Predigt Pfingstmontag 2010 - Superintendent Dirk JägerPredigt am 24.05.2010
Gottesdienst im Klecker Wald am Pfingstmontag
Sup. Dirk Jäger, Hittfeld
1 Kor 12,4-11
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde, vorhin in der 1. Lesung haben wir von den Gaben des Geistes gehört. Der Apostel Paulus schreibt: „Dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern von der Erkenntnis. Einem wird Glaube geschenkt, einem nächsten die Gabe, gesund zu machen. Einem die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem weiteren die Gabe, die Geister zu unterscheiden. Einem wird mancherlei Zungenrede geschenkt; ein anderer hat die Gabe, sie auszulegen.“
Wow - nicht schlecht! Da muss sich sich ja offenbar einiges versammelt haben an großartigen Fähigkeiten. Weisheit, Erkenntnis, Glaube und Heilung - ich erblasse vor Neid. Denn, mal ehrlich, wo erleben wir das in unseren Gemeinden zwischen Tostedt und Neu Wulmstorf, Buchholz und Hittfeld? Dass wir Wunder verrichten, prophetisch reden, in himmlischen Sprachen sprechen und solche dann auch noch in unsere irdische Sprache übersetzt bekommen?
Es muss wohl im griechischen Korinth seinerzeit Christen gegeben haben, die unentwegt „ICH“ gerufen haben. Sie fanden sich selbst offenbar so wichtig, dass sie meinten, IHRE Erfahrungen und Begabungen seien einmalig und unvergleichlich. Und nur SIE hätten eine bestimmte Nähe zu Gott, die anderen Christen fehlt. Ohne SIE müsse einfach das ganze Gemeindeleben zusammenbrechen.
Und da werde ich jetzt doch ein bisschen skeptisch. Denn will ich wirklich solche Gemeinden, in denen der eine oder andere Einzelne großartige Dinge vollbringt und sich damit womöglich zum selbsternannten Charismatiker erhebt?
Ich bin versucht, dabei dann schnell an freikirchliche Gemeinden oder gar Sekten zu denken, die sich ja in der Regel um einen geistlichen Anführer versammeln, dem oft ein besonderer Nimbus zugesprochen wird. Aber ich finde, da sollten wir durchaus selbstkritisch sein und uns fragen, ob ähnliche Phänomene nicht auch bei uns zu beobachten sind. Kenne ich nicht auch Pastoren - natürlich nicht bei uns im Kirchenkreis - , die sich in ihrer Gemeinde als unverzichtbaren Dreh- und Angelpunkt betrachten? Und oft wird ihnen diese Rolle ja auch förmlich aufgedrängt. So manche Stellenausschreibung spricht da Bände, wenn eine Gemeinde jemanden sucht, der ebenso kreativ und dynamisch wie zugleich traditionsbewusst sein soll, zudem ein guter Verwalter, dem natürlich sämtliche Arbeitsfelder in gleicher Weise am Herzen liegen mögen. Und jung, ganz klar, soll er so sie sein, aber am Besten schon mit 20 Jahren Berufserfahrung. Und wenn er dann da ist, so ein geistlicher „Superstar“, dann soll er auch für all und jedes zuständig sein.
Ich erinnere mich noch gut daran, als ich in meiner ersten Gemeinde von den Bauern im Dorf zu hören bekam, ich solle mal ordentlich beten, damit die Ernte was würde. Ein bisschen frech, aber doch auch überzeugt, gab ich zu bedenken, dass es besser sei, wenn sie selbst das auch täten.
Denn einen stellvertretenden Glauben gibt es nicht - das widerspräche zutiefst dem, was wir als evangelische Christinnen und Christen für richtig halten.
Und, liebe Gemeinde, ich will auch keinen Hehl daraus machen, dass es mich besorgt, wenn unsere ehemalige Bischöfin Margot Käßmann in der Meinung vieler inzwischen einen Status an Unverzichtbarkeit erlangt hat, der dem einer Heiligen gleicht. Ich schätze sie sehr, bin überzeugt von ihren zahlreichen Gaben und ihrer großartigen Persönlichkeit. Aber zugleich frage ich, ob es für sie selbst und auch für unsere Kirche wirklich gut ist, wenn wir so täten, als hinge das Wohl und Wehe unserer Gemeinschaft allein von denen ab, die sie an ihrer Spitze repräsentieren. 70.000 sind wir hier im Kirchenkreis, drei Millionen in unserer Landeskirche - da möchte man doch sagen: Wir alle sind auch noch da!
