Predigt am Sonntag, dem 15. März 2009, von Frau Pastorin Katharina Behnke
Friede sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.
Liebe Gemeinde,
so eine Verabschiedung wie heute guckt ja immer in beide Richtungen. Man verabschiedet jemanden in eine Zukunft hinein, auf einen Weg – und gibt ihm dafür etwas mit. Im Gesang des Pfarrteams war die Freude zu hören, die auf diesem Weg sein kann, der Psalm sprach vom freundlichen Gott, und in der Lesung bekommt Elia Kraft für einen Neuaufbruch.
Wenn ich jetzt aber in meinen Predigttext gucke, um ein wenig zurückzublicken, vielleicht auch zum schwelgen, wie schön ich es hier gefunden habe – dann finde ich eine ziemlich ruppige Antwort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Hm. Noch einmal im Zusammenhang, so schreibt der Evangelist Lukas im 9. Kapitel: Lukas 9, 57-62 Vom Ernst der Nachfolge Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben: du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Und Gott segne an uns dies Wort. Amen.
Hm. Natürlich ist die Situation nicht vergleichbar. Die Leute, die Jesu Jünger sein wollen, müssen so richtig aus ihrem Leben heraus. Herumwandern, sind auf die Gastfreundschaft und Unterstützung anderer angewiesen. „Vom Ernst der Nachfolge“ ist der Abschnitt in meiner Bibel überschrieben, und ganz so ernst ist für uns die Nachfolge doch heute nicht mehr. Wir dürfen in unserer Wohnung bleiben und unsern Beruf behalten, wenn wir Christen werden, heutzutage. Und wir bewundern Leute, die ernste Christen sind, radikaler, die sich von allem trennen – aber es geht doch auch so, sind wir wahrscheinlich überwiegend der Meinung, man kann doch auch Christ und normaler Mensch sein.
Und im übrigen redet Jesus doch wohl auch ziemlich überspitzt. Hat den hoffnungsvollen Neu-Jüngern Angst machen wollen. So heimatlos war er gar nicht, und ich glaube, ein Ende aller Bestattungen hat er auch nicht gewollt. Da war das Judentum mit Recht stolz drauf, dass sich die ganze Gemeinde für Sterbende und Verstorbene zuständig fühlte, und daran hat das Christentum recht nahtlos angeknüpft. Und nicht zurückzuschauen – da kam Jesus selbst aus einer anderen Tradition, das Judentum erinnert sich, zieht daraus Hoffnung für die Gegenwart und Erwartung für die Zukunft. Im Abendmahl zum Beispiel schauen auch wir ganz selbstverständlich zurück – und legen danach die Hand wieder an den Pflug, um möglichst geradeaus weiterzumachen.
Also – direkt vergleichbar ist die Situation heute nicht. Und mein Neuaufbruch geht ja auch in ein schönes Pfarrhaus und ein Gemeindehaus mit unglaublich schicken sanitären Anlagen – nicht zu den Füchsen in die Gruben. Aber einiges habe ich dann trotzdem aus unserem Evangelium gelernt:
Als erstes ist mir das große „Aber“ aufgefallen. Drei Leute kommen zu Jesus und bieten ihm an, ihm nachzufolgen – aber zumindest zwei davon haben ein „Aber“ davor. „Aber erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“ „Aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.“ Verständliche Wünsche – und Jesus akzeptiert keinen von ihnen, ich bin ganz empört. Unter der Deckschicht meiner Empörung allerdings, tief in meinem Herzen, da weiß ich ganz genau, dass Jesus recht hat. Nach diesem ABER käme das nächste ABER. Wenn ich meinen Vater beerdigt habe, muss ich mich um die Grabpflege kümmern. Wenn ich mein Leben erst sichere, bevor ich es Jesus anvertraue, bin ich zu alt und zu krank, ihm nachzufolgen. Dann muss ich mich erst ausruhen und das Leben genießen. Aber dann, ja dann werde ich...
Jesus akzeptiert kein ABER, weder von uns noch von den Jüngern damals. Jesus passt nämlich nie – nicht seine Friedensbotschaft, nicht seine Heimatlosigkeit, nicht seine Orientierung an Gottes Regeln für unser Leben. Nie wird es den Zeitpunkt in meinem Leben geben, an dem ich sage: Oh ja, jetzt passt mir das mit der Nachfolge super. Jetzt spricht gerade nichts dagegen. Niemals. Also höre ich in diesem besonderen Moment Jesu Worte als eine Warnung: „Wenn du wartest, das ich passe, verpasst du mich. Also komm und lass dein gutbegründetes ABER hinter dir.“
Noch etwas ist mir aufgefallen: Wodurch wird denn eigentlich die Furche krumm beim Pflügen? Vorstellen muss man sich so einen Hakenpflug mit Griffstange, den zieht ein Tier. Man geht nebenher und hält ihn in der Furche. Krumm wird sie also, wenn man gleichzeitig nach vorn geht und nach hinten guckt. Ins Neue geht und im Alten lebt. Sich nach dem Alten zurücksehnt. Ich war jetzt schon ein paar mal zu Vorbereitungen und Gesprächen in Nenndorf. Und dann habe ich mich dabei ertappt, dass ich dachte: „Das ist aber komisch hier. Warum machen die das nicht einfach so! – wie in der Paulusgemeinde“ – tja, dann wird die Furche bestimmt krumm.
