Predigt zu Lk 10, 25-37 (Der barmherzige Samariter) am 17.10.2010 in der Maria-Magdalena-Kirche zu Heidenau
Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,
im heutigen Predigttext begegnet uns die uns allen gut bekannte Beispielgeschichte vom Wesen der Barmherzigkeit. Ich glaube, es gibt wohl kaum eine ehemalige Konfirmandin oder einen ehemaligen Konfirmanden unter Ihnen, die bzw. der dieses Gleichnis aus dem Konfirmandenunterricht nicht kennt. Auch, wenn das schon lange zurück liegt.
Da handelt ein von den Juden verachteter Ausländer, ein Samariter, völlig uneigennützig an einem - wie es heißt - unter die Räuber Gefallenen, während diejenigen, von denen man dies eigentlich erwarten würde, ein Priester und ein Levit, an dem Zusammengeschlagenen achtlos vorbeigehen. Der barmherzige Samariter ist in unserem Sprachgebrauch zu einem Synonym der Nächstenliebe geworden. Auch über den Raum der Kirchen hinaus wird dieses Wort so verstanden. Man denke beispielsweise an den Arbeiter – Samariterbund.
Worum es Jesus in diesem Gleichnis geht, braucht man eigentlich nicht lange erklären. Es möchte uns ermutigen, uns unseren Nächsten zuzuwenden und ihnen zu helfen, wenn sie in eine Notlage geraten, aus der sie sich nicht selbst befreien können wie der von Räubern überfallene und niedergeschlagene Reisende. Und deshalb sind wir es gewohnt, uns beim Hören dieses Gleichnisses vor allem mit dem barmherzigen Samariter zu identifizieren.
Ich möchte Sie heute einladen, mit mir gedanklich auch in die anderen Personen der Geschichte zu schlüpfen und zu überlegen, inwiefern sie mit unsrem Leben etwas zu tun haben könnten.
Da ist zunächst der Reisende. Er zieht von Jerusalem nach Jericho hinab, heißt es in der Geschichte. Er ist unterwegs. Dieses Unterwegssein sein möchte ich mit Ihnen heute gern als Ihr Unterwegssein mit Ihrem Glauben seit Ihrer Konfirmation verstehen. Vielleicht sind Sie, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden in den letzten 50 Jahren auch viel unterwegs gewesen. Vielleicht sind sie viel gereist, haben vielleicht sogar den Wohnort gewechselt und wohnen heute ganz woanders als damals, als Sie mit 14 Jahren in der Kirchschule in Heidenau konfirmiert wurden. Das Leben ist eine Reise, auf der sich viel ereignen kann. Viel Schönes, aber eben auch manches Gefährliche, das es zu meistern gilt. Und manchmal gibt es Momente, da steht man echt hilflos da, da ist man ganz allein, da ist keiner in Sicht, der einen unterstützt. Da fühlt man sich wie der Reisende in der Geschichte. Viele von Ihnen kennen sicher solche Momente in ihrem Leben.
Wenn Sie die Gefahren, die dem Reisenden der Geschichte begegnet sind, auf Ihren Glauben beziehen, dann fragen Sie sich heute nach 50 Jahren sicher auch, was ist eigentlich aus meinem Bekenntnis geworden, das ich vor 50 Jahren abgelegt habe. Hat es mich getragen? Habe ich es durch die Zeit getragen. Habe ich mit meinem Glauben gute Erfahrungen gemacht? Oder gab es da auch Momente, da hatte ich das Gefühl, da ist niemand da, der mir hilft, da gibt es keine Kraft, die mich stark macht. Da wurde mein Glaube plötzlich schwach. Es müssen ja nicht gleich Räuber sein, die einem etwas antun. Auch leise Zweifel können eine enorme Macht entfalten. Bedürfnisse, die man im Leben verspürt, können einen wichtiger werden, als das, was einen am Glauben und der Gemeinschaft der Gläubigen festhalten läßt.
Im Osten Deutschlands, wo ich aufgewachsen bin, waren es vor allem die ideologischen Ansprüche, die viele Menschen von Glaube und Kirche abgebracht haben, mit Zuckerbrot und Peitsche gewissermaßen. Hier im Westen mag es vielleicht das Bedürfnis nach Wohlstand gewesen sein, dass Menschen plötzlich wichtiger erschien als die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Heiligen, wie wir es im Glaubensbekenntnis bekennen. Und vielleicht spielen auch, hüben wie drüben, Zweifel an der Lebenskraft und Lebensdienlichkeit des Glaubens eine Rolle. Und solche Zweifel können einem schon ganz schön zusetzen.
Wo waren da die Samariter? Gab es welche? Gab es in Ihrem Leben Menschen, die Ihnen helfen wollten und tatsächlich auch geholfen haben, ihren Glauben zu behalten. Gab es Menschen, die Ihnen Mut machten, neu anzufangen, wenn Ihr Glaube am Boden lag. Menschen, mit denen Sie gemeinsam glauben konnten und mit denen sie Blockaden und Widerstände überwinden konnten. Ich wünsche es Ihnen. Wie Engel sind solche Menschen und wie der Samariter in unserem Predigttext. Sie sehen die Wunden, verbinden sie, gehen auch noch ein Stück des Weges mit und geben einem auch noch ein Stück geistliche Wegzehrung mit auf den weiteren Lebensweg.
