe. Poltische Begriffe. Aber machen wir uns nichts vor: jedem Begriff sind Menschen zugeordnet. Unsere Gesellschaft ist krank, sagt man – das bedeutet, wir, jeder von uns hat Anteil an dieser Krankheit. Politiker und Führungskräfte versagen – so steht es in allen Zeitungen – aber sie sind Repräsentanten von uns Wählern. Sind wir besser? Können wir mehr als sie? Haben wir Lösungen? Praktizieren wir sie? Christus ist gestorben für unsere Sünden. Mit Blick auf den Film von Mel Brooks kann man auch sagen: er ist gestorben an den Sünden dieser Welt, an der Gewalt, dem Unrecht, der Perspektivlosigkeit, mit der wir einander begegnen.Christus ist daran gestorben – das ist die erste Bewegung des Urknalls des Glaubens. Gottes Wirklichkeit und menschliche Sünde knallen aufeinander. Und bevor entschieden ist, was dabei herauskommt, muss man erst einmal feststellen: Gott weicht dem Unrecht und dem Leid nicht aus: er nimmt sich dieses Leids an. Die erste unverzichtbare Bewegung des Osterglaubens ist also diese: hinsehen und feststellen, dass es ausweglose Situationen gibt in unserem Leben – und Gott ist mitten in ihnen. V. Begraben Christus ist begraben wordenDas, so stellt Paulus nüchtern fest, ist die Konsequenz jeden Sterbens: man wird begraben. So auch Christus. Wenn er stirbt, dann endet auch sein Leben.Welch Widerspruch, welche Zumutung des Denkens: Gott selbst – begraben. Die Ewigkeit Gottes, bedeckt von Erde und oben drauf ein Stein. Grabsteine signalisieren ursprünglich nichts anderes: Tote kehren nicht zurück. Sie bleiben, wo sie sind, 1,80 tief. Dennoch setzen sich Menschen nur ungern dem Gedanken aus, dass der Grabstein uns festhält in der Erde. Nicht zufällig ist der Erdwurf am Grab für viele Menschen die größte Zumutung: „Erde zu Erde, Staub zu Staub, Asche zu Asche.“ Wenn nichts geschieht, hat aber unser Leben ein definitives Ziel. Ein definitives Ende: das Grab. Gegen diese Einsicht haben Menschen zu allen Zeiten faszinierende Ideengebäude ins Feld geführt: Menschen haben immer davon geträumt, unsterblich zu sein. Sie hätten eine unsterbliche Seele, die den Körper verläst – oder aber jeder Mensch würde wiedergeboren werden, als Mensch, wenn er Pech hat allerdings auch nur als Eintagsfliege. Manche sind etwas bescheidener und sagen: wenigstens in meinen Kindern, also maximal noch eine Generation, lebe ich weiter. Ob die Enkel, gar die Urenkel aber noch etwas von mir wissen wollen? Welche Idee auch immer wir aufbieten: jede ist für sich genommen ein klarer Hinweis darauf, dass es eine der größten Beleidigungen unseres Selbstbewusstseins ist, dass wir am Ende nichts mehr sind als Erde zu Erde, Staub zu Staub. Christus begraben – sagt Paulus. Ja, das knallt erneut, aber es ist die zweite Bewegungsphase von Ostern: Gott weicht unserer Armseligkeit nicht aus, lässt sich auf Erde und Staub ein. Ja, er wird armselig wie wir sind. Was mit der Armseligkeit des Kindes in der Krippe begonnen hat, das endet mit der Armseligkeit des toten Mannes in den Armen seiner Mutter. Das bedeutet doch aber, liebe Gemeinde, dass wir uns – recht verstanden – unserer Armseligkeit nicht mehr zu schämen brauchen. Wir müssen unsere Menschheitsgeschichte nicht mehr verstecken und größer machen als sie ist. Denn diese Geschichte ist von Ostern her auch Gottes Geschichte. Seine Geschichte ist von unserer nicht mehr zu trennen. Das ist Ostern – Gottes Engergie identifiziert sich mit unserer Armseligkeit. Das bleibt nicht folgenlos.
