Predigt am Ostersonntag 20.Apri 2003



Predigt am Ostersonntag 20.Apri 2003

 

Superintendent Dr.Christoph Künkel

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext: Markusevangelium 16,1-8:
Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.
Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.
Liebe Gemeinde,
Am Ende: ein großes Schweigen. Damit endet die Evangeliumslesung, die wir eben gehört haben. Schweigen. 'Denn sie fürchteten sich sehr', so begründet der Evangelist Markus dieses Schweigen der Frauen am ersten Ostermorgen. Damit schließt dieses erste Evangelium der Christenheit: mit Schweigen und dem Gefühl großer Furcht.Welch ein Gegensatz zu unseren Gottesdiensten am Ostersonntag. Nicht nur hier in Hittfeld, sondern in fast allen Kirchen wird am heutigen höchsten Feststag der Christenheit alles aufgeboten, was an Festlichkeit möglich ist: Blumenschmuck, beschwingte Gesänge, die Kantorei, heftiges Orgelspiel - Sie können sich schon jetzt freuen auf das Nachspiel von Frau Zülsdorf nachher im Anschluss an den Osterjubel 'Christ ist erstanden!'. Und zuhause haben wir Zweige geschmückt mit den Zeichen neuen Lebens: Eiern in rot, gelb, blau, grün - Farben des Lebens, des Neubeginns.Hier aber am Ende des Evangeliums, das ja 'frohe Botschaft' sein möchte: Schweigen, 'denn sie fürchteten sich sehr'. Warum das? Geht das nicht an der Botschaft von Ostern völlig vorbei? Müssen wir nicht gerade heute lauthals dieser Welt mitteilen: die Herrschaft des Todes und der Gewalt ist am Ende! Gott siegt
Zugleich aber fällt mir auf: diese tonlose Reaktion der beiden Frauen entspricht in vielem unserem Glaubensleben. Wie oft schweigen wir, verschweigen wir woran wir glauben?! Viele vermissen an uns Christen, dass wir wirklich eine Hoffnung haben, die trägt und ausstrahlt; die froh macht und gelassen gegenüber den Fragen unserer Zeit. Trifft auch auf uns zu, dass wir uns - trotz Ostern - unseres Glaubens eher schämen - und schweigen, weil uns fürchten?
I. Eine stille Geschichte
Was ist geschehen?
Der Ort der Handlung der Ostererzählung bei Markus ist ein Grab. Und wie das bis heute so ist bei Gräbern, hört man nichts. Schweigend und in Trauer gehen die beiden Frauen morgens früh zu den Felsen außerhalb der Stadtmauern Jerusalems. Dort begruben die Juden ihre Toten in Felshöhlen. Schweigend, so schließt der Bericht, kehren sie am Ende wieder um. Sie verlassen den Friedhof ohne Worte - an die Stelle der Trauer ist nun allerdings blankes Entsetzen getreten. Ist das Ostern, liebe Gemeinde: ein Gang zum Friedhof und zurück?
Von den beiden Frauen wird ferner berichtet, dass sie sich Sorgen machen. Jeder, der einmal eine Beerdigung hat organisieren müssen, kennt das Gefühl, dass sich die Trauer mischt mit der Sorge um die Details des Ablaufs, um das Drucken von Trauerkarten, Schreiben von Adressen, bestellen der richtigen Blumen usw. Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome haben - trotz der Trauer, die ihnen wie ein Kloß im Hals sitzt, so dass sie schweigen - die erste Hürde bereits genommen: sie haben Salböle gekauft. Sie wollen die Leiche einbalsamieren - in den Augen frommer Juden übrigens eine törichte Handlungsweise: was bringt es, Tote versorgen? 'Könnte man die teuren Öle nicht besser verkaufen und das Geld den Armen geben?' - so hatten Pharisäer gefragt, als eine junge Frau Jesus unter Tränen die Füße wusch und dabei kostbares Öl benutzte- damals, als er noch lebte. 'Lasst sie,' meinte Jesus damals zu den anwesenden Kritikern. 'Sie hat ein gut Werk an mir getan, denn sie salbt mich für meine Ende.' Ein Liebesdienst, in der Tat, ein Liebesdienst für einen Lebenden, voller Hingabe - da verstummten selbst die größten Kritikaster. Aber jetzt? Einen Toten salben. Der hat nichts mehr davon. Wie gesagt, töricht in der Absicht, eher wohl verständlich als Liebesdienst für die, die noch leben. Es kann den Abschied erleichtern.
Sie machen sich auf den Weg zum Grab und da fällt ihnen ein neues Problem ein: 'Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?' Schwer legt sich die Frage aufs betrübte Herz. Der Stein so groß, so schwer - wie sollen sie ihn wegkriegen? Ihr Unterfangen droht zu scheitern, aber sie gehen unbeirrt weiter. Manche Probleme werden verdrängt, wenn man trauert - irgendwie wird es schon gehen, meinen die Frauen.
Der Rest ist Schweigen. Kein Wort kommt mehr über ihre Lippen. Nichts, als sie den Stein schon weggewälzt finden. Nichts, als sie den Engel im Grab sehen. Im Gegenteil: Furcht nimmt sie gefangen. Denn der Engel, ist der einzige, der spricht: 'Warum fürchtet ihr Euch? Ihr sucht Jesus, den Nazarener, er ist auferstanden; er ist nicht hier.'

