Predigt am 19.I.2003
Neu Wulmstorf
2. Könige 2, 23f Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen. Der Predigttext steht im 2. Buch der Könige, 2, 23f: Der Prophet Elisa ging hinauf nach Bethel. Und als er den Weg hinanging, kamen kleine Knaben aus der Stadt heraus und verspotteten ihn und sprachen zu ihm: "Kahl-kopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf!" Und er wandte sich um, und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen zweiundvierzig von den Kindern.
Herr, segne unser Hören und schenke uns Verstehen. Amen. Liebe Gemeinde, ich will mich jetzt nicht erst lange damit aufhalten, Ih-nen vorzulamentieren, wie furchtbar diese biblische Geschichte ist; und dass wir alle der Meinung sind, eine solche Geschichte hätte in der Bibel eigentlich nichts zu suchen. - Ich denke, das ist klar; und darüber sind wir uns einig - und deshalb wäre das letztlich auch langweilig. Und es glaubt doch wohl auch niemand unter uns im Ernst, dass unser Gott zwei Bären losschickt, um 42 Kin-der umzubringen, nur weil ein alter Prophetenknabe sich beleidigt fühlt. Es handelt sich um eine biblische Geschichte - und schon die Kinder im Kindergottesdienst wissen: In der Bibel stehen Geschichten über Gott und die Menschen. Deshalb die Frage: Was erfahren wir in dieser Geschichte über die Menschen - und was über Gott? I. Über die Menschen Vorweg: Es ist dies ein schreckliche Geschichte - und das Schrecklichste dabei ist, dass es eine rein menschliche Geschichte ist - Es geht hier um dich und mich.Wieso? Weil diese zwei kurzen Verse vieles davon enthalten, wie es bei uns zugeht, wie Konflikte entstehen - und wie sie eskalieren bis sie eine tödliche Dimension erreichen. 1. Die Jungen machen sich über den Propheten lustig. Ziel-sicher haben die Kinder den schwachen Punkt des Propheten herausgefunden, den Punkt, an dem sie ihm überlegen sind: Ihre Jugend, ihre Stärke, ihre Schnelligkeit. "Glatzkopf! Komm doch hier hoch und fang uns!" Mit dem Vergleichen fängt das Übel an - und wenn es sich hier um Kinder handelt, so vermutlich deshalb, weil wir alle dieses Verhalten schon als Kinder gelernt haben: "Mein Papa ist aber stärker als deiner!" "Aber meine Mama ist viel lieber als deine..." "Und das Auto meines Papas ist viel schneller als deines..." - usw. Wenn wir dann erwachsen werden, dann haben wir die "Kunst" des Vergleichens gelernt: Erst mal kucke ich und suche einen Punkt, an dem ich dem anderen überlegen bin. Und dann lege ich meinen Finger in diese wunde Stelle und drehe ihn so richtig darin um. - Beispiele gefällig? · "Also, hast du dieses Kleid gesehen, dass Frau Müller heute trägt? - Ich finde, darin sieht sie noch dicker aus als sie sowieso schon ist!" · Sagt das Mädchen zu ihrer Klassenkameradin: "Hast du die Hosen von Klaus gesehen? Na ja, seine Alten haben wohl keine Kohle - die sind doch aus dem Supermarkt." · "Hast du schon gehört: Der Herr Meier ist entlassen worden. Na ja, ist ja kein Wunder, ich hatte schon immer den Eindruck, dass der ziemlich faul ist." Und dann fühle ich mich gut - denn ich bin natürlich besser gekleidet als Frau Müller und habe außerdem einen besseren Job als Herr Meier. 2. Aber die Befriedigung, der Triumph ist nur kurz, denn die Geschichte geht weiter:
