Predigt über die Krippenfiguren in der Christmette am Heiligen Abend, dem 24.Dezember 2003 Lutherkirche zu Neu Wulmstorf



Predigt- und Orgelmeditation über die Krippenfiguren in der Christmette am Heiligen Abend, dem 24.Dezember 2003 um 23 Uhr in der Lutherkirche zu Neu Wulmstorf

 

1.Sie ist angekommen.
Maria. Jüdin.
Sie hat Platz genommen.
In unserer Nähe.
Ihr Name Miriam, Bitterkeit - hat sich gewandelt.
Eine Andere ist sie geworden.
Der Anblick des Kindes wandelt sie.
Das ganz Andere, das Fremde sieht sie an.
Die Bitterkeit wandelt ihren Geschmack.
Sie geht ganz aus sich heraus.
Dem Erdboden – der alten Erde verbunden.
Das Kind unterbricht ihre Selbstbestimmung.
Sie beugt sich tief.
Schützend.
Bergend.
Mit ihrem ganzen Körper breitet sie sich dem Geheimnis aus.
Kniend und doch gerade.
Hingebungsvoll und doch selbstbewusst.

Maria sucht Platz:
Wenn Bitterkeit sich wandeln will.
Wenn das Ganz Andere uns begegnet.
Wenn Träume festen Boden suchen.
Wenn das Geheimnis Schutz sucht.
Ja, Maria soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

2.
Er ist angekommen.
Joseph. Jude.
Er hat Platz genommen.
In unserer Nähe.
Sein Name: Gott nimmt hinweg meine Schmach.
Ein Anderer ist er geworden.
Seine Irritation weicht der Verantwortung.
Der Anblick des Schwachen, Verletzlichen macht ihn stark.
Er fühlt. Er spürt:
Der Gott unserer Mütter und Väter macht wahr:
„Die Gebeugten richtet er auf“.
Gewissheit findet Raum: Ich bleibe.
Bei dem Kind.
Bei Maria.
Im Bleiben erkennt er Gottes Geheimnis.
Gott - in dem Versuch einer menschlichen Antwort.
Verantwortung.
Gott unter den zerrissenen Lebensplänen.
Gott im Schmieden der Treue-Pläne.
Ins Gesicht steht ihm geschrieben:
„Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Herz vor Ehrfurcht still“.
Ehrfurcht vor dem Leben kehrt ein.

Joseph sucht Platz.
Wenn wir eine Antworten in der Irritation suchen.
Wenn wir den aufrechten Gang einüben.
Wenn wir aus heißen Eisen Treue-Pläne schmieden.
Wenn wir Verletzliches in Schutz nehmen.
Ja, Joseph soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

3.
Er ist angekommen.
Der alte Hirte.
Er hat Platz genommen.
In unserer Nähe.Sein Name ?
Wir nennen ihn Jakob.
Der Listige.
Jakob, immer gut zu haben,
wenn es um seinen eigenen Vorteil geht.
Mit der Gerechtigkeit nimmt er es nicht so genau.
Groß gewachsen übersieht er das Kleine.
Jakob – ein Anderer ist er geworden.
Er sieht das Kind, das Szenario in der Hütte.
Jakob lacht.
Offensichtlich überlistet ihn das Geheimnis.
Als ob er das Gotteslob anstimmt:
Gott, gut gemacht !
Der Bosheit bist du zuvorgekommen.
Mit diesem Kind.
Gott, gut gemacht !
Die Ungerechtigkeit überlistest du.
Mit Liebe und Treue.
Jakob, den Schalk im Nacken.
Er stimmt ein freches Loblied an.
Im Zwiespalt und doch mit Mut.

Der alte Hirte sucht Platz.
Bei uns.
Wenn uns Gerechtigkeit zuvorkommen soll.
Wen der Bosheit Einhalt geboten werden soll.
Wenn das Gotteslob nach Stimme ruft.
Ja, Jakob soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

4.
Er ist angekommen.
Der junge Hirte.
Er hat Platz genommen.
In unserer Nähe.
Ich nenne ihn Benjamin.
Sohn des Glücks.
Und doch:
Suchend. Fragend. Zweifelnd.
Ringend nach Atem und Lebensglück.
Aufgebrochen ist er aus der Nacht.
Gewagt hat er, dem Stern zu folgen.
Seinem Glücksstern folgend – findet er das Kind.
Er spürt das Kind in ihm selbst.
Schutzbedürftig. Trostbedürftig. Wärmebedürftig.
Er kniet nieder.
Alle Ehre dem Kind.
Alle Ehre denen, die ihm Schutz geben.
Trost. Wärme.
Benjamin verneigt sich vor dem Kind und spürt sich selbst.
Das getröstete Kind. In Schutz genommen.
Ein spürt in seiner Seele den Hauch des Glücks.

