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Bürgerpredigt – Lutherkirche Neu Wulmstorf am 25. Januar 2004

 

Vorbemerkung: Am Sonntag, dem 25. Januar, begann in der Lutherkirche die Gottesdienstreihe „Bürgerpredigten“.
Nicht die Pastoren, sondern „normale“ Gemeindemitglieder hielten die Predigt.
Die folgende Predigt stammt von Renate Martens-Hoppe, 47 Jahre, Lehrerin und Carola Herrendorf, 42 Jahre, Mess- und Regelmechanikerin, Betriebsrätin bei Eon Hanse.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag befindet sich im Römerbrief, Kapitel 1, Verse 16 und 17.

Renate Martens-Hoppe:
Paulus schreibt:
Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen. Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: der Gerechte wird aus Glauben leben.

Dieser Text war uns aufgegeben. Frau Herrendorf sagt Ihnen jetzt ihre Gedanken zum Text.

Carola Herrendorf:
Hier stehe ich - naja, nachdem ich mich entschlossen hatte, hier mitzumachen - kann ich nicht mehr anders.
Guten Morgen, liebe Gemeinde,ich begrüße Sie und Euch recht herzlich. Und ich heiße auch unsere Gäste - aus der näheren und der weiteren Umgebung - recht herzlich willkommen.Ich bin ganz schön aufgeregt,
dennoch bin ich dankbar, dass ich heute hier reden kann.

Liebe Gemeinde!...
In diesem Römerbrief, von dem wir gerade einen Ausschnitt gehört haben, stellt sich Paulus einer christlichen Gemeinde vor.
Auch ich möchte mich Ihnen, zuerst einmal kurz vorstellen.
Ich bin 42 Jahre alt und wohne seit 9 Jahren in Neu Wulmstorf.
Noch vor 3 Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, einmal hier oben in einer „naja .... Kanzel“ zu stehen.
Zu dem Zeitpunkt gehörte ich nicht einmal einer Kirche an.
Nun bin ich Mitglied unserer Luthergemeinde seit gut zwei Jahren.

Von Beruf bin ich Mess- und Regelmechanikerin
und seit 2001 - zusammen mit 14 Kollegen - Mitglied im Betriebsrat.
Manch Arbeitgeber mag diese Art der Tätigkeit verfluchen,
dennoch „GUTER BetriebsRAT muss nicht teuer sein“
Wir Betriebsräte gestalten zur Zeit zusammen mit dem Arbeitgeber ein neues Unternehmen. HeinGas meine alte Firma, die Firmen HanseGas und Schleswag haben letztes Jahr fusioniert. ... etwas Werbung in eigener Sache... die neue Firma heißt jetzt EON-Hanse ... bitte weitersagen.

 

Nun habe ich mich Ihnen kurz vorgestellt, sowie Paulus sich den Christen in Rom vorgestellt hat. Paulus schreibt dann weiter vom Glauben ... vom Vertrauen zu Gott.
Vertrauen ... das zieht sich wie ein roter Faden, durch unser Leben!!
Das fängt am Anfang mir dem Urvertrauen zu unseren Eltern an.
Und das setzt sich fort im Vertrauen zu Freunden, zu Schulkameraden, zu Kollegen....Vertrauen, das ist so wichtig, dass der Gesetzgeber es im Betriebsverfassungsgesetz verankert hat.
Das Betriebsverfassungsgesetz ist die Grundlage Betriebsratsarbeit, ein ganz schöner Wälzer.....das eigentliche Gesetz ist dies........ nur 58 Seiten, aber mit 132 Paragraphen.....Die restlichen 2000 Seiten sind Kommentare und Erklärungen, .... ohne die wäre ich aufgeschmissen.
132 Paragraphen, bedeutet 132 GeboteLiebe Gemeinde !!
Unser GOTT ist da unkomplizierter, ER gibt uns nur 10 Gebote mit auf den Weg, und dafür benötigen wir keine 2000 Seiten mit Erklärungen.

