Predigt über Matthäus 11,2-5
3. Advent, 15.Dez. 2002 10 Uhr Lutherkirche NWU
mit Feier des Heiligen Abendmahls und Einführung von Frau Heidi Assmann in das Amt einer Kirchenvorsteherin
Kanzelgruß: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Heiligen Geist - sei jetzt mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde, 'bitte warten, legen sie nicht auf, sie werden gleich bedient' - eine freundliche Stimme in der Warteschleife am Telefon. Beim Finanzamt. Beim Landkreis. Beim Augenarzt. Am Telefon ist das Warten nicht ganz billig. Warten ist nie billig. Aber eine Verbindung zu bekommen, das lassen wir uns etwas kosten. Das Warten lohnt sich !Lohnt es sich?
Warte-Geschichten. Viele von Ihnen kennen sie zu gut. Sie haben gewartet: auf den Vater, auf den Verlobten, auf den Mann des Lebens. Das Gefühl auf dem Weg zum Briefkasten - sie kennen es noch. 1945 - 1946 - 1947 - 1948 -und mit jedem weiteren Jahr verlor das Warten seine Kraft. Für manche hat sich das Warten gelohnt. Er kam zurück. Für manche ist es leer ausgegangen.
Warte-Geschichten. Wir kennen sie alle: dass sich ein heimlicher Wunsch erfüllt. dass die heimliche Sehnsucht nach einer Beziehung, nach einem Menschen wahr wird. Manchmal auch nicht.
Die Christenheit ist voller Wartegeschichten. Immer wieder haben Menschen auf die leibliche Wiederkunft des Christus gewartet. Zeiten haben sie sich ausgerechnet. Ausgeharrt haben sie. Und er ist nicht leiblich wiedergekommen. Bis heute nicht.
Warte-Geschichten. Manchmal sind sie auch laut. In New York formiert sich der Protest gegen Präsident Bush und seinem Kriegstreiben. Die Friedensstifter sagen: Wir warten nicht mehr, bis die Bomben fallen. Wir stehen jetzt auf und erheben unsere Stimme für das Leben. Wir warten aktiv, lebendig, engagiert, bewegt und entschlossen.Wir fordern von Verantwortlichen eine besseren Vernunft.
Warten hat einen hohen Wert. In unserer Zeit leidet dieser Wert an Wertverlust. Ziemlich günstig sind wir in Sekunden weltweit verbunden. Wir müssen nicht mehr Tage oder Wochen auf einen Brief warten. Razfaz geht das hin und her. Heute morgen habe ich einen Urlaubsgruß aus dem Pazifik bekommen. Klasse. Warum warten, wenn ich etwas im Handumdrehen bekommen kann?
Warten. Das Thema des christlichen Glaubens in der Adventszeit. Der Predigttext für den dritten Sonntag im Advent ist eine Wartegeschichte. Hört aus dem Matthäusevangelium: (Matthäus 11,2-6 lesen: Frau Cord)
Liebe Gemeinde, Johannes der Täufer lässt fragen: 'Bist du (Jesus) es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen (als Messias) warten?' (V.3) Er startet die Anfrage aus dem Gefängnis. Sie ist ernst gemeint, nicht rhetorisch.
Mit dieser Frage wird mir der finstere Bußprediger ausgesprochen sympathisch. Er lässt fragen. Er fragt. Wir wissen: So lange wir fragen, macht das Warten Sinn. So lange wir unsicher sind, bleibt das Warten lebendig.
Viele Christinnen und Christen denken ja, sie müssten sich ihres Glaubens und ihres Bekenntnisses ganz sicher sein. Ich halte mit dem Matthäusevangelium und mit Bert Brecht dagegen: Der Herr Puntila sagt seinem Knecht Matti: 'Unsicher ist viel menschlicher' und vielleicht sogar viel bibelgemäßer. Der bitterernste Bußprediger ist unsicher. 'Jesus, bist du das, auf den wir warten'.
Wir können Johannes und alle, die sich hinter seinem Namen verbergen, verstehen: Er hat nämlich ein ganz anderes Bild vom Messias. Das Bild von einem, der endlich aufräumt mit der Ungerechtigkeit in der Welt. Das Bild von einem, der wirklich die Mächtigen, die Unterdrücker vom Thron schmeißt. Das Bild von einem, der die Hungernden zu ihrem Recht kommen lässt. Das alles tritt nicht so vollkommen ein. (Pause) Bis heute nicht. Worauf sollen wir denn noch warten? Johannes spricht für die Wartenden aller Zeiten.
Die ernste Anfrage von Johannes dem Täufer geht nicht ins Leere. Jesus gibt eine Rückmeldung. Ja, das soll ein echtes Jesus-wort sein: Das Evangelium ist eine Rückmeldung auf unsere Fragen. Das Evangelium ist eine Rückmeldung in den Warteschleifen unseres Lebens und unserer Welt.
'Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt'. (V.4+5)
Seht und hört. Schaut achtsam hin. Im leidenschaftlichen Warten auf eine bessere Welt bricht sie schon an. Seht heute: hier übernimmt eine Protestantin, Heidi Assmann, Leitungsverantwortung in dieser Kirchengemeinde. Sie tut das auf guten Grund ihres Glaubens. Sie tut das gemeinsam mit anderen. Sie tut das, wie die anderen, ehrenamtlich, ohne Geld. Und die Kinder im Kindergottesdienst stimmt sie mit der Gitarre zum Singen an und gibt der Gemeinschaft der 'Kleinen' einen ganz eigenen Ton der Hoffnung.Seht, überall in unseren Kirchen brechen Menschen auf und stehen dafür ein, dass um Gottes Willen das Wunder kleiner und großer Gerechtigkeiten passiert.In den vergangenen Tagen haben sich in unserer Gemeinde Konfirmandinnen und Konfirmanden mit geschenkten Broten auf den Weg gemacht und für BROT FÜR DIE WELT 1.675 € erbettelt.
Recht hat er, der Jesus. Das achtsame Hinsehen und Hinhören lohnt sich. Überall können wir sehen, wie der Glaube bis heute keimt und wächst. Natürlich gibt es auch das andere: den steinigen Boden, auf dem das Reich Gottes nicht wachsen kann und das Evangelium nicht atmen kann. Jedenfalls nicht so, wie wir das wünschen. Natürlich gibt es auch die Dornen und das Gestrüpp des Reiches Gottes. Natürlich kann man sich über vieles in der Christenheit, im anbrechenden Reich Gottes ärgern. Was schief wächst oder eingeht, das können wir schlecht machen. Wir könnten auch meckern und meckern und meckern. Aber: Selig, sagt Jesus, wer sich nicht an mir ärgert.Glückselig, wer im Unvollkommenen das Reich Gottes entdeckt und sich freut.Selig, wer auf der alten Erde, der schweren Erde den Himmel entdeckt. Glückselig, wer in den Warteschleifen, in denen wir auf eine bessere Welt und eine bessere Kirche warten, schon den einen und anderen Luftsprung der Freude wagt. Selig, wenn wir in unserer begrenzten Welt des Todes schon den Hauch der Auferstehung schnuppern -Selig, wer in den Warteschleifen ein Gespür für die freundliche Stimme unseres Gottes hat: Bitte legen sie nicht auf -Sie werden gleich bedient. Womit? Mit einer Hoffnung, die den Himmel aufreißt. Mit einer Quelle frischen Wassers, die nie versiegt. Mit einem Trost, der ganzen Welt gültig. Amen.
15/12/2002 Pastor Loos
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