Bürgerpredigt in der Lutherkirche Neu Wulmstorf am 08.02.04
Vorbemerkung: Am Sonntag, dem 25. Januar, begann in der Lutherkirche die Gottesdienstreihe „Bürgerpredigten“.Nicht die Pastoren, sondern „normale“ Gemeindemitglieder hielten die Predigt. Die folgende Predigt stammt von Ulrich Tobien, 53 Jahre, Koch und Dr. Dirk Müller, 51 Jahre alt, Chemiker
Predigttext: 1. Kor. 9, 24 – 27 Wisst Ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge, jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.
Ulrich Tobien, 53 Jahre, Koch
Liebe Gemeinde! In Korinth wusste man, wie aufregend Wettkämpfe sein können, denn dort fanden die istmischen Spiele statt, nach den olympischen Spielen die berühmtesten Spiele der Antike. Und jetzt – Paulus im Trainingsanzug – finden Sie nicht auch – ein etwas befremdlicher Gedanke? Und doch wählt Paulus ganz bewusst Bilder aus dem Sport, um seine Existenz als Christ zu beschreiben. Das Laufen, das starke Ausdauer erfordert, das Boxen, wo die Kampfkraft im Vordergrund steht. Der alte Paulus wusste ganz genau, worum es geht, denn er sagt: „Ich boxe nicht wie einer, der in die Luft schlägt.“ Liebe Gemeinde, Paulus spricht hier von seinem eigenen Weg, seiner Berufung, der etwas scharfe Ton seiner Worte rührt daher, seine Autorität in Korinth wieder herzustellen, nachdem sich verschiedene Parteien gebildet hatten und sein Ansehen herab gesetzt worden war. Was da genau los war, kann ich mir gut vorstellen, denn so etwas haben wir hier in unserer Gemeinde auch schon erlebt. Doch konzentrieren wir uns jetzt auf den Bibeltext.
Sollen wir alle leben wie Paulus? Immer unter höchster Anspannung, rastlos im Dienst der Evangeliumsverkündigung? Es kann doch nicht sein, dass wir auch in Dingen des Glaubens das Leistungs- und Konkurrenzprinzip predigen – dass es auch hier Gewinner und Verlierer gibt. Wenn Sport wirklich Sport ist, hat er auch mit Spiel zu tun. Und da gibt es in der Bibel den Satz: Die Letzten werden die Ersten sein.Martin Luther hat zu unserem Bibeltext gesagt: „ Es ist aber nicht Einer – sondern hier ist gemeint, dass die ganze Kirche rennt und den Siegespreis erhöht.“ In diesem Sinne gilt dann doch auch für uns das olympische Motto – Dabei sein ist alles! Paulus hat in seinen Briefen keinen Zweifel gelassen, dass Christ sein nicht heißt, angestrengt um seine Selbstrechtfertigung kämpfen zu müssen. Nein, Christ-sein ist das genaue Gegenteil – nämlich die durch den Glauben eröffnete Freiheit, sich gerechtfertigt zu wissen. Und hier ist Paulus ganz eindeutig. Er kämpft leidenschaftlich dagegen, dass man die geschenkte Freiheit durch selbstgerechte Anstrengungen wieder verspielt. Wir verspielen die Freiheit, indem wir selbst Gott sein wollen, indem wir glauben, Gottes Barmherzigkeit nicht nötig zu haben. Dagegen predigt Paulus – eben wie ein Hochleistungssportler. Denn, liebe Gemeinde, die uns geschenkte Freiheit macht nicht passiv. Nein, die Freiheit drängt uns, für andere zu sorgen, sich einer Aufgabe zu widmen. Wenn Paulus das Bild vom Wettkampf zur Beschreibung christlicher Existenz benutzt, ist damit nicht gemeint, dass Christ sein ein ständiges angestrengtes durchs Leben Hetzen ist. Es geht darum, etwas zu finden, was den eigenen Begabungen entspricht und das dann auch zu tun, also nicht in die Luft schlagen, sondern seine Kräfte auf das Ziel hin zu konzentrieren. Die Erfahrung der geschenkten Freiheit liegt doch gerade in der Übernahme von Verantwortung – im Beruf – oder für meinen Nächsten – und das sollten wir uns nicht nehmen lassen. Ich will noch einmal versuchen, es anders auszudrücken. Wir haben die Freiheit, die Sportart zu wählen, die uns liegt. Wenn mir Boxen nicht gefällt – weg damit. Finde ich Volleyball langweilig – weg damit. Habe ich mich aber für eine Sportart entschieden, werde ich sie voller Leidenschaft betreiben.
Genauso wie in meinem Beruf oder in der Übernahme von Verantwortung für meinen Nächsten. Wie Sie gehört haben, bin ich Koch von Beruf. Und das größte Glück des Koches ist bekanntlich seine Rührseligkeit. Egal ob linksrum gerührt oder rechts herum, am Ende soll und wird es schmecken. Und wenn ich mich mit der gleichen Hingabe, mit der ich mich meinen Soßen widme, mich der geschenkten Freiheit Gottes widme, bin ich auf dem rechten Weg.
