Predigt am 1. Adventssonntag 2003 in Jesteburg



Predigt am 1. Adventssonntag 2003 in Jesteburg

 

Aus der Strahlkraft des Lichts leben

Die Adventszeit ist trotz vielem eine besondere Zeit. Trotz immer früher einsetzender Kommerzialisierung, trotz des hektischen Treibens in den Kaufhallen, trotz des betäubenden Betriebs auf sogenannten Weihnachtsmärkten. Wir halten wenigstens für ein paar Augenblicke inne. Wir hören Musik, die uns berührt. Wir zünden Lichter an, wenn es draußen dunkel wird. Wir erlauben uns, zu spüren, dass es noch unerfüllte Wünsche gibt, Wünsche, zu deren Erfüllung es Anderes braucht als Geld. Wir kommen ganz vorsichtig, ganz zart in Kontakt mit Sehnsüchten tief in uns, mit Hoffnungen nach Mehr. Eigene und fremde Not geht uns leichter ans Herz. Und wir ahnen die Wahrheit solch romantischer Verse:
Wo bleibst du Trost der ganzen Welt? Herberg` ist dir schon längst bestellt.Verlangend sieht ein jedes dich und öffnet deinem Segen sich. (Novalis)Und doch regt sich auch Widerspruch gegen solch besinnliche Neigungen, bei Anderen und in uns selbst. Wie lange schon wird die adventliche Losung verkündet: Eure Erlösung naht. Die Beter Israels beschwören sie seit zweieinhalb Jahrtausenden. Johannes der Täufer hat es vor 2000 Jahren gerufen. Wenig später hat der Apostel Paulus es wiederholt. Seine Epistel an die Römer haben wir gerade gehört. Vor 1000 Jahren erwartete Joachim Fiore das Kommen des dritten Zeitalters, das Kommen des Zeitalters des Geistes. Sollen auch wir uns benebeln lassen von solchen Opiumschwaden fürs Volk?
Wollen wir uns noch länger vertrösten lassen?Solche Fragen sind berechtigt. Auch ich frage mich, was es zu bedeuten hat, dass der Prozess der Menschwerdung so viel länger braucht, als Generationen vor uns immer wieder angenommen haben. Es müssen gewaltige Entwicklungen sein, die nötig sind, damit ohne Zwang und Gewalt, gleichsam von selbst, die Menschheit vorankommt auf dem Wege zu geistiger Reife und Vervollkommnung. Zugleich, und das wissen alle religiösen Traditionen, bleibt der Ruf, die Zeit zu bedenken und aufzuwachen, berechtigt. Denn wir sind nur auf Zeit hier, in irdenen Hüllen. Im Augenblick des Todes stehen wir vor dem Tor der Ewigkeit. Wir gehen ins Licht, aus dem wir gekommen sind. Unser kurzes Leben hier bestimmt mit darüber, wie es weiter geht, mit uns und in diesem Kosmos. Anders als alle harten Materialisten uns glauben machen wollen, sind wir keine Zufallsprodukte in einem gleichgültigen Universum. Wir sind vielmehr Teil eines lebendigen Ganzen.
Ein amerikanischer Hochschullehrer hat jüngst bekannt, wie sehr es ihn schmerzt, dass die gegenwärtig herrschenden Weltbilder junge Menschen ohne Hoffnung lassen und sie einstimmen auf rücksichtslosen Egoismus oder stumme Verzweiflung. Auf Dauer habe das zerstörerische, tödliche Folgen. Wir sehen die Zeichen der Lebensunlust und der Zerstörungswut rings um uns, in fernen Ländern, in Hamburg und auch in
Jesteburg.
Doch wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch, hat Hölderlin geschrieben, ein anderer Romantiker. Die davon überzeugt sind, sind dabei, die Lebensgeister wieder zu erden und die irdischen und menschlichen Nöte in himmlische, kosmische Zusammenhänge zu stellen. Ich sehe kräftige Bewegungen hin zu einer Versöhnung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Und ich freue mich an ganzheitlichen Aufbrüchen in der Kunst, in der Literatur, in der Musik, im Tanz und in der Malerei. Auch Ingo Thalmann setzt mit seinen glanzvollen Bildern Zeitzeichen. Jedes seiner Bilder ist eine Art Schöpfungsgeschichte. Ihr Credo, ihr Bekenntnis kommt in dem gerade fertiggestellten Bild „Der Mensch“ besonders farbenfroh zum Ausdruck. Die aus der Unendlichkeit des Kosmos kommenden sphärischen Schwingungen verdichten sich zu farbigen Elementen. Das Blau steht für die Ursubstanz Wasser, das Rot für den Lebenssaft. Aus Gedachtem wird Form. Im Mittelpunkt der schöpferischen Bewegung steht der Mensch. Das Ganze ist von Licht durchwaltet, auch im Menschen ist Licht, in besonderer Strahlkraft. Von Licht durchdrungen und zum Strahlen bestimmt, so sieht Ingo Thalmann den Menschen.Wenn Sie einen stillen Blick in den nächtlichen Sternenhimmel werfen, bevor Sie sich zum Schlafen niederlegen, werden Sie spüren, dass diese Sicht des Menschen und des Kosmos zutreffend ist. Weil Geist, Information das Ursprüngliche ist, die alles bestimmende Kraft, die Ton angebende Schwingung, deshalb bieten spirituelle Heilweisen und transmaterielle Techniken wie Radiaesthesie und Homöopathie Auswege aus den Sackgassen, in die uns eine einseitig