Der andere Beteiligte, ob es nun Frau Müller, Klaus, Herr Müller oder der Prophet Elisa ist, lässt sich anstecken von dieser Provokation. "Das muss ich mir ja wohl nicht gefallen lassen. Das werde ich den Jungs schon mal zeigen, wer hier zuletzt lacht. Schließlich habe ich die Macht Gottes an meiner Seite!" - Und verflucht sie - im Namen Gottes. Ich will es klar sagen: Er lässt sich hinreißen und versündigt sich an den Knaben, denn auch er kannte doch wohl das zweite Gebot: "Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht missbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht." - Und dass das Missbrauch ist - das ist ja wohl so sicher wie das Amen in der Kirche! Es kommt wie es kommen muss: Ein Wort gibt das andere - keiner gibt nach - die Situation eskaliert - plötz-lich ist beiden Seiten jedes Mittel Recht - bis jeder nur noch verlieren kann. "Gemeinsam in den Abgrund!" 3. Denn dann ist plötzlich der Bär los. Er zeigt den Knaben, was ein alternder Prophet so alles drauf hat. Und wie geht es weiter? Können Sie sich etwa vorstellen, die Eltern der Jungs hätten sich das so einfach gefallen lassen? - Und damit ist der Teufelskreis der Gewaltspirale in Fahrt gekommen... Er funktioniert, wie wir gesehen haben - im Kleinen, im Individuellen - aber er funktioniert auch zwischen Staaten: Hat ein Volk erst einmal ausgemacht, wo die Schwäche des anderen liegt, dann Gnade uns Gott. Hat sich ein amerikanischer Präsident erst einmal provozieren lassen - dann scheinen auf einmal kein Argument mehr zu zählen - und genau wie Elisa geht natürlich auch der amerikanische Staatsführer davon aus, dass Gott auf seiner Seite ist. Das Sich Vergleichen mit anderen ist die Wurzel allen Übels - genau damit fing es schon bei Kain und Abel an. Und wie kommen wir raus aus diesem Teufelskreis? Das wäre schon wieder eine eigene Predigt - für heute nur so viel: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ich verstehe das so: Sieh' nicht immer zuerst auf den anderen, um dich zu vergleichen, sondern sieh' erst einmal auf dich und lerne, dich selbst zu lieben. - Dann ist es nicht mehr nötig, den anderen runterzumachen, um sich selbst besser vorzukommen.
II. Und damit zum zweiten Abschnitt: Was erfahren wir in dieser Geschichte über Gott? Zuerst einmal so viel: Wir verstehen diesen Gott nicht. Er bliebt uns fremd. Ein Gott der Gewalt und der Willkür. Manch einer wird jetzt versuchen, sich selbst zu beschwichtigen und denken: "Na ja, das ist der Gott des Alten Testaments - Wir haben ja das Neue Testament, in dem uns der Gott der Liebe und der Versöhnung begegnet." Aber, Schwestern und Brüder: ich denke, wir dürfen es uns an dieser Stelle nicht zu leicht machen: Immerhin hat auch der Gott des Neuen Testaments seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern zugelassen, dass er grau-sam gefoltert und bes-tialisch hingerichtet wird.
Und wie schon gesagt, niemand wird ernsthaft meinen, Gott schicke zwei Bären um Kinder zu zerreißen. Aber dennoch - diese dunkle Seite Gottes, die in dieser Geschichte in grotesker Vergröberung sichtbar wird - sie ist nicht weg zu diskutieren. Haben Sie noch die Worte der Lesung im Ohr? Psalm 94: "Herr, du Gott der Rache, du Gott der Rache, erscheine! Erhebe dich, du Richter der Welt; Vergilt den Stolzen, was sie verdienen! Herr, wie lange sollen die Gottlosen, wie lange sollen die Gottlosen prahlen?
"Können wir diese Worte beten? Wir, aufgeklärte Christenmenschen zu Beginn des dritten Jahrtausends? Wohl kaum. Dieses Gottesbild passt nicht zu dem "lieben Gott" unserer Kinderzimmer. Passt nicht in unsere zivilisierte westlich-demokratische Kultur. Das legen wir lieber zu den Akten - 3.000 Jahre alt; vorchristlich, primitive Religion. Den Gott der Rache gibt's nicht - oder den Gott der Gewalt - Gott hat keine dunklen Seiten. Vielleicht ist es so. Vielleicht verstehen wir mehr von Gott als die Schreiber dieser alttestamentlichen Geschichten. Vielleicht. Vielleicht. Was mich skeptisch macht, ist die Tatsache, dass die Geschehnisse, die der Psalmbeter vor 3.000 Jah-ren beschreibt, sich so lesen, als wäre es ein Bericht aus einer X-beliebigen Tageszeitung: "Es reden so trotzig daher,es rühmen sich alle Übeltäter. Herr, sie zerschlagen dein Volk Und plagen dein Erbe. Witwen und Ausländer bringen sie um und töten die Waisen Und sagen: der Herr sieht's nicht, und der Gott Jakobs beachtet's nicht.
