Predigtreihe zum Reformationsjubiläum
29. Oktober 2017: Reformation und Freiheit
Pastor Andreas Kern

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)

Liebe Gemeinde,

Ich war in den Herbstferien eine Woche in Nordspanien. Wer die Nachrichten verfolgt, weiß, dass in dem Land sich gerade eine heftige Auseinandersetzung zuspitzt: Politiker im Landesteil Katalonien, das ist der Nordost-Zipfel der Halbinsel, streben danach, sich von Spanien loszusagen und einen eigenen Staat auszurufen. Sie fühlen ein „Joch“, das ihnen auferlegt wurde, und argumentieren mit dem Stichwort „Freiheit“: Der Zentralstaat Spanien sei ein Unterdrückungs- und Polizei-Staat, Freiheit sei für Katalonien nur außerhalb von Spanien zu haben. Um also Freiheit und volle Selbstbestimmung zu haben, rufe man eine eigene Republik Katalonien aus. Die Regierung von ganz Spanien sieht sich der staatlichen Verfassung verpflichtet, die eine solche Abspaltung eines Landesteils nicht vorsieht. Das höchste Gericht verbot ein Referendum in Katalonien, das die Separatisten Anfang Oktober dennoch durchführten. Nun wurden erst einige zentrale Personen in Katalonien festgenommen, denen vorgeworfen wird, Straftaten gegen die Einheit des Staates und seine Vertreter begangen oder gefördert zu haben. Jetzt am Freitag erklärte die Regionalregierung die Unabhängigkeit von Spanien, dessen Zentralregierung sie daraufhin umgehend für abgesetzt erklärte und Neuwahlen in Katalonien ansetzte. Derweil gehen in Barcelona und Madrid die Menschen auf die Straßen und demonstrieren – pro und contra.

Was hat das mit Freiheit zu tun? Und mit Reformation?

Wir heutigen Menschen in der westlichen Welt haben ein sehr einseitiges und halbes Verständnis davon, was Freiheit ist – behaupte ich. Wir finden es selbstverständlich, dass wir selbst entscheiden können, wo wir leben, wie wir leben, wofür wir unser Geld ausgeben, mit wem wir uns zusammentun – in der Familie, im Verein, in der Kirche. Wir entscheiden frei darüber, welche Ausbildung und welchen Beruf wir wählen, ob wir am Ort bleiben oder umziehen, welche Partner wir uns suchen, welche Lebensform wir bevorzugen und welchen Fußballverein wir unterstützen. Unser größte Sorge scheint es zu sein, dass der Urlaubsflieger rechtzeitig startet – schließlich wollen wir die Freiheit genießen, irgendwo im Süden entspannt und sorglos ein paar Tage keine Pflichten zu haben. Wir erlauben uns sogar, auf die Politiker zu schimpfen, eigentlich auf alle, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen und Entscheidungen treffen, die uns vielleicht mit-betreffen. Die unschätzbar wertvolle Freiheit, diese Verantwortlichen in demokratischen Wahlen zu wählen oder abzuwählen, schätzen wir eher gering: Eine Wahlbeteiligung von 63 Prozent – wie neulich bei der vorgezogenen Landtagswahl – gilt schon als sehr ordentlich.

Die Drangsal und ganz schreckliche Bedrückung, für das eigene Seelenheil zu sorgen, kennen wir – anders als Luther – kaum noch. Nur ein paar ganz Fromme haben noch Angst vor dem ewigen Gericht und dem Fegefeuer.

Mir kommt es so vor, als ob wir jede Einschränkung unserer Möglichkeiten als schlimmen Entzug unserer Freiheit ansehen. Merken wir eigentlich, dass wir damit den Begriff der Freiheit völlig überdehnen – und gleichzeitig verengen auf das persönliche, private Eigeninteresse?

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1) Und weiter: Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. (Galater 5,13)

Für den Reformator Luther war es ein Aha-Erlebnis, dass er frei wurde von der Furcht vor der ewigen Verdammnis in der Hölle. Luther hatte gemerkt: Alles schuften und ackern, alles beten und hoffen nützt ja nichts – oder jedenfalls nicht genug. Und in seiner Zeit war es ja tatsächlich so, dass solche Geschäfte auch mit Geld geregelt wurden: Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt – Seelen-Rettung durch Zahlung.

Wir kennen das heute ja auch. Wie viele Mäntel und Schuhe kaufen wir (und zahlen dafür!), um wenigstens kurzfristig ein Hochgefühl zu haben? Wie viele Versicherungen schließen wir ab (und zahlen dafür!), damit wir ruhig schlafen können? Wie viele Autos mit Allrad-Antrieb und 200 PS schaffen wir an (und zahlen dafür!), um uns im Straßen-Kampf gut gerüstet zu fühlen?