Und wie im Nachsatz, als Beweis und Zeichen dieser Hauptsätze fügt er hinzu: 'Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.' Dann wieder gewichtiger, bedeutsamer, noch ein Auftrag: 'Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.'Er spricht. Die Frauen hören, schauen, wenden sich um und laufen fort. Schweigen - 'denn sie fürchteten sich sehr'.
II. Unser Glaube schweigt
Irgendwann haben sie dann doch noch ihren Mund aufgekriegt und erzählt und verkündet, was sie erlebt und wichtiger noch, was sie geglaubt haben: er ist auferstanden; den sie suchten - als Toten - er lebt und schenkt Leben, Hoffnung Zukunft. Hätten sie geschwiegen damals, die Frauen, wir würden heute nicht Ostern feiern. Offenbar ist Ostern darauf angewiesen, dass geredet wird. Nur wer soll das machen?
In den zurückliegenden Wochen ist viel geredet worden: von Freiheit, die mit Bombern geschaffen werden soll; von Frieden, der herbeigeschossen wird; von Menschen, die jubeln würden - trotz der Opfer, trotz der Trümmer. Einige von uns sind anderer Meinung gewesen. Haben demonstriert, haben gebetet - und doch wird es vielen so wie mir gegangen sein: die Bilder vom Krieg sprechen eine eigene Sprache, nehmen unser Denken ungewollt gefangen. Und jetzt, wo die Waffen, Gott sei Dank, verstummen - was wird werden?
Wird man sich jetzt, jetzt endlich ausrichten an der Würde, die jedem Menschen von Gott zugesprochen ist? Möglich auch, dass wir uns nun - nach dem 'Erfolg' des Waffengangs daran gewöhnen, dass Krieg wieder zu einem Mittel der Politik zu werden scheint - als hätte es die Geschichte nicht schon lange gezeigt und bewiesen, dass noch kein Krieg Frieden geschaffen hat. Vergessen wir nicht: auf den blutigen Krieg von 1939 bis 1945 folgte der kalte Krieg. Er dauerte 45 Jahre und die Zahl seiner Opfer, die entgangene Freiheit von Menschen lässt sich in Opferzahlen gar nicht bemessen.Wird der Glaube, unser Glaube also erneut schweigen angesichts der Macht des Faktischen? Werden wir erneut vergessen, dass Jesus gesagt hat, damals, als er noch lebte: 'Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.'? Werden wir erneut vergessen, dass - wie es im Alten Testament so treffend heißt, Gott die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied? Erst in unserer aufgeklärten Zeit, merken wir ja - und jetzt sogar wissenschaftlich bewiesen - dass es in der Tat so ist, dass die Kinder und Enkelgeneration unter den Taten, Unterlassungen und Untaten der Eltern- und Großelterngegenration zu leiden haben. Nicht nur genetisch ist das erwiesen, sondern auch durch die Verhaltenspsychologie, durch das, was man heute systemische Betrachtung nennt. Oder denken wir an den Schuldenberg, den wir aufgehäuft haben und für den unsere Kinder und Enkel noch werden bezahlen müssen. Werden wir das verdrängen - diese biblischen Wahrheiten der Propheten, die Worte Jesu - und unserem Glauben keine Stimme geben, sondern schweigen - wie die Frauen?
