Spüren, was gut tut.
Predigtim Waldgottesdienst am Pfingstmontag 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,wie geht es Ihnen mit diesen großen Engel hier im Wald? Brauchen wir solche Engel?
Oder grundsätzlicher gefragt: glauben Sie, dass es überhaupt Engel gibt?
I. Was halten Sie von Engeln?
Riesig ist dieser Engel hier vorne. Er verbirgt, was hinter ihm ist: eine Fülle von Kästchen, rot und blau gefüllt. Lebensabschnitte, unzählig viele. Große und kleine, ganz helle und daneben die finsteren. Seine Flügel haben die Farbe dieser Lebenskästchen angenommen. Ein Schutzengel, der das Leben eines Menschen begleitet, sich bergend vor ihn stellt, ihn schützt vor neugierigen Blicken, auch vor unseren.
„Engel zur Geburt von Karol Woitila“ hat ihn der polnische Künstler Fratisek Szcerbinski genannt. Der Schutzengel des Papstes. Er könnte viel erzählen: von den Reisen in alle Welt, von Gesprächen mit Berühmtheiten und kleinen Menschen. Er könnte berichten von innerer Not und intimen Freuden – dieser Engel und von dem, was er dazu beigetragen hat in den mehr als achtzig Lebensjahren des Karol Woytila. Aber er wird es nicht tun. Er ist der Engel des Papstes, dieses einen und einmaligen Menschen. Schutzengel sind verschwiegen.
Brauchen wir solche Engel, liebe Gemeinde?
Sehnen wir uns nach einem solchen Lebensgefährten, treu und verschwiegen?Oder fühlen wir uns eher macht- und hilflos wie jener Engel dort? Jerzy Panek hat ihn gemalt, in seinem Stil. In Polen erkennt man diesen Künstler an den breiten Strichen, den wenigen Farbtönen. Schwer der Schritt. Die Arme hilflos nach oben gereckt, den Mund geschlossen, die Augen bitter. „Paneks Engel“ hat Jerzy Panek dieses Bild genannt. Sein eigener Engel also.
Woher diese Trauer? Woher diese Hilflosigkeit?
Sind Engel machtlos? Sind sie nur Hirngespinste, Bilder unerfüllter Sehnsüchte? Eine Frucht des menschlichen Geistes, der sich erheben über die Grenzen, die ihm gesetzt sind, erheben möchte? Man kann das so sehen.
Vielleicht stimmt aber auch das Gegenteil: Engel sind die Wesen, die uns am besten verstehen. Vor ihnen haben wir keine Geheimnisse, sie wissen, wie es in uns aussieht, was uns ängstigt, was uns freut... Engel sind, so kann man es auch sagen: unsere ausgelagerte personifizierte Seele.
Brauchen wir Engel? Sind sie Spiegel unserer Seele? Bringen sie Botschaften aus einer anderen Welt? Oder sind sie Fantasiefiguren religiös aufgeheizter Seelen?Wie geht es Ihnen und Euch mit Engeln? Ich bitte Sie, sich für ein paar Minuten mit Ihren Nachbarn zusammenzutun und sich auszutauschen über diese Frage: Was bedeuten Ihnen Engel?
- Murmelgruppen -
II. Engel – unerfüllte Sehnsucht
Vor zwanzig Jahren, liebe Gemeinde, hätte dieses Experiment wahrscheinlich nicht geklappt. Da hätten die Gottesdienstbesucher geschwiegen oder gestreikt. Vor zwanzig Jahren waren Engel out. Heute aber gibt es ganze Industriezweige, die von Engeln leben: Engelsbilder, Engelsfiguren., Engelspuppen, Engelsporzellan, Engelssocken... Engel sind in. Mit Engeln lassen sich Geschäfte machen – weil Menschen sich offensichtlich etwas von ihnen erhoffen.