Schaffen wir es, uns von diesem Zwang zur Selbst-Rettung zu befreien? Denn das war die entscheidende Entdeckung von Martin Luther: Alle eigene Anstrengung, alles eigene Bemühen hilft nichts – ich bleibe dem Gesetz, dem Gericht und der Verdammnis unterworfen!

Nur die vertrauensvolle Hingabe an Christus nützt etwas: Der Glaube allein macht selig! Und befreit von dem Zwang zur Selbst-Rettung!

Das, liebe Gemeinde, ist die wahre Freiheit! Und die ist eben nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Entfaltung, sondern mit Verantwortung, Fürsorge, Hingabe. Luther schrieb über seine Entdeckung: Da fühlte ich mich wie ganz und gar neugeboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein.

Wir sagen heute, um die Grenzen der Freiheit (und damit die Freiheit selbst) zu beschreiben: Meine Freiheit ist nur begrenzt durch die Freiheit der anderen Menschen. Ich darf also frei tun oder lassen, was ich will, solange meine Handlungen oder mein Unterlassen die Freiheit eines anderen Menschen nicht schmälern oder gar zerstören.

Luther würde das ganz anders beschreiben – und damit ein wahrhaft evangelisches Verständnis von Freiheit umreißen, mit dem er uns gleichzeitig Entfaltung ermöglicht und zur Nächstenliebe verpflichtet:

Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. (nach Galater 5)

Unsere Freiheit findet also nicht etwa ihre Grenze an der Freiheit des anderen, sondern erst ihren Sinn in der Freiheit des anderen. Diese Dimension der geschwisterlichen Fürsorge meinte der Reformator, als er gegen die lieblose Freiheit wetterte, die wir heute so schön ausleben. Frei sein aber ist das, welches mir freisteht: Ich mag es gebrauchen oder lassen, doch so, dass meine Brüder und nicht ich den Nutzen davon haben.

Das heißt also – mit einem Bonmot von Robert Leicht gesprochen, dem klugen Journalisten und Juristen: Freiheit muss sich wieder lohnen, in der Tat. Aber erst einmal für die anderen.

Luther macht das in seiner reformatorischen Hauptschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zum Thema. In einer Doppelthese bestimmt er den Charakter dieser Freiheit: Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. – Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Evangelische Freiheit ist also in doppelter Weise bestimmt: als Freiheit von der Welt und als Freiheit für die Welt.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen, um ein richtiges und rechtes Leben zu führen. Gott will keine unmündigen Mitläufer, keine unfreien Frauen und Männer, sondern mündige Christen, die in Verantwortung füreinander leben. So findet christliche Freiheit ihren Ursprung in der Taufe. Mit der Taufe beginnt ein neues Leben – ein Leben als Kind Gottes. Die Getauften sind als Kinder Gottes zu einem Leben in Freiheit und Liebe, Verantwortung und Glauben berufen. Ihr seid zur Freiheit befreit, werdet nicht der Menschen Knechte, ruft Paulus den ersten Gemeindegliedern der christlichen Kirche zu. Diese Befreiung zur Freiheit in der Taufe ist unumkehrbar, weil es Gottes Freiheit für die Menschen ist.

Luthers Ruf nach Freiheit wurde in der Reformation in vielfältiger Weise gehört, etwa im Verhältnis des Einzelnen zur kirchlichen und weltlichen Obrigkeit. Aus der Freiheit jedes Einzelnen folgt auch die Gewissensfreiheit, die bis heute unser Miteinander in Staat, Kirche und Gesellschaft prägt. Luthers Berufung auf das Gewissen gegen staatliche und kirchliche Autoritäten auf dem Wormser Reichstag 1521 ist eine Kernszene mit großer Wirkmächtigkeit weit über den kirchlichen Rahmen hinaus.

Mit der Wiederentdeckung der Freiheit des Einzelnen, die einherging mit dem mündigen Christsein, konnte der Furcht des Mittelalters vor Dämonen und Mächten begegnet werden. Im globalen Zeitalter 500 Jahre später sind die Furcht vor Armut, Not und materieller Absicherung die alltäglichen Anfechtungen der Freiheit.

Aber auch die vielfach gegenwärtige Furcht vor Terror und Krieg ist eine Bedrängung der Freiheit. Aus diesen Ängsten auszuziehen und ein Leben in der Freiheit eines Christenmenschen zu führen, im Dienst am Nächsten wie auch in der Verantwortung für die Welt, bleibt die Aufgabe freier Menschen.

Luther schließt das so ab – und dem schließe ich mich einfach mal an:

Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. ... Sieh, das ist die rechte geistliche und christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, die alle Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Das gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten. Amen. [ letzter Artikel aus der Schrift: Von der Freiheit eines Christenmenschen, Martin Luther, Wittenberg 1520 ]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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