Predigt über Psalm 13 vom 5. Februar 2012
Gottesdienst zum Beginn der Bibelwoche
Pastor Andreas Kern

Psalm 13

„Ein Psalm Davids, vorzusingen.“
Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden,
und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.

Predigt

Liebe Bibelwochen-Gemeinde,

Singen Sie manchmal Sorgen-Lieder? Angst-Lieder? Singen Sie, mit lauter Stimme oder vielleicht nur ganz leise gesummt - aber eben nicht vor Freude, sondern vor Bekümmernis?

Es kommt wohl eher vor, dass wir jauchzen und frohlocken - wie das Weihnachtsoratorium uns empfiehlt - wenn wir himmelhochjauchzend gut drauf sind. Aber wir kennen Klagelieder doch genug aus der Pop-Musik, Lieder voller Liebes-Kummer und Weltschmerz. Nur singen wir sie selten selbst, wir lassen lieber Profis singen.

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über - auch so eine biblische Weisheit. Und so ist es: Gefühle bahnen sich ihren Weg, und wenn wir sie im Herzen ansiedeln, die Gefühle, dann läuft der Mund eben über von dem, was das Herz füllt.

Und das ist Jubel und Angst, Freude und Sorge. Das alles ist da drin, wir modernen Menschen unterscheiden uns da nicht von den Vorfahren, die vor 2000 oder 3000 Jahren ihre Anliegen in Lieder und Gebete geformt haben. Unsere Tränen schmecken genauso salzig, unser Hunger nach Gerechtigkeit schmerzt genauso wie damals. Unser Jubel und unser Jauchzen singen wir in die Welt, rufen oder schreien heraus, was uns bewegt.

Und was ist in den Psalmen alles zu hören oder zu lesen: Versagens-Ängste und Aha-Erlebnisse, Mobbing und neugierige Nachbarn, Heilung und Glaubensfreude. Die Anziehungskraft der Psalmen ist unter anderem auf diese lebensnahen Bilder und Bitten zurückzuführen, in denen sich bis heute Menschen mit ihren Sorgen und Sehnsüchten wiederfinden.

Dorothee Sölle hat uns beigebracht: „Der Psalm ist ein Formular, und du sollst deinen Namen eintragen und deinen Schmerz, deine Freude und dein Glück und deine Ängste und alles, was du liebst.“

Und Martin Luther schätzte das Psalmen-Buch, weil darin nicht „Leseworte, sondern lauter Lebeworte“ zu finden sind. So werden die steinalten Erfahrungen brand-aktuell: 150 Lieder und Gebete, die es in sich haben. Sie enthalten Anspielungen auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk, auf die großen Könige und Propheten, reflektieren weisheitliche Gedanken und prophetische Reden. Sie sind Gebete für einzelne wie für Gruppen von Menschen. Kein Wunder, dass die Psalmen auch so oft nachgedichtet und vertont werden. Denn gesungen sind die Klagen und Bitten, die Sorgen und der Dank ja noch schöner, gehen tief hinein in unsere Herzen und Sinne.

Leider hab ich zu Psalm 13 keine singbare Vertonung gefunden. Es gibt eine Komposition von Franz Liszt und eine von Felix Mendelssohn-Bartholdy, und es gibt im Internet sehr eingängige moderne Vertonungen in verschiedenen Sprachen.

Hier ist Psalm 13 in der Übersetzung der Zürcher Bibel:

Ein Psalm Davids.
Wie lange, o Herr, willst du meiner so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich Schmerzen hegen in meiner Seele,
Kummer im Herzen Tag und Nacht?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue her, erhöre mich, o Herr, mein Gott!
Mache hell meine Augen, dass ich nicht zum Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme: „Ich habe ihn überwältigt!“
Meine Widersacher jubeln, dass ich wanke;
ich aber vertraue deiner Gnade.
Es frohlocke mein Herz ob deiner Hilfe!
Singen will ich dem Herrn, dass er mir Gutes getan.

Wie lange, Du Herr? Wie lange, Du? Wie lange soll ich? Wie lange? Schaue, Herr, erhöre, mache!

Der ganze Psalm besteht aus Du, Dein, und Ich, Mein, Mir, Mich. Das Du ist ein Ausruf, es steht im Vokativ, jedes Mal verbunden mit der bohrenden Frage: Wie lange? Vier Fragezeichen - in fast allen Übersetzungen, die ich gefunden habe -, dazu zwei oder drei Ausrufezeichen.

Da scheint Gott wegzuschauen, nicht da zu sein. Ob der Feind, der da genannt wird, ein unangenehmer Nachbar ist oder der Tod, die pure Auslöschung - jedenfalls schreit der Beter nach Hilfe, nach Gottes Blick und Gottes Ohr, nach Gottes Eingreifen: Schaue, Herr, erhöre, mache!