Versuchen wir nun, uns in den Priester und Leviten hineinzuversetzen. Sich mit ihnen zu identifizieren fällt sicher am schwersten. Denn sie bilden die Negativfolie zur frohen Botschaft dieser Geschichte. Es sind Menschen, die fromm wurden und fromm geblieben sind. Im Kontext unserer heutigen Jubelkonfirmation würden wir vielleicht sagen: es sind die Treuen der Gemeinden. Diejenigen, die das Gemeindeleben in all den Jahren seit ihrer Konfirmation gestützt und getragen haben. Die, die sich über die Jahre hinweg das Bedürfnis nach Gottes verkündigtem Wort durch ihren Besuch der Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen und durch ihre Teilnahme an kirchlichen Kreisen bewahrt haben. Ausgerechnet diese treuen Stützen der Gemeinde werden kritisiert. Noch dazu von Jesus selbst. Letztlich erzählt er ja sogar einem dieser Treuen, einem Schriftgelehrten, damals die Geschichte vom barmherzigen Samariter als Lehrstück.
Damit dieser nicht in seiner Treue zu seiner Gemeinde alle, die nicht dazu gehören, aus dem Blick verliert. Denn diese Gefahr besteht ja immer, wenn man sich ganz auf eine Sache konzentriert, dass man anderes übersieht und anderes als das, was einem zur Gewohnheit und guten Sitte geworden ist, nicht in den Blick bekommt. Der Priester und der Levit damals, sie waren so sehr mit der Erfüllung ihrer frommen Aufgaben beschäftigt, dass sie für Profanes einfach keine Zeit eingeplant hatten und sich diese dann auch noch nicht einmal im Notfall nahmen.
Wenn ich die Treue zum Gottesdienst und die Teilnahme am Gemeindeleben mit dem Verhalten des Priesters und des Leviten gleichsetze, so liegt es mir natürlich fern, diese zu kritisieren. Ich würde mich ganz im Gegenteil sehr freuen, wenn unsere Gottesdienste wieder von mehr Menschen als bisher als Kraftquelle für ihr Leben entdeckt würden und wenn sie am Sonntagmorgen nicht nur an Ausschlafen und gemütlich frühstücken denken würden, sondern auch an geistliche Wegzehrung für ihr Leben. Auch der Priester wird ja von Jesus nicht dafür kritisiert, dass er mit der Gemeinde im Tempel von Jerusalem Gottesdienst feiert. Aber auf dem Heimweg, da entscheidet sich, ob das, was sich im Gottesdienst ereignete, die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen, auch im Alltag eine Rolle spielt. Die Kirche ist eben nicht nur der Raum, in dem der Glauben aufbewahrt und erinnert wird, sondern sie ist auch der Ort, von dem aus eine Sendung in den Alltag hinaus ausgeht: „Gehet hin im Frieden des Herrn“ – lassen wir uns in jedem Gottesdienst zusprechen. Und dann gehen wir, vom Segen Gottes erfüllt, wieder in unseren Alltag zurück.
Mancher mag in seinem Leben schlechte Erfahrungen mit Frommen gemacht haben. Wenn ich bei Besuchen manchmal vorsichtig frage, warum jemand aus der Familie oder von den Gästen eigentlich aus der Kirche ausgetreten ist, dann kommen nicht selten Jahrzehnte zurück liegende Erfahrungen mit Geistlichen oder besonders Frommen zur Sprache, die angeblich den Ausschlag für den Weggang aus der Kirche gegeben haben. Mich stimmt das oft bedenklich und ich frage mich, was wird wohl über deine fehlende Zuwendung gesagt werden und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für diejenigen, die dich erlebt haben. Ich und wir alle, die Gott und die Menschen lieben wollen, versagen dabei auch und sind auf die Vergebung durch Gott und unsere Mitmenschen angewiesen. Aber von dieser Kraft aus der Vergebung leben wir zugleich und werden ermutigt, es immer wieder mit und in der Liebe zu versuchen.
Zuletzt kommt der Samariter dran, und sein Vorkommen in der Geschichte, das wissen wir, ist ein Trost für uns. Gott schickt uns jemand auf den Weg, wenn wir am Boden liegen. Er schickt uns Menschen, die uns unterstützen, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn unser Glaube am Ende ist, wenn nichts mehr geht. Er schickt uns Menschen, die an unserem Leid und unserer Hilfsbedürftigkeit nicht achtlos vorüber gehen, die uns im übertragenen Sinne des Wortes auf ihren Esel laden und uns zur nächsten Herberge bringen. Im Idealfall sollen wir selbst solche Menschen für andere sein.
Wir sollen Menschen sein, die die Augen offen halten, die nicht einfach nur für sich und ihre Bedürfnisse sorgen, sondern auch noch für andere Zeit und Mittel übrig haben, um zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir sollen und können Menschen sein, die schöne und festliche Gottesdienste lieben und feiern wie den heutigen, die aber gleichzeitig bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen an den dunklen und abgründigen Plätzen der Welt, um Gott und den Mitmenschen wirklich zu lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele mit ganzer Kraft und von ganzem Gemüt. Amen