Gut, dass der Apostel Paulus diese drohende und falsche Entwicklung eines geistlichen Starkultes schon damals gesehen und ihr vehement widersprochen hat. Etwas später in seinem Brief an die Korinther wird er darlegen, dass alle Gaben Gottes, und selbst die besonders Aufsehen erregenden, überhaupt keinen Wert haben, wenn sie nicht in Liebe und mit gegenseitiger Wertschätzung zur Geltung gelangen. In den Versen, die wir heute gehört haben, weist er deutlich darauf hin, dass die Ausübung dieser himmlischen Gaben dem Nutzen des Ganzen dienen muss. Wird eine besondere Gabe Gottes in der Absicht verwendet, das Ansehen eines einzelnen Christen zu erhöhen, wird sie missbraucht und hat ihr Ziel verfehlt. Und schließlich könnte dies den anderen ja auch in gefährlicher Weise vermitteln, sie selbst seien nicht gut genug, nicht würdig genug. Nein, solches möchte ich nicht. Nicht bei uns und auch nicht irgendwo anders, wo sich evangelische Christinnen und Christen in der Nachfolge unseres Herrn versammeln.
Jetzt aber genug der kritischen Worte dazu und mal ebenso ernsthaft gefragt: Was fangen wir denn nun an mit diesen Gaben, die Gott uns ja doch gut verteilt gegeben hat, so unterschiedlich sie sind und so vielfältig, wie Menschen sie verantwortlich nutzen können? Paulus, der die Gabe des „Zungenredens“ selbst besaß, sie aber wegen ihrer Unverständlichkeit ohne Auslegung nicht in Gottesdiensten ausgeübt wissen wollte, erkannte offenbar, dass die Korinther diese Gabe überbewertet haben. Darum nennt er sie bei der Aufzählung der Geistes-Gaben auch zuletzt erst.
Dennoch finde ich, dass wir keinen Grund haben, dieses urchristliche Charisma völlig zu vergessen und sich davon nur zu distanzieren. Kann es uns nicht mitteilen, dass Gott auch heute unaussprechliche Geheimnisse hütet und uns zu glauben zumutet? Dinge, die wir eben NICHT analytisch auseinandernehmen und wie eine chemische Formel klar bestimmen können.
Und wie ist es mit der prophetischen Rede, auch wenn diese in unserer evangelischen Frömmigkeit selten geworden zu sein scheint.
Kann uns diese Gabe nicht ermutigen, mit unserer irdischen Sprache, die ja doch eine der wertvollsten Gaben Gottes ist, so sorgfältig umzugehen, dass wir gute, wohltuende, aufbauende, zärtliche, wahre und Mut machende Worte sprechen, die den Menschen um uns helfen? Hier scheint doch der Bedarf groß zu sein bei aller Vereinzelung und dem zu Recht kritisierten Mangel an Zuwendung und Respekt voreinander.
Kann und muss unser klares Wort, ein Wort der Weisheit, nicht eben auch in eine Gesellschaft hinein gesprochen werden, die zur Zeit reichlich rat- und ziellos erscheint? Über griechische und europäische Milliarden wird zur Zeit viel geredet, aber wo bleiben die wirklich Sinn stiftenden Worte?
Liebe Gemeinde, auch wenn wir auf die Frage, wer wohl in unseren Gemeinden mit dem Charisma der Weisheit ausgerüstet sei, etwas verlegen die Achseln zucken, könnte doch auch diese der Kirche auf Dauer geschenkte Gabe des Geistes etwas Wichtiges ausrichten.
Ich jedenfalls erlebe es z.B. als sehr wohltuend, wenn wir uns bei Kirchens auch nach hitzigen Diskussionen noch so versöhnt ins Auge schauen können, wie es für Brüder und Schwestern im Glauben angemessen ist. Weisheit mag man es durchaus nennen; Streitkultur sagt man auf neudeutsch - und deren christliche Variante ist gewiss nicht die schlechteste.
