Predigt am 9.November in Neu Wulmstorf
Predigt über Lukas 17,20-30 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 9.November 2003 um 10 Uhr im Gottesdienst mit Taufen in der Lutherkirche zu Neu Wulmstorf
Kanzelgruß: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei jetzt mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde, heute ist der 9.November. Ein Gedenktag – ein Nachdenktag. In der Nacht zum 9.November 1938 wurden im Nazideutschland die jüdischen Synagogen angefackelt und zerstört. Der Judenhass fand seinen eigenen Höhepunkt. Unaussprechliches Leid wird willkürlich Juden in Deutschland von Christen angetan. Heute ist der 9.November. Am Abend des 9.November 1989 wird in Berlin die Mauer aufgemacht. Die Mauer, die Menschen unmenschlich, schmerzlich vierzig Jahre voneinander trennte. Unaussprechliche Freude breitet sich im Land und in der ganzen Welt aus. Es geschieht, was die meisten sich schon nicht mehr im Traum vorzustellen wagten.
Heute ist der 9.November. Heute morgen haben wir Lara Sophie und Julia getauft. Für die beiden Mädchen und ihre Familien ein Grunddatum des Lebensglücks. Ein Grunddatum der Hoffnung. Ja, Sie feiern mit uns hier in der Kirche das Glück neuen Lebens. Das Schöpfungswunder. Sie teilen mit uns die Hoffnung, dass an ihren Töchtern wahr wird, was Sie im Taufspruch ausgesucht und hineingelegt haben:
„Gott, hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Dass sie dich auf ihren Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt“. (Psalm 91,11+12)
Und nun hören wir an diesem 9.November das Evangelium auf der Bühne der Welt, auf der sich das alles abgespielt hat und abspielt.
Hört das aus dem 17.Kapitel des Lukasevangeliums:( Lesung: Lukas 17,20-30 – Frau Annegret Cord) Liebe Gemeinde, wir haben gehört: Die Pharisäer, Juden, die es mit Gottes Treue, mit den geglaubten Verheißungen und Gottes Gebot ernst meinen, fragen Jesus: „Wann kommt das Reich Gottes“.
Ich finde, das ist eine befreiende Geschichte, denn: Jesus weckt Erwartungen und Hoffnungen. In seiner Gegenwart finden zugeschüttete Hoffnungen wieder eine Sprache. Bei den Pharisäern diese skeptische und zugleich sehnsüchtige Frage: Wann kommt es denn, das Reich Gottes? Jesus ist ein Sehnsuchts-wecker.
Wir sind ja voller Fragen und Sehnsüchte. In seiner Gegenwart trauen sich Menschen, ihre geheimen Hoffnungen auszusprechen.
Ich denke noch einmal an diesen hoffnungsgeladen Taufspruch für Lara Sophie und für Julia. Sie, als Eltern, haben diesen Top-spruch aus der jüdischen Bibel, den Psalmen vermutlich ausgewählt, weil er ihre Sehnsucht, ihre tiefsten Wünsche für Ihr Kind aufnimmt und ausspricht: Ihre Tochter soll doch um Gottes willen behütet, von Engeln, von unzähligen Schutzengel, behütet sein. Besser behütet, als wir das je selbst können: Auf den Händen der Engel soll es getragen werden, dass ihm nichts, gar nichts zustoßen mag.
Und diese Sehnsucht findet heute morgen hier in der Kirche, in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen, in der Gemeinschaft der Suchenden und Sehnsüchtigen, der Fragenden, einen Raum.
Kommt so das Reich Gottes in unsere Welt? Das Evangelium, der Jude Jesus sagt: Ja, so kommt es in die Welt. Die neue Welt beginnt da, wo wir uns auf das Alte verlassen. Es sind die Pharisäer, die Juden, denen Jesus sagt: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Unter euch, die ihr an den großartigen Verheißungen an den sinnvollen Geboten, die Israel gegeben sind, festhaltet. Das bringt Jesus glaubhaft rüber:
Gottes Reich ist mitten unter euch, jetzt, in dem wir den jüdischen Glauben gelten lassen. Heute diesen geladenen Psalm 91 für Lara Sophie und Julia zur Geltung bringen.Zufällig? Liebe Gemeinde, wir wissen, in unserem Land ist der jüdische Glauben, jüdisches Denken und Leben, jüdische Kultur versucht worden, auszurotten. Was in der Nacht zum 9.November vor 65 Jahren geschah ist nur ein teuflisches Zeichen für Unrecht und Hass. Wir wissen, die Nazis haben ausgeführt, was Jahrhunderte vorher in den christlichen Kirchen geschürt wurde und gereift war. Die christlichen Kirchen konnten nicht aushalten, dass im Judentum auf den Messias gewartet wird. Und die Frage trifft uns heute noch: Sind wir als Christinnen und Christen von Jesus, den wir als Menschensohn, Christus und Friedensbringer bekennen, enttäuscht? Lebt unser Glaube von der Enttäuschung, dass das alles nichts oder nicht viel gebracht hat mit dem Christentum? Lebt diese Enttäuschung in uns? Und wir dürfen sie nicht zugeben?
Wir kennen das: Es ist viel leichter, das, was in mir ist, ich aber nicht akzeptieren kann, in anderen zu bekämpfen. Der jüdische Glaube , Jüdinnen und Juden sind bekämpft worden, weil sie Wartende sind. Sie warten noch auf den Messias und damit auf den Schalom, den allumfassenden Frieden für die Menschenwelt. Und wir als Christinnen und Christen knapsen an dem noch unerfüllten Reich Gottes.Wir knacken an einer Gottesgegenwart, die nicht demonstrierbar ist. Sind wir wirklich als Christinnen und Christen weiter? Dem Frieden näher? Gott näher?
Die Jünger in der Nähe Jesus fragen ihn: Wann kommt der Menschensohn ? Wann erfüllen sich unsere Hoffnung nach Frieden und Gerechtigkeit. Wann erfüllt sich unsere Sehnsucht nach Gottes Nähe und nach den tausend Schutzengel.
Die Antwort ist sehr realistisch. Sie nimmt die Welt in ihrer Gottesferne war. Das ist allemal die Welt, in der Menschen an ihren unerfüllten Hoffnungen leiden. Der Menschensohn auch.
Also, das Reich Gottes kommt nicht mit der Erfahrung, am Ziel zu sein. Darum: Sagt nicht: Hier ist es. Dort ist es. Passt auf. Und: Macht euch nicht verrückt. Vereinnahmt auch nicht schnell politische Ereignisse für das Reich Gottes. Auch nicht den 9.November 1989. Ja, das war schon wirklich wunderbare Befreiung. Gleichsam wissen wir, wie hartnäckig noch die Mauern in unseren Köpfen steht.
Wann kommt die allumfassende Befreiung, der Schalom Gottes in unsere Welt?
Der christliche Glaube, unsere heutige Predigtgeschichte am 9.November weist uns in die unerlöste Welt, in unser unerlöstes Menschsein.
Bleibt in der Sehnsucht. Bleibt in Erwartung und Verantwortung für eine gerechtere Welt.
Macht euch nicht verrückt. Haltet fest an den Zusagen, die Gott seinem Volk gegeben hat: z.B.
„Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich Lara Sophie und dich Julia und jeden und jede von uns behütet auf allen Wegen. Dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt“
In diesem Vertrauen ist Gottes Reich mitten unter uns. Amen.
Pastor Wolfgang Loos Lutherkirchengemeinde Neu Wulmstorf
17/11/2003 Pastor Wolfgang Loos
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