Nun zum § 2 Absatz 1 (1) Arbeitgeber und Betriebsrat arbeiten unter Beachtung der geltenden Tarifverträge vertrauensvoll und im Zusammenwirken mit den im Betrieb vertretenen Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen zum Wohl der Arbeitnehmer und des Betriebes zusammen.«
...typisch Gesetzestext.........um so was zu verstehen,
brauche ich die Erklärungen....Die Kernaussage ist die Zusammenarbeit und zwardie ausdrücklich - VERTRAUENSVOLLE - Zusammenarbeit.
Wo dieses so wichtig ist, das habe ich mich gefragt, warum steht das nicht gleich im Paragraphen 1 ???
Zur vertrauensvollen Zusammenarbeit gehören mindestens zwei:Der Arbeitgeber und der Betriebsrat... so ein Betriebsrat fällt nicht vom Himmel.... er wird gewählt.
Also stehen im §1 die Regeln, wann ein Betriebsrat gewählt werden darf. Diesmal erspare ich Ihnen und Euch und vor allem auch mir den Gesetzestext.
Ja, wir Betriebsräte werden von unseren Kollegen gewählt.Damit haben wir das Mandat / und die Verantwortung bekommen, / ihre Interessen im Unternehmen zu vertreten.
Manchmal bezweifeln die Kollegen, ob wir tatsächlich in ihrem Interesse gehandelt haben. Weil manchmal das Verhandlungsergebnis zu ihrem Nachteil sein kann.
Aber, wir müssen bei den Verhandlungen- nicht nur das Interesse des einzelnen Kollegen,
- sondern auch das Interesse der gesamten Belegschaft
- und das Interesse des Unternehmens berücksichtigen:
Hier müssen die Kollegen uns vertrauen.
Ja, uns Betriebsräten vertrauen, dass wir immer versuchen
das Beste herauszuholen,
unter Abwägung der verschiedenen, berechtigten Interessen.

Vertrauen, das zieht sich wie ein roter Faden durch unser Leben!!

Im Predigttext ist davon die Rede, dass wir GOTT glauben ...
IHM vertrauen sollen. Nicht mehr, / aber auch nicht weniger !!!
Ich finde, auch GOTT schenkt uns SEIN Vertrauen von Anfang an.
ER hat uns das Mandat und die Verantwortung für diese Erde gegeben.
ER vertraut uns, dass wir versuchen in SEINEM Sinne zu handeln. Und das fällt mir oft genug sehr schwer.

Ich glaube, wir alle sind - von IHM gewählte - Betriebsräte.
Betriebsräte, die versuchen zum Wohl unseres Nächsten und zum Wohl unseres Unternehmens
- namens Erde - zu handeln.

Vertrauen... das zieht sich wie ein roter Faden durch unser Leben...
Vertrauen erfahren und lernen wir...
im Miteinander ... mit unseren Eltern, Freunden, Partnerin der Begegnung ... mit uns selbst...und in der Beziehung ... zu Gott,
Amen

Lied: 604 – Wo ein Mensch Vertrauen gibt

Renate Martens-Hoppe:
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
als ich anfangs über den heutigen Predigttext nachdachte, fiel mir eine Geschichte aus dem anderen Adventskalender des Jahres 2003 ein.
Ich lese sie Ihnen vor.
Ihr Titel lautet:

 

Nein, danke.

Ein gläubiger Mensch rettet sich während einer riesigen Überschwemmung auf das Dach seines Hauses. Die Fluten steigen und steigen. Eine Rettungsmannschaft kommt in einem Boot vorbei und bietet ihm an, ihn mitzunehmen. „Nein, danke“, sagte er, „Gott wird mich retten.“ Die Nacht bricht an, und das Wasser steigt weiter.
Der Mann klettert auf den Schornstein. Wieder kommt ein Boot vorbei, und die Helfer rufen, er solle einsteigen. „Nein, danke“, erwidert der Mann nur. „Gott wird mich retten.“ Schließlich kommt ein Hubschrauber. Die Besatzung sieht ihn im Scheinwerferlicht auf dem Schornstein sitzen, das Wasser bis zum Kinn. „Nehmen Sie die Strickleiter“, ruft einer der Männer. „Nein, danke“, antwortet der Mann, „Gott wird mich retten.“
Das Wasser steigt weiter und der Mann ertrinkt. Als er in den Himmel kommt, beschwert er sich bei Gott “Mein Leben lang habe ich treu an dich geglaubt. Warum hast du mich nicht gerettet?“ Gott sieht ihn erstaunt an: „Ich habe dir zwei Boote und einen Hubschrauber geschickt. Worauf hast du gewartet?