Der Rufer erlebt, dass Gott ihn vergessen hat - und er fragt dringlichst: Wie lange noch? Für ihn und sein Schicksal ist Gott taub und blind – und entsprechend sind die Augen und der Augen-Blick des Beters getrübt, sie sind trübe, zu Tode betrübt. Ein Augenblick, ein Nicht-Augenblick, der so endlos wie Gott selber scheint.

Aus den Worten spricht die menschliche Grund-Angst des Verlassen-Seins - und im letzten Vers gibt es eine merkwürdige Wendung:

Ich aber vertraue deiner Gnade, mein Herz frohlocke über deine Hilfe! Singen will ich dem Herrn, dass er mir Gutes getan.

Ist etwas passiert? Was? Ist überhaupt eine große reale Wende geschehen, oder ist es doch nur ein Stimmungsumschwung? Und ist nicht auch das „nur“ schon sehr viel? Es ist jedenfalls etwas in Schwung gekommen, hat sich gedreht, wird zu einem dringenden positiven Wunsch, der sich zum Schluss aus der Klage erhebt, eine Selbstermunterung, eine Absichtserklärung, eine Durchhalteparole, wohl eine durchaus spirituelle, oder eine Trotz-Reaktion: Ich aber vertraue deiner Gnade, mein Herz frohlocke über deine Hilfe! Singen will ich dem Herrn, dass er mir Gutes getan. Eine großartiges Lied ist das, voller farbiger Bilder.

Aber kann man über Psalmen überhaupt predigen? Sie gehören in die Liturgie - seit über 2.500 Jahren. Sie sind Gebete, sie sind Anrede an Gott, nicht Anrede an die Menschen.

Erzväter-Geschichten, Evangelien-Erzählungen, Propheten-Reden, Paulus-Briefe: die sind an uns adressiert, das kann und soll man predigend auslegen, diskutieren, lehren. Aber Psalmen? Sie sind und bleiben an Gott adressiert, deswegen gehören sie nachgesprochen, angeeignet. Sie sind Formulare für meine Sprachlosigkeit und deinen stummen Schrei, für meine Bitten und deinen Dank, für meinen Jubel und deine Verzweiflung. Deswegen werden sie immer neu übersetzt, nachgedichtet und vertont.

Wenn wir sie als Texte hören, die an uns gerichtet sind, dann verlieren sie den Adressaten: aus dem Ich und dem Du werden er und sie und es, aus dem Vokativ werden alle anderen Fälle, womöglich doppelte Genitiv-Konstruktionen. Aus Fragezeichen und Ausrufezeichen werden Punkte, die übergehen in theologische Behauptungen.

Also singen und beten wir die Psalmen! Wir sprechen sie nach, wir eignen sie uns an, wir fühlen uns hinein - und stellen fest: sie geben wieder, was unser Herz bewegt, wovon auch unser Mund überläuft - nicht jeden Tag, nicht jede Stunde, aber in den wirklich bewegenden Situationen jedenfalls!

Also noch eine Weise, den Psalm 13 zu beten - von Martin Buber:

Wie lange noch, Herr, willst du mich ganz vergessen?
Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht vor mir?
Wie lange noch muss ich Sorgen in meiner Seele tragen,
Kummer in meinem Herzen den ganzen Tag?
Wie lange noch darf sich mein Feind über mich erheben?
Blicke doch her, erhöre mich, Herr mein Gott!
Mach' hell meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafen muss.
Sonst wird sich noch mein Feind rühmen:
“Ich habe ihn besiegt!“;
dass meine Bedränger nicht jauchzen,
weil ich zusammenbreche,
ich aber baue auf deine Huld;
es jauchzt mein Herz ob deiner Hilfe.
Singen will ich dem Herrn,
der mir Gutes hat getan.

„Tränen und Brot“ - auch das ist ein Bild, das den Psalmen gerecht wird. Es sind die beiden Seiten des menschlichen Erlebens: die Tränen der Angst und der Verzweiflung und das Brot, das wir zum Leben brauchen. Die Anfechtung und die Klage - und das Fest, wie wir es heute im Abendmahl feiern. Das Lied der Trauer und das Loblied: mit beiden vertrauen wir uns Gott an und lassen uns von ihm halten und zurechtbringen.

Klage-Texte und Klage-Lieder - und die Feier des Festes: so bringt Gott uns wieder zurecht, rüttelt uns zurecht und schenkt uns Kraft und Mut zum Leben - und den langen Atem dazu.

Amen.

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