III. Leben bei den Lebenden
Der Engel aber redet. 'Geht hin nach Galiläa.' Eine Richtungsangabe. Nicht im himmlischen Jerusalem, sondern in der Landschaft der Provinz Galiläa wird ihnen der Auferstandene begegnen. Liebe Gemeinde, was sich anhört wie eine geographische Angabe, ist für den Evangelisten Markus Programm. Galiläa ist die Gegend, in der Jesus gewirkt hat, wo er Wunder gewirkt, diskutiert, geheilt und mit Menschen gesprochen hat.
'Geht hin nach Galiläa' - in dieser Richtungsangabe verbirgt sich für den Kundigen: sucht Jesus nicht hier, bei den Toten, sondern dort, wo ihr ihn bereits erlebt und erfahren habt. 'Denn', so sagt der Engel, 'er ist nicht hier.
'Wie oft suchen wir Trost an der falschen Stelle, am falschen Ort. Trost suchen die Frauen, Nähe - und wollen ihn finden am Grab, bei dem Toten. Nein, sagt die göttliche Stimme des Engels, dort findet ihr kein Leben, dort findet ihr nicht den, den ihr sucht. Dazu müsst ihr euch dahin wenden, wo das Leben schon war, wo gelebt wurde und gelebt wird: geht hin an die Stätten, die ihr kennt, in die Häuser, in denen auf Trost und Leben gewartet wird, zu den Menschen, denen ihr Glück und Heilung wünscht: dort werdet ihr ihn finden.
Falsche Adresse also: das Grab, der Tod. Wer Gott finden möchte, suche ihn bei den Lebenden. Und der Engel dreht sich ein wenig herum, gibt den Blick frei auf die Stelle, wo man in der Eile den Leichnam Jesu hingelegt hatte, und sagt: 'Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.'Ein Zeichen ist das, mehr nicht. Das leere Grab ist nicht der Beweis für die Auferstehung. Keiner unter uns ließe sich dadurch zum Glauben an die Auferstehung Jesu Christi bringen, dass ihm in Jerusalem ein leeres Grab gezeigt würde. 'Man hat den Leichnam gestohlen' sagten schon zu Zeiten der Apostel Gegner der Christen. Oder: 'Jesus war gar nicht richtig tot; nur scheintot,; im Koma hat er gelegen und hat sich dann auf und davon gemacht.' Nein, das leere Grab ist kein Beweis.Als solchen versteht ihn auch der Engel nicht. An erster Stelle steht nicht der Hinweis auf die leere Grabstelle. An erster Stelle steht die Aussage: ‚Er ist auferstanden; er ist nicht hier.' Die leere Stelle in der Grabeshöhle ist nicht mehr als ein sichtbares Zeichen für das, was er sagt. Der Engel spricht nicht vom leeren Grab, sondern vom Auferstandenen. Darauf zielt seine ganze Rede ab.
Wer an Ostern zweifelt, wird durch die Rede vom leeren Grab also nicht klüger. Nicht um das leere Grab geht es, sondern darum, ob wir dem Wort trauen: er ist nicht hier, nicht bei den Toten, sondern unter den Lebenden. Deshalb sucht ihn dort, in Galiläa, in der Welt.