Ich habe vor einem Jahr ein Silberhochzeitspaar mit diesem Text gehabt. Ich glaube, da ist es noch viel klarer, warum man nicht nach vorn gehen und nach hinten gucken kann. „Früher warst du aber ganz anders“ ist einer der unsinnigsten Vorwürfe, den man seinem Partner machen kann. Die beiden damals haben gesagt: „Wir haben uns miteinander entwickelt“ – und man hörte noch den Seufzer über die Mühsal heraus, aber auch die Freude über die gemeinsame gerade Furche. Die Furche wird also wohl krumm, wenn das Neue nicht neu sein darf – und das schließt auch unsere Erfahrungen mit Gott ein. Der muss sich auch anders zeigen dürfen, als wir das bisher gedacht haben. Und dann kann man aus unserem Evangelium noch etwas lernen, was wir gut kennen als Gemeinde und als einzelne: Etwas über Begeisterung und Ausdauer. Es gibt ein Lied: „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“, und das stimmt auch, aber Ausdauernde braucht sie auch. Das habe ich hier bestimmt gelernt in 11 Jahren Paulusgemeinde, wie gut man die Anfangsbegeisterung konservieren muss, damit sie als Ausdauer bis zum Ende reicht. Am schmerzlichsten merke ich das an unserem neuen Gemeindehaus, wo ich mitgeträumt und die Begeisterung der ersten Verwirklichung miterlebt habe. Dann aber die unendlich vielen kleinen Vor- und Rückschritte, wo ich allein wohl oft unterwegs gesagt hätte: „Ach, lassen wir`s.“ Und nun gehe ich weg, bevor es richtig losgeht, fast wie Mose, der das gelobte Land nur von fern sieht. Aber ich werde zum Richtfest eingeladen – und habe ja in Nenndorf etwas sehr schickes.
Ich glaube, dass Jesus nach dieser Ausdauer auch seine Jünger-Bewerber fragt. Die Begegnung mit Jesus wird faszinierend gewesen sein, und auch wir werden uns an Erlebnisse erinnern, wo das Christsein Glanz hatte. Eine Konfirmation vielleicht, einen Weihnachtsgottesdienst, oder einen Moment, wo wir wirklich helfen konnten. Aber Jesus bereitet die Leute darauf vor, dass es die Mühen des Alltags geben wird, in denen man sich fragt, wofür man’s eigentlich macht. Und nie wird man sicher sein, ob man das richtige tut. Und Momente der Gottesnähe sind doch so selten. Und da ist der Blick auf die anderen. Haben die es nicht eigentlich besser?
Ausdauer heißt dann, dass wir uns nicht dem Trend anschließen, der immer schneller immer mehr für ein paar wenige will. Ausdauer heißt, ein achtsames Leben zu führen. Achtsam für die Armen, Beiseitegeschobenen, für die Kinder der Hartz IV Empfänger. Achtsames Leben, wie es viele von uns jetzt in der Fastenzeit einüben. Ernüchtert zu sein. Nicht jederzeit etwas Begeisterndes zu erwarten, etwas Heroisches oder Spannendes – sondern das zu tun, wozu Gott uns braucht, täglich und in ganz kleinen Schritten.
Denn pure Begeisterung würde ja nicht ausreichen für die Passionszeit, wie sie jetzt Ernst macht mit unserer Nachfolge. Jesus fragt seine Jünger-Bewerber nach ihrer Ausdauer – und bricht auf nach Jerusalem zu Leiden und Tod. Nur mit Begeisterung werden wir diesen Weg nicht mitgehen können – wir müssen wieder Gott in Frage stellen, der sich so anders verhält, als wir uns das wünschen. Der das Böse nicht zerschlägt, sondern seinen Sohn dem Bösen ausliefert.
Wir müssen Gott wieder in Frage stellen und aushalten, dass er dazu schweigt am Karfreitag. Wir müssen uns wieder von ihm in Frage stellen lassen. Jesus sagt einfach: „Folge mir nach!“ Und vielleicht, wenn wir es wirklich aushalten, die Verlassenheit und das Schweigen am Karfreitag, dann werden wir zu Ostern auch wissen, warum es gut ist, zu Jesus zu gehören. Aber das eine gibt es nicht ohne das andere. Vielleicht hat Jesus das gemeint, als er sagte: „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Liebe Gemeinde, manches lasse ich hier schwer zurück. Entweder, weil es so schön war, oder weil es nicht fertig geworden ist. Ich hoffe aber doch, dass ich und auch Sie und Ihr nach der Atempause des heutigen Tages den Pflug wieder nehmen mögen und nach vorne schauen. Und Gott mache uns geschickt für sein Reich!
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. |