Vor fünf oder sechs Jahren kriegten wir so einen kleinen Bronzeengel ins Pfarrhaus geschickt. Schwer sind sie, Handschmeichler. Ich erinnere mich noch gut: Ich nehme so einen Engel mit an das Bett eines Kranken. Er kann nicht mehr sprechen. Ich zeige ihm den Engel und zitiere den 91. Psalm: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Ich lege die Figur in seine Hand. Er spürt die Wärme, schaut auf den Engel, dann auf mich und schließt die Augen, den Engel in der Hand. - Einen Tag später ist er tot. Den Engel, so berichtet mir seine Frau später, habe er nicht mehr losgelassen.
Woher dieser Wandel? Warum können wir aufgeklärte Menschen des 3.Jahrtausends mit einem Mal wieder über Engel reden? Wenigstens reden – und manche berichten gar, sie hätten ihren Engel gesehen, wüssten, wie er aussieht und dass er da ist und ihnen hilft.
Vor 20 Jahren hätte man noch gelacht. Heute nicht mehr. Warum?Wir sind weder toleranter noch religiöser als die Generation zuvor. Die Frage danach, ob es denn Engel wirklich gibt oder nicht, ist für die meisten auch nicht so wichtig.Ich glaube, man kann heute von Engeln sprechen, weil sich unser Lebensgefühl verändert hat.
Der Optimismus der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist einem nüchternen Realismus, teilweise einem Pessimismus und dem Gefühl von unerfüllten Sehnsüchten gewichen. Uns sind keine Flügel gewachsen – wenn wir sie je hatten, stellen wir jetzt eher erschrocken fest: sie sind uns gestutzt worden. Und so leicht, wie Engel das Leben nehmen können, nehmen wir es schon seit einiger Zeit nicht mehr.
Im Gegenteil: der Engel, der mich in dieser Sammlung am stärksten angesprochen hat ist jener dort, ebenfalls von einem polnischen Künstler gestaltet: der Engel der Verlassenen. Auf sich gestellt sitzt er in einer Ruine. Keiner ist da, der mit ihm ist. Seine Flügel hat er abgelegt, als könnten sie ihm nichts mehr nutzen. Der Himmel ist dunkel. Selbst Gott – sonst mit wachsamen Auge alles sehend und begleitend – hat seinen Blick abgewandt, von dieser Welt. Er hat das Auge geschlossen. Kann die Welt verlassener sein?!
Die Gefangenen im Foltergefängnis von Bagdad mögen sich so gefühlt haben – und auch all jene, die meinten, durch diesen Krieg würde Frieden und Recht einkehren in einem Land, das seit Jahrzehnten nichts mehr davon spürt, was das sein kann: ein Menschenrecht.
Der Engel der Verlassenen spricht uns auf unsere Sehnsucht nach Zuständen an, die heil sind und heil machen. Er spricht uns – wie jeder Engel – auf unsere Sehnsucht an, dass unsere Welt anders sein müsste, sein könnte. Der Engel spricht uns an auf unsere Erfahrung, dass wir eben nicht alles können, dass wir Grenzen haben – und dass wir angewiesen sind auf Kräfte über uns und neben uns, die uns Auftrieb geben und neu beflügeln. Der Engel der Verlassenen – es fällt mir nicht schwer, mich in diesem Engel wiederzuerkennen. Das ist es, was sich m.E. gegenwärtig verändert hat. Viele fühlen sich gegenwärtig verlassen, einsamer, ärmer geworden. Was fehlt, ist die Perspektive, ein freier Blick nach vorn.
III. Engel – Aufruf zum Perspektivwechsel
„Er entzog sich ihren Blicken.“ So beschreibt Lukas in der Apostelgeschichte den Abschied Jesu von seinen Jüngern (Apostelgeschichte 1). „Er entzog sich ihren Blicken – und sie schauten ihm nach, schauten unverwandt zum Himmel empor.“ Es ist weniger die etwas befremdliche Himmelfahrt, als vielmehr der Umstand, dass Jesus nicht mehr da ist, der die Jünger und Jüngerinnen sprach- und fassungslos macht. Sie nehmen wahr, dass Jesus nicht mehr da ist, dass ihre Zeit mit ihm vorbei ist. Sie müssen Abschied nehmen von Liebgewordenem, von der guten alten Zeit – und die Trauer darüber scheint sie zu lähmen. Sie wirft sie zurück auf sich selbst: „Was soll denn nun ohne ihn aus uns werden?