VI. Auferweckt
Er ist am dritten Tag auferweckt worden gemäß der Schrift. Ursprüngliche Energie und Lebendigkeit sind Eigenschaften, die allein Gott zukommen. Er verströmt sich – wie der Urknall: jener winzige Moment, jene unendlich verdichtete und energiereiche Masse, die mit einem Mal explodiert und sich unvorstellbar weit ausdehnt – so auch Gott: explosionsartig, lebendig, lebensschaffend, alles durchdringend, alles durchströmend. Das ist das eigentliche Wunder, das eigentlich unvorstellbare – aber eben doch denkbare, der Urknall der Glaubens. Gottes Lebendigkeit sprengt das tote Nichts und lässt Leben hervorfließen. Nichts anderes meint Auferweckung.So wie die Gravitation vor Milliarden von Jahren an einen kritischen Punkt herangekommen, und sich im Urknall urgewaltig löste – so auch Ostern: Gottes Gegenwart durchströmt und durchdringt auch noch die lebensfeindlichen Sphären, die wir schon aufgeben haben. Er macht einen Aufstand gegen die Gewalt und das Unrecht, das Menschen einander antun, lässt nicht locker, seiner Liebe Raum zu schaffen. Noch einmal kurz zurück zu dem Ministergespräch in der letzten Woche. Ich sagte zu einem Diskussionsteilnehmer: „Was wir da gehört haben, war eher eine Karfreitags- als eine Osterpredigt.“ Mein Gegenüber stimmte zu. Es dauerte aber nicht lange und wir bannen eifrig darüber zu sprechen, was unserer Meinung nach denn nötig wäre zu tun und zu verändern: Die Debatte um gesellschaftliche Gerechtigkeit müsse angestoßen werden und Solidarität müsste erneut ein Stichwort werden, das Menschen miteinander verbindet und füreinander einstehen lässt.Gerade der Osterglaube setzt Kräfte frei, die den lebensfeindlichen Mächten um uns herum keinen Raum mehr lassen. Wie das geschieht, beschreibt die vierte Phase des österlichen Urknalls.
VII. Erscheinen
Er erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem mir.Wie der Urknall ausgesehen hat – keiner weiß es. Die Wissenschaftler bemühen sich auch nicht groß darum. Wie will man auch in einem Bild festhalten, was sich in einem Milliardstel Bruchteileiner Sekunde über Millionen von Lichtjahren hin ausgedehnt hat. Das geht nicht. Wichtig am Urknall ist dementsprechend, auch nicht, wie er ausgesehen hat, sondern welche Folgen gehabt hat. Das gilt in gleicher Weise von Ostern. Paulus beschreibt an keiner einzigen Stelle, wie man sich die Erscheinung des Auferstandenen vorzustellen hat. Er berichtet aber von einer ganzen Abfolge solcher Erscheinungen, von der Weitergabe dieser Erfahrung, dass Christus gestorben, begraben, auferweckt und erschienen sei. Es ist wie bei der Urknalltheorie: indem man davon berichtet, vermittelt sich die Energie dieser Vorstellung. Indem wir von Ostern sprechen, von der Lebendigkeit Gottes mitten in unserer Endlichkeit., in unsere Sündhaftigkeit und mangelnden Hoffnung – eröffnen sich das Tor in eine ganz andere Welt: hin in den Himmel Gottes, mit Farben und Sonnen, die Licht und Liebe verströmen, und Kraft und Frische. Der Osterglaube ist keine abstrakte Theorie, sondern die Grundlage, auf dem alles andere aufbaut. „Es ist der Grund, auf dem ihr steht.“ Spüren wir das? Merken wir das als Menschen, die sich Christen nennen? Nmehmen wir das in Anspruch, wenn wir einander begegnen, wenn wir darüber nachdenken, wie es weitergehen soll in unserer deutschen Gesellschaft, in Europa, auf dieser Welt? gBringen wir in Anschla, dass Gott dem Leid dieser Welt nicht ausgewichen ist, das er sich des Leids angenommen hat, sich damit identifiziert hat – eben damit keiner sagen muss: ich bin von Gott verlassen! Nehmen wir diese österliche Botschaft mit in den Alltag., dass Gott voller Energie und Tatkraft ist und sie weitergegeben hat an uns. Big bang – Urknall des Glaubens – lassen wir uns von den Energiewellen ergreifen und voranbringen? „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“
VIII. Ostern - Urknall des Glaubens.
Gestern verabschiedete sich meine Tochter von mir mit den Worten, die sie in letzter Zeit gern benutzt: „Lass Krachen, Papa!“ Sie bezieht das auf alles und jedes – und, liebe Gemeinde: zu Recht. Wenn Ostern Urknall des Glaubens ist, dann können wir es wirklich krachen lassen: gestorben, begraben, auferweckt und erschienen – das ist der Grundrhythmus unseres Lebens: eine klare Richtung, eine Perspektive, die Lust macht auf das, was von Gott her kommt. Darüber können wir Auskunft geben, denn es ist der Grund auf dem wir stehen.Also, liebe Gemeinde: Lasst krachen! Frohe Ostern! Der Herr ist auferstanden! Amen Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der stärke und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
20/04/2004 Dr. Christoph Künkel
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