Sein Leben lang hat der Mann in dieser Geschichte treu an Gott geglaubt, hat ihm vertraut, hat versucht nicht kleingläubig zu sein wie die Jünger, die mit Jesus in einen Sturm geraten und sich fürchten und doch – er wurde nicht gerettet. War sein Glaube also falsch? Hat er zu wenig oder gar zu viel geglaubt?
Unser Mann hielt seinen Glauben für etwas Exklusives, das nur ihn und Gott etwas angeht, in dem andere nicht vorkommen, für den er andere nicht braucht. Nein, danke!,, lautet seine Antwort, er lehnt alle von Menschen kommenden Hilfsangebote ab.

Doch wie soll Gott sich unserem Mann dann zu erkennen geben, wenn andere für seinen Glauben keine Rolle spielen?
Wir glauben an Gott als den Schöpfer, ewig und allmächtig. Er hat uns die Welt geschenkt, damit wir sie bebauen und bewahren. Er hat uns unser Leben geschenkt und macht uns Mut dies im Vertrauen auf Gottes Liebe zu wagen. Er hat uns den Mitmenschen geschenkt, damit wir Leben und Welt zusammen mit ihm gestalten können. Deshalb hat Jesus das Doppelgebot der Liebe als das wichtigste Gebot genannt – Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus wusste – wir brauchen unseren Mitmenschen, durch ihn kann Gottes Liebe an uns wirken, im Alltag genauso wie in Krisensituationen.

 

Kennen wir nicht alle graue Tage mit trüben Gedanken, wir gehen durch Neu Wulmstorf, es nieselt und weht, gefühlte Temperatur minus fünf Grad- wie warm lässt uns dann ein freundliches Wort, ein Lächeln, ein Gruß werden. Oder wir sehen einen Rollstuhlfahrer, sind behilflich, indem wir die Tür aufhalten und erhalten ein Danke, aus dem wir spüren, dass das Selbstverständliche unseres Tuns für den anderen unerwartet kommt und ihn deshalb so erfreut. Wir spüren, dass wir für den anderen wichtig sind. Diese und viele ähnliche Erfahrungen sind kleine Beispiele, die uns zeigen , dass Gott unserer Augen und Ohren, unseres Mundes und unserer Hände bedarf, um an uns und unter uns zu wirken.

 

Christ sein ist kein Exklusivvertrag, der nur für mich gilt, Christsein bedeutet, sich zu bekennen und sich einzulassen auf Gott und auf die von ihm geschaffenen Menschen. Gott verspricht uns uns zu retten, aber wir müssen bereit sein um die Rettung anzunehmen. Auch der andere bedarf der Rettung – kann ich vielleicht der Helfer sein? Im Wechsel von annehmen können und geben können vollzieht sich Evangelium im Alltag.Gott gibt mir einerseits Gelassenheit und Vertrauen für mein Leben und fordert mich andererseits heraus Teil dieser Welt zu sein als Christin und sie mitzugestalten in Gottes Sinn mit offenen Augen, Ohren und Händen.

„ Ich schäme mich des Evangeliums nicht“, sagt Paulus. Wenn wir den Mut haben, uns auf den Zuspruch und den Anspruch des Evangeliums einzulassen und uns offen auf dieses stellen, brauchen wir uns nicht zu fürchten, nicht vor der Gegenwart und nicht vor der Zukunft, nicht vor fremden Sprachen und fremden Gebräuchen, nicht vor der Moschee an der Cuxhavener Straße und nicht vor Kopftuch tragenden Lehrerinnen. Wir schämen uns des Evangeliums nicht – darauf können wir bauen, darauf können wir vertrauen – bekennen wir uns also zu unserem Gott und gestalten unsere Welt bezogen auf den Nächsten – als Väter und Mütter, als Partner und Freunde, als Lehrer und Schüler, als Unternehmer und Betriebsräte, eben als Christinnen und Christen – jeden Tag neu. Amen.

25/01/2004 Renate Martens-Hoppe und Carola Herrendorf

 


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