“Da geht es ihnen nicht anders als vielen Menschen heute. Was wird aus mir? Was wird aus meiner Familie, meiner Zukunft? Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Welt mit den ganzen Problehmen, die sie auseinander zureißen drohen?Viele wissen darauf keine Antwort. Manche verweigern sich bereits der Suche nach einer Antwort. Altbundespräsident Rau hat in seiner letzten Berliner Rede gesagt: „Unser Land, seine Zukunft, das alles bedeutet vielen nichts mehr.“ Wenn das stimmt, kann einem angst und bange werden.
Die Jünger stehen da und schauen unverwandt gen Himmel, berichtet Lukas. Sie sind wie gelähmt. Sie erlebten, wie Jesus sich entzieht. Sie bleiben zurück Und sie schauen ihm nach und schauen Löcher in die Luft vor lauter Ratlosigkeit.Keine Ahnung, wie lange das so gegangen wäre: dieses Schauen ins Nichts, diese Fixierung auf das Verlorene und nie wieder kommende.
Es hätte vermutlich ewig so weitergehen können, wenn ..., ja wenn da nicht die Engel gewesen wären. „Doch siehe“, heißt es da mit einem Mal. Das heißt doch: „pass auf! Sieh hin!“: da stehen zwei Gestalten in weißen Gewändern. Es ist egal, welche Erklärungen der Verstand findet. Vielleicht Halluzinationen. Vielleicht eine Vision oder eben einfach nur Leute, die da zufällig vorbeikamen. Aber wichtiger als Erklärungen ist, was dann geschieht: „Was steht ihr da und guckt?“Eine einzige Frage. Eine Frage, die das aussichtlose Starren heilsam unterbricht. Die Engel wollen nicht, dass man nur hilflos nach oben starrt. Sie wollen aber auch nicht, dass man den Kopf gesenkt hält.
Liebe Gemeinde, machen Sie es den Jüngern einmal nach: schauen sie mal nach oben, legen Sie mal den Kopf in den Nacken und richten Sie den Blick nach oben: merken Sie, wie es im Nacken drückt und im Hals spannt – schauen Sie nach oben, angestrengt nach oben, bis es weh tut. Aber auch das andere Extrem ist nicht unbedingt hilfreich. Probieren Sie es aus: Wer nur nach unten starrt, kann über die eigenen Füße nicht hinaussehen. Kürzlich hörte ich den bedenkenswerten Satz: „Wem das Wasser bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen.“ Das hätten die Engel auch sagen können. Sie wecken die Jünger aus ihrer Lethargie und Ängstlichkeit: „Was steht ihr da und guckt?“Ein Perspektivwechsel ist angesagt. Das galt für die Jünger damals. Das gilt auch heute.