materialistische Technik geführt hat. Eine Technik, welche die geistigen Ursachen und kosmischen Zusammenhänge leugnet und die Strukturen des Lebens zerbricht statt sie zu achten, entfesselt zerstörerische Potentiale. Die teuflische Gewalt der Atomwaffen hat die Menschheit in Hiroshima und Nagasaki erlebt, das Desaster der Atomtechnik in Tschernobyl. Die mit gewaltiger Finanzkraft vorangetriebenen Eingriffe in Keimbahnen und Gene bei Pflanzen, Mtieren und Menschen folgen dem selben geistlosen Vorzeichen. Ach, wenn die Regierenden, die Kanzler und Bürgermeister sich von wirklich Weisen beraten ließen, statt von Sachverständigen. Denn der Mensch und das Leben sind keine Sache. Lebensförderliche, Menschen gerechte Zukunftsentwürfe brauchen ein Verständnis für den Zusammenhang allen Seins und eine innere Haltung, die der verstorbene katholische Theologe Ivan Illich Konvivialität genannt hat, Mitgeschöpflichkeit. Sie erwächst nur aus tiefverwurzelter und kosmisch weiter Geistigkeit, eben aus Spiritualität.
Deshalb ist es wirklich höchste Zeit. 2000 Jahre nach Paulus, 1000 Jahre nach Joachim von Fiore gilt es ganz dringlich, aufzuwachen und Vernunft, kosmische Bewusstheit anzunehmen.
Widerstehen wir einer Technik, die sich auf Hochglanzbroschüren und in kostspieligen Anzeigen mit einem englischen Euphemismus als Life-Science anbietet. Diese sogenannte Lebenswissenschaft verkauft vor allem todbringende Stoffe und Methoden. Und absolute Priorität hat für sie nur das Eine, der Profit der beteiligten Konzerne, die weltweit operieren.
Vertrauen wir vielmehr den geistlichen, den spirituellen Ressourcen, von denen die weisheitlichen Überlieferungen aller Völker berichten, die seit Jahrtausenden zum Wohl und für das innere Wachstum von Menschen genutzt werden.
Beginnen wir damit in den Familien, den Kindergärten und Schulen, damit das geistige Potential, das die Natur bereitstellt, wahrgenommen und entwickelt werden kann. Chilton Pearce beschreibt, wie Achtjährige das Biegen von Löffeln mit geistigen Kräften als selbstverständlich erfahren, ohne dass sie je von Uri Geller gehört hätten.Greifen wir auf die kosmischen Wissensspeicher zu, in denen Lösungen für alle grundlegenden Fragen unserer Zeit vorhanden sind. Indem wir uns im Alpha-Zustand unseres Gehirns in unser inneres Labor, ins Gespräch mit unserem inneren Heiler begeben, können wir auf leicht erlernbare Weise den nächsten Schritt entdecken für die Erweiterung unserer Kenntnisse und die Bewahrung unserer Gesundheit.Auf dieser Grundlage lässt sich ein Gesundheitswesen entwickeln, das diesen Namen verdient und das nur ein Zehntel der bisherigen Kosten braucht. Aus so gegründetem Verständnis vermag eine Landwirtschaft zu entstehen, die vor allem auf die Selbstversorgung der Menschen in allen Regionen dieser Erde abzielt und der regionalen ländlichen Entwicklung Vorrang gibt vor der Sicherung eigener Exporte.Gott sei Dank entfalten sich weltweit phantasievolle Initiativen, bilden sich Gruppen und Netzwerke, die im Geiste erleuchteten Lebens Alternativen erproben und vorantreiben. In den großen städtischen Zentren wie in den kleinen Dörfern unserer Erde gehen immer mehr Menschen den spirituellen Pfad und machen sich daran, sich und diese Erde zu verwandeln. Die Bilder von Ingo Thalmann werden gleichermaßen in Moskau gezeigt wie in New York, in Riga und Neapel. Heute hängen sie im kleinen Jesteburg und sind ein weiterer Impuls für unsere Anstrengungen und glücklichen Fortschritte in Yogagruppen und Meditationskreisen, im Besuchsdienst und bei der Arbeit mit Bedürftigen, Flüchtlingen und AIDS-Kranken. Auch wir sind ein Teil des großen Netzes, das aus der Kraft des Geistes und des Lichtes lebt. Im Gewoge der Zeit dürfen wir uns daher freuen, dass es wieder Advent geworden ist. Wir können die wundervollen Möglichkeiten dieser Zeit erfahren und uns und Anderen gönnen.
Wir werden uns Zeit nehmen für stille, besinnliche, beseligende Augenblicke. Wir werden uns unserer Sehnsüchte keinesfalls schämen, sondern ihnen nachspüren und uns von ihnen den Weg weisen lassen. Wir werden den Menschen, die uns begegnen, in die Augen sehen und auf unsere Herzensregungen achten, während wir im Kontakt sind. Wir werden immer wieder eine Kerze anzünden, wenn es draußen dunkel wird, und ins Licht schauen. Dabei werden uns die Strahlen des Flammenkranzes berühren und uns tief drinnen daran erinnern: In allem ist Licht, draußen im Kosmos und auch unzerstörbar und kraftspendend – in einer jeden und einem jeden von uns.

15/12/2003 Pastor Dr. Ulrich Kusche

 

 


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