"Die Welt ist nicht besser geworden seitdem. Und die Menschen benehmen sich immer noch so, als ob 'Gott es nicht sieht und es nicht beachtet'. Doch wir haben in der Elisageschichte gesehen: Böse Taten bringen böse Taten hervor - setzen einen Teufels-kreis in Gang. Und Gott sollte dazu schweigen? Das wäre arg bequem. Christentum als Beruhigung für schwache Seelen. Ein Gott, der nichts tut, der uns nichts tut. Und die Menschen benehmen sich immer noch so, als ob es Gott nicht gäbe - dazu Luther in einer Auslegung zum 6. Gebot:"Ja, für die Welt scheinet's so als wäre Gott ein lauter Gähnemaul der nur das Maul aufsperre, oder ein Hahnreihe oder guter Mann, der einen lässt beim Weibe eines anderen schlafen und stellet sich, als sähe er's nicht..." Ein Gott der milde auf seiner Wolke sitzt und lä-chelnd zusieht, wie Unrecht und Unterdrückung, Krieg und Hungersnot wüten - das würde den Übeltätern der Menschheitsgeschichte nur zu gut in den Kram passen...Die Elisageschichte, der Psalm zeigen uns: Der Gott der Bibel ist kein Abbild kleinbürgerlicher Gemütlichkeit und Selbstgefälligkeit. Der Gott der Bibel ist kein Kuschelgott mit Regenbogen und Weichspülgarantie!Sondern - Hebräer 10, 31: "Schrecklich ist's, in die Hän-de des lebendigen Gottes zu fallen." -"Schrecklich ist's, in die Hän-de des lebendigen Gottes zu fallen." Der 'liebe Gott' passt ausgezeichnet zu einem schönen Leben in einer heilen Welt - wo aber Unheil und Leiden sich melden, da passt er nicht mehr. Da wird er irrele-vant. Denn wenn es nur der Schönwetter-Gott ist - dann kann man sich bei "schwerem Wetter" im eigenen Leben ruhig von ihm abwenden und - wie man so sagt: "den lie-ben Gott einen guten Mann sein lassen". Uns passt er ganz gut - der 'liebe Gott'. Den verhungernden Kinder in Afrika, den Opfern des 11. September - ihnen hilft ein ausschließlich 'lieber Gott' nicht. Sie brauchen etwas Stärkeres - sie brauchen den lebendigen Gott der Bibel; den Gott, der aufsteht gegen Hass und Gewalt, gegen Krieg und Terror. Schwestern und Brüder, das war jetzt für meine Verhältnisse eine lange Pre-digt - die Geschichte von Elisa und den spottenden Knaben - vielleicht kann sie uns hel-fen, dass unser Glaube erwachsen wird - damit auch wir erkennen, dass das Geheimnis Gottes mehr ist, als ein "alter Mann mit Rauschebart"; vielleicht kann sie uns dazu führen, dass wir mit dem Apostel Paulus bekennen:Von dir und durch dich und zu dir sind alle Dinge. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.Und der Friede Gottes...
Pastor Frank Richter am 19.01.2003 zu Beginn der Predigtreihe zum "Jahr der Bibel": "Das Fremde entdecken - waghalsige Versuche zu ungepredigten Bibeltexten". Lutherkriche Neu WulmstorfTeil I - "Über die Menschen" nach einer Idee von Peter Bukowski ("Ein Buch voller Leben" - Neukirchen-Vluyn 1992)
20/01/2003 Pastor Frank Richter
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