IV. Der Osterglaube
Was aber bedeutet das?
Der Evangelist Markus gibt uns einen Hinweis. Er zeigt uns am Beispiel der Frauen, wie es nicht sein soll:
Die Frauen suchen Jesus - aber sie suchen einen Toten, den sie salben wollen, um ihre Trauer zu stillen. Ein Irrweg, meint der Engel Gottes: 'Er ist nicht hier.' Die Frauen wollen sich festmachen am Ende dieses Menschen, bei der gequälten und geschundenen Kreatur, dem Gekreuzigten. Ein Irrweg, meint die göttliche Stimme: 'Er ist auferstanden. Er lebt.' Denn Gott bleibt nicht beim Tod stehen. 'Schaut die Stelle, wo er gelegen hat. Er ist auferstanden!'
Die Frauen bleiben Gefangene ihrer Sorge und Angst. Gott will das nicht, sagt der göttliche Bote: 'Geht hin und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.' Der göttliche Bote weist einen Weg weg vom Ort der Trauer, hin zu dem Ort, wo Jesus wirkt, spricht und heilt - auch jenseits der Grenze des Todes.Markus schließt sein Evangelium mit diesem Bericht vom Irrweg der Frauen und sagt: 'Denn sie fürchteten sich sehr.' Wie von selbst stellt sich da die Frage an den Leser dieses Berichts, an uns, die wir heute diesen Bericht hören: Und ihr? Wie geht es Euch mit diesem Bericht?
Wollt ihr den Weg gehen, der immer nur auf den Friedhöfen endet? Wollt ihr in der Leblosigkeit verharren, in der Schlaffheit? Oder wollt ihr Jesus folgen nach Galiläa, dorthin wo er gelebt und gewirkt hat, jetzt wieder lebt - durch die Kraft Gottes. Wo er hofft gegen den Augenschein, gegen die Macht der Wirklichkeit und sagt: ‚Ihr könnt das: leben aus Gottes Kraft; handeln in der Gewissheit, dass Gott das Leben will, nicht den Tod; die Liebe, nicht den Hass; den Frieden, nicht den Krieg.''Glaubt ihr das?' fragt Markus. Er meint: wem traut ihr mehr zu: dem was ihr denkt und fühlt - oder dem, was ihr von Gott hört, von Gott seht, von Gott als Auftrag empfangt.
Wir hören - von Gott: er ist auferstanden, er lebt.
Wir sehen - durch Gott: bei den Toten ist er nicht, er sucht die Welt, unsere Welt.
Wir werden wach - weil Gott uns meint, wenn er sagt: Geht hin und tut es ihm gleich.Am Ende steht dieser Osterberichts steht das Schweigen. Unfassbar ist es, dass Gott, der Himmlische, sich identifiziert hat mit unserem Leben, dem Leben dieses Menschen und doch Gott bleibt: auch jenseits von Tod, von Krankheit, Schmerzen und Sünde.
Die Frauen schweigen - aus Furcht vor dem Unfassbaren: Gott lebt über unsere Grenzen hinweg, bestätigt, was der Sohn aus Nazareth in Galiläa getan und gesagt hat. Es soll gültig bleiben - auf ewig.
Wir wissen: Kurze Zeit später hat die Frauen ihre Furcht verlassen und sie haben sich zu dem Auferstandenen bekannt: vor den Jüngern, vor Petrus, vor der Welt. 'Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!'
Wir wissen das, weil wir ohne diese Frauen nicht Ostern feiern würden. Aber feiern wir? Oder schweigen wir von der Hoffnung unseres Glaubens? Der Engel im Grab hat die Frauen erschreckt, aber dann - als hätten sie seinen Worten noch einmal nachgespürt - haben sie öffentlich bekannt: ‚Ich glaube an Gott den Allmächtigen. Ich glaube an Jesus Christus, seinen Sohn, gekreuzigt, auferstanden. Ich glaube an den heiligen Geist und bekenne die eine Kirche, Gemeinschaft der Hoffenden und Mutigen - denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!' Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, der stärke und bewahre Eure Herzen und Sinne im auferstandenen Christus. Amen.
Mit dem Lied 652 lasst uns uns gemeinsam zu ihm bekennen.

22/04/2003 Dr. Christoph Künkel


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