Eine Frage gilt es noch zu beantworten. Was ist das eigentlich für ein Siegespreis, um den es zu kämpfen gilt? Der Siegerpreis, der unvergänglich ist. Paulus hat das nicht näher erklärt. Es ist vielleicht zu persönlich, wie man sich die letzte Erfüllung vorzustellen hat. Vielleicht so:Es gibt ein Buch vom Schweizer Theologen Kurt Marti mit dem Titel „Leichenreden“. Dort fand ich folgendes: Wenn ich gestorben bin Hat sie gewünscht Feiert nicht mich Und auch nicht den Tod Feiert den Der ein Gott von Lebendigen ist Wenn ich gestorben bin Hat sie gewünscht Zieht euch nicht dunkel an Das wäre nicht christlich Kleidet euch hell Singt heitere Lobgesänge Wenn ich gestorben bin Hat sie gewünscht Preiset das Leben Das hart ist und schön Preiset denDer ein Gott von Lebendigen ist
Liebe Gemeinde, wenn ein Mensch geboren wird, hat er die Hände zusammengeballt, als wolle er sagen: Ich erobere die Welt. Wenn er stirbt, sind seine Hände ausgestreckt, als wolle er sagen: Ich habe nichts zurückbehalten, alles gehört Dir oh Gott. Amen.
Musikstück
Dr. Dirk Müller, 51 Jahre alt, Chemiker
Liebe Gemeinde, Stellen sie sich bitte einen Moment lang vor, sie sollten auf ihrer Arbeitsstelle eine neue Aufgabe übernehmen. Zur Vorbereitung auf die neue Tätigkeit werden sie für 6 Monate ins Ausland geschickt, und zwar nach China, 10.000 km von Neu Wulmstorf entfernt .... Sicher ist dem einen oder anderen nicht ganz wohl bei diesem Gedanken. - Ich könnte mir daher vorstellen, dass es den fünf Trainees aus der Provinz Yunnan im Westen Chinas, die seit Anfang Januar bei uns im Unternehmen tätig sind, so ähnlich geht wie ihnen.
Warum erzähle ich ihnen das Alles?
Die Trainees aus China, ausgebildete Ingenieure, sind bei uns, um von uns zu lernen, wie ein Industrieunternehmen heute und morgen mit modernen Methoden zu führen ist, um sich am Weltmarkt zu behaupten.Dafür werden die Ingenieure kämpfen. Ein Siegeskranz wird ihnen zukommen. Dafür nehmen sie es auf sich, ein halbes Jahr bei uns im ‚Trainingslager‘ auf der Veddel zu verbringen. Wir, die Mitarbeiter unseres Unternehmens, sind die Trainer.
Paulus beschreibt die Athleten, die sich vor den Isthmischen Spielen „von allen Dingen enthalten“. Aber, sagt uns Paulus, jeder Athlet kämpft um einen Peis, doch dieser ist vergänglich. In unserem Fall das wirtschaftliche Überleben eines Unternehmens.
Wo aber bleibt der unvergängliche Siegeskranz, von dem Paulus spricht?
Als ich als Trainer vor den fünf Chinesen stand, berichtete ich ihnen davon, wie wir es bei uns anstellen, unsere Umwelt, das Leben im Wasser, in der Luft und im Boden zu erhalten und zu verbessern. Also: Training im Umweltschutz.Diese Erhaltung der Erde, die uns gegeben wurde, ist eine Aufgabe, die über den kurzzeitigen Gewinn eines Unternehmens hinausgeht. Hier haben wir eine weit in die Zukunft reichende Aufgabe vor uns, für uns, unsere Kinder und Kindeskinder.Dafür kämpfe ich, nicht indem ich mit der Faust Löcher in die Luft schlage. Nein, das Ziel ist hier ganz klar: den Trainees zu vermitteln, wie sie ihre Umwelt für die Zukunft gestalten müssen. Nur dann erlangt das Unternehmen einen Siegeskranz, der auf Dauer Bestand hat.
Und wir, die Trainer?
Paulus spricht von seinem Amt als Prediger. Er wird nicht müde, seinen Leib zu bezwingen, um vom unvergänglichen Siegeskranz, der Liebe Gottes und der Verheißung des Evangeliums, zu predigen. Er zwingt sich aus Berufung zu seinem Amt. Er weiß, dass er als Trainer nur wahrhaftig sein kann, wenn er sich in die Gemeinschaft des Trainingslagers einfügt und mit seiner Gemeinde mitkämpft, mitkämpft um den richtigen Glauben. So ergeht es auch uns als Trainer: Wir dürfen nicht aufgeben, für uns darf der Schutz unserer Umwelt nicht nachlassen. Sonst werden wir für unsere Schüler unglaubwürdig.Wir müssen selbst daran arbeiten, um uns zu verbessern, im täglichen Leben wie im Glauben. Nur dann werden wir gestärkt und können auch davon predigen.
Liebe Gemeinde,
- ich wünsche mir für unsere fünf Trainees aus Yunnan, dass wir ihnen die notwendige Erkenntnisse für eine lebenserhaltende Umwelt in der Zukunft mit auf den Weg geben können.
– für uns wünsche ich mir, dass wir, wie Paulus, vom Evangelium hören und sich unser Glaube darin bestärkt, damit wir den unvergänglichen Siegeskranz bekommen. Amen.
08/02/2004 Ulrich Tobien und Dr. Dirk Müller
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