Und das Charisma des Heilens - wie ist es damit? Nun ja, selbsternannten christlichen Heilern begegne ich ziemlich kritisch. Den Arzt ersetzen sie nicht. Aber Jesus nachfolgen bedeutet doch auch, sich Menschen so zuzuwenden, wie er es getan hat. Ihnen beizustehen in Krankheit und Leid - das ist doch schon ein Teil ihrer Heilung. Und kein geringer, wie ich finde.
Überraschend Gutes und Neues kann gelingen, wenn wir all diese Gaben des Geistes nutzen und sie unter uns wirken lassen. So, dass diese vielfältigen Gaben sich ergänzen und ein gutes Ganzes werden. Genau so, wie Paulus es seinerzeit den Korinthern ans Herz gelegt hat.
Liebe Gemeinde, wo können wir das lernen und beispielhaft erkennen, wie es funktioniert? Bleiben wir doch dazu zunächst mal ganz in der Nähe und schauen auf die, die heute Morgen ein Instrument in der Hand halten.
Jeder der Bläser oder auch alle, die in einem Chor singen, wissen um ihren Einsatz, sie folgen den Noten, achten auf den Dirigenten. Und nur zusammen klingt es dann so gut, wie wir es schon gehört haben. Würde übermorgen in der Zeitung stehen, einer der Musiker des heutigen Gottesdienstes habe sich so hervorgetan, dass er oder sie alle anderen überragte, wäre das eher keine gute Kritik.
Mir fällt noch was ein. Räumlich ein bisschen weiter weg, aber mindestens medial werden wir dabei sein. Fußball-WM in Südafrika; am 11. Juni geht es los. Mein Rat an alle KV-Vorsitzenden: Legen Sie bloß keine Sitzungen fest, ohne zuvor in den Spielplan geschaut zu haben - die Beschlussfähigkeit könnte stark gefährdet sein!
Aber das nur am Rande; das Eigentliche ist: auch beim Fußball wird nichts erreicht, wenn der Teamgeist nicht stimmt. Ein Stürmer, der nicht sieht, dass ein anderer besser zum Tor steht, ist ein wenig erfolgreicher Solist. Und letztlich weiß jeder Trainer, dass eine Truppe von hochbegabten Einzelkämpfern nichts gewinnen wird, wenn sie nicht mit ihren je unterschiedlichen Fähigkeiten zu einem guten Mannschaftsspiel finden. Konnte man ja leider beim HSV sehen, wie das eben nicht funktioniert hat in der vergangenen Saison.
Liebe Gemeinde, das Pfingstfest sagt uns: Sei nicht derjenige, der im Orchester deiner Kirchengemeinde die anderen in den Schatten stellen will, sondern hilf, dass die himmlische Musik Gottes in deiner Gemeinde durch alle ihre Mitglieder zu voller Entfaltung kommen kann.
Und zugleich werden wir durch die Pfingstbotschaft daran erinnert, dass wir auch nicht wie ein Fußballer sein sollen, der heute oder morgen keine Lust hat, sich zu bemühen und das Spiel seiner Gemeinde einfach laufen lässt. Denn deine Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit, deine Statistenrolle könnten der Gemeinde abträglich sein. GERADE DICH braucht sie mit dem, was du kannst.
Liebe Gemeinde, solche Gemeinschaft vor Gottes Angesicht eröffnet uns der Heilige Geist. Sie zu entdecken, zu entwickeln und zu pflegen ist uns aufgetragen. Der Zeit-Geist scheint da in eine andere Richtung zu wehen. „Deutschland sucht den Superstar“ - das gilt nicht nur für die Castingshows unseres heimischen Pop-Titanen. Letzen Endes sehen wir es in der Politik, in der Wirtschaft oder auch in manch falsch verstandener Bildungsbemühung.
Aber gerade deshalb, mit ein bisschen Gegenwind, sollten wir uns ermutigen lassen, mit Gottes Nähe zu rechnen. Und daraus eine Perspektive gewinnen, die uns gut tut und andere begeistert. Mit Mut und Überzeugung, Glaubensstärke und tätiger Nächstenliebe.
Haben wir solche Gaben aus Gottes Hand bekommen? Alle, die wir hier sind, ein jeder und eine jede? Wenn wir darauf nicht vertrauen würden, wären wir doch wohl nicht hier beisammen, oder? Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
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