IV. Engel bringen Bewegung
Um das zu verdeutlichen, bitte ich Sie, sich einmal ganz umzudrehen und auf die wohl merkwürdigste Engeldarstellung zu schauen, die wir hier im Wald haben: Vladimir Kostryko hat diesen Engel gemalt. Vladimir Kostryko ist Ukrainer und das Bild stammt etwa aus dem Jahr 1995. Die Auflösung der Sowjetunion, die Selbständigkeit der Ukraine liegt erst wenige Jahre zurück. Das muss man wissen, um sich diesem Engel – es ist Michael, der kämpfende, der siegreiche Engel – zu nähern. Der hat wenig Sympathisches. Er ist stark, muskulös, mit einem Schwert bewaffnet. Das hat er nicht gebraucht, um das Rad der Geschichte anzuhalten. Auch so musste das Rot der Sowjets und des Kommunismus in den Hintergrund weichen. Selbstbewusst tritt Michael auf die Szene – frisiert wie ein Kosake, diesem Volk, das seit Begründung der Kiever Rus an den Grenzen des Reiches für den Erhalt des christlichen Glaubens gekämpft hat. Ein befremdlicher Engel. Ein politischer Engel. Ein Engel mit Siegeswillen. Ein Engel, der die Vergangenheit hinter sich lässt und die Zukunft fest in den Blick nimmt. Perspektivwechsel. „Was steht ihr da und guckt?“ fragt Michael. Fragen die Engel. „Jesus, der nun nicht mehr unter euch ist, wird euch wieder ganz nahe sein, er wird so wiederkommen, wie er gegangen ist. Und dann wird ein neues Kapitel des Lebens aufgeschlagen.“Diese Ansage rüttelt die Jünger wach. Sie schauen nicht mehr starr nach oben. Aber sie lassen auch den Kopf nicht hängen. Sie schauen nach vorn. Die Ansprache der Engel bringt sie in Bewegung und erlöst sie aus ihrer Lethargie. Das, liebe Gemeinde, haben Engel so an sich: sie bringen Menschen in Bewegung. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten: Engel bringen Menschen auf den Weg: sie begleiten das Volk Israel aus der Sklaverei und durch die Wüste. In der Mitte der Zeit, zu Weihnachten, locken sie die Hirten erst zum Stall und dann hinaus in die Welt. Nach Ostern erleben schließlich die Jünger, wozu der Engel am Grab sie auffordert: sie finden aus Trauer hinaus und bringen die Botschaft unter die Leute: er ist auferstanden; sein Geist ist mit uns. Deshalb erzählt Lukas diese Geschichte: erst von der Himmelfahrt, dann von Pfingsten – so wie er ganz zu Anfang schon von der Geburt erzählt hat. Immer sind Engel im Spiel. Sie bringen Gott auf Augenhöhe zu den Menschen. Sie bringen seinen Geist.
V. Engel werden
Engel sind Hinweise auf Gott. Weil sie das sind, tut es gut, ihnen zu begegnen. Denn wir brauchen Gottes Geist in dieser Zeit. Wir brauchen Gott auf Augenhöhe, damit wir uns weder in luftleerer Höhe über uns, in Fantasien und Visionen, noch in den Tiefen unter uns, in Pessimismus und Depression verlieren. Zu beidem haben Christen keinen Anlass. Uns nämlich ist ein Engel begegnet, Gott auf Augenhöhe.Lassen Sie Ihren Blick zum Schluss noch einmal schweifen, an den vier Engeln entlang: Wir sind Engeln begegnet, Gott auf Augenhöhe:So selbstbewusst und kraftstrotzend wie der Michael dort. Der Blick weist nach vorn, in die Zukunft. Perspektivwechsel. Selbst der Engel der Verlassenen trägt die Kraft der Hoffnung bei sich: seine Flügel werden ihn hinauftragen über Trauer und Lähmung hinweg und ihn aufrichten werden.So wie den Engel Pankas, groß und majestätisch, mit klaren Farben und klaren Konturen. Einer, der den Überblick behält in Zeiten der Krise.Und wir werden erkennen, dass unser ganzes Leben geborgen und geschützt ist in Gott – so wie das Leben des Papstes gehütet wird von seinem Engel. Was also steht ihr da und guckt? Phil Bosmans hat gesagt: Ein Engel ist jemand, „den Gott dir ins Leben schickt, unerwartet und unverdient, damit er dir, wenn es ganz dunkel ist, ein paar Sterne anzündet.“ Schauen Sie sich um, liebe Gemeinde, und vielleicht entdecken Sie, was ich entdecke: nicht nur acht riesige Engel, sondern neben sich, vor sich oder auch hinter sich: Augen und Hände von solchen, die Gott auf Augenhöhe unter uns Menschen bringen. Dann haben wir nicht nur acht, sondern zwanzig, achtzig, hundert, dreihundert Engel hier... Und wer weiß, vielleicht sind Sie es selbst: ein Engel Gottes, „der andern ein paar Sterne anzündet.“ Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft der stärke und bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
31/05/2004 Superintendent Dr.Christoph Künkel |