Benjamin sucht Platz.
Bei uns.
Wenn wir das Kind in uns verloren haben.
Alleingelassen. Verachtet.
Wenn wir nach dem Retter unserer Seele,
nach dem Glück unseres Lebens suchen.
Ja, Benjamin soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

5.
Er ist angekommen.
Simeon, der Priester.
Er hat Platz genommen.
In unserer Nähe.
Fromm. Gottesfürchtig.
Der Hoffnung ergeben.
Aber ungeduldig.
Wartend auf bessere Zeiten.
Auf Zeiten guter Nachrichten in den Schlagzeilen.
Auf Zeiten der Berührung zwischen Himmel und Erde.

In der Zwischenzeit versorgt er die Seelen der Menschen.
Mit Hoffnungen, die er manchmal übertreibt.Vor lauter Ungeduld.
Heiliger Geist ist mit ihm.
Mit Träumen, die er selbst nicht wagt zu träumen.
Vor lauter Zweifel.
Doch Heiliger Geist ist mit ihm.

Simeon - der Name: Gott hört !
Darum: unerbittlich nach Verheißung suchend.
Ja, Verheißung lebt in ihm:
„Du wist den Tod nicht sehen, bevor du das Kind gesehen hast“.

Seht – das Warten auf Erfüllung hat ihn gekrümmt.
Er sieht das Kind.
Maria wird es ihm bald in den Arm legen.
Simeon , staunend – stammelnd:
„Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du versprochen hast.
Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“.
Er wird im Frieden aus dieser Welt in die neue Welt gehen können.
Gekrümmt, aber erfüllt. Erfüllte Hoffnung.

Simeon sucht Platz.
Bei uns.
Wenn wir ungeduldig auf Erfüllung warten.
Auf bessere, gute Zeiten.
Auf gute Nachrichten.
Wenn uns Hoffnung krümmt, aber nicht zerbrechen soll.
Ja, Simeon soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

6.
Sie ist angekommen.
Die Fremde.
Eine Frau mit ihrem Kind.
Freundin der Maria ?
Nachbarin ?
Weggefährtin ?
Nothelferin ?
Alleinerziehend ?
Sie haben Platz genommen.
Gib ihr und ihrem Kind selbst einen Namen. –Pause-
Wir brauchen Gefährtinnen und Gefährten.
Einen Freund.
Eine Freundin.
Einen Menschen zum Lieben und Geliebtwerden.
Einen Menschen zum Trösten und Getröstetwerden.

Wir brauchen einen Menschen zum Glauben und Geglaubtwerden.
Zum Vertrauen und vertrautwerden.

Eine, die uns hilft und beisteht,
wenn der Gott des Himmels und der Erde mit uns in die Welt will.

Jetzt legt sie ihre Hände in den Schoß und staunt.
Wir brauchen jemanden, der mit uns staunt und sich wundern kann.

Die Frau mit ihrem Kind sucht Platz.
Bei uns.
Weil wir aufeinander angewiesen sind.
Weil keine und keiner sich selbst lebt.
Wir sind schlechthin abhängig.
Friedrich Schleiermacher hat Recht.

Ja, die Gefährtin, sie soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

7.
Angekommen!
Das Kind.
Es hat Platz genommen.
In unserer Nähe.
Auf Heu und Stroh.
Sein Name: Jesus.
Jeschua – Retter.
Ein jüdischer Junge.
Noch ganz bei der Mutter.
Noch ganz bei sich.

Er wird sich verlieren.
Mit Gottes Güte – in unserer begrenzten Welt.
Mit Gottes Heil - In unserer heillosen Welt.
Mit Gottes Liebe – in unserer verletzten Welt.
Er wird sich verlieren.

Er sucht Platz unter uns.
In unseren Gedanken.
In unseren Herzen.
Wenn wir ins Leben gehen und uns an den Widersprüchen reiben.
Wenn wir schuldig werden.
Wenn wir neue Anfänge wagen.
Wenn wir Angst haben unter zu gehen –
Und wen wir träumen: auf zu stehen !

Ja, Jesus, Jeschua, der Retter,
der Liebende -
soll Platz haben unter uns.
In dieser Heiligen Nacht.

ORGELMEDITATION

24/12/2003
Pastor Wolfgang Loos, Neu Wulmstorf

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