Predigt über Johannes 8,21-29 vom 24. Februar 2013
Getrennte Wege
Pastor Andreas Kern

Jesus' Weg zur Erhöhung

Jesus sprach zu seinen Zuhörern: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.

Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen?

Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her;
ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.
Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden;
denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin,
werdet ihr sterben in euren Sünden.

Da fragten sie ihn: Wer bist du denn?

Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage.
Ich habe viel von euch zu reden und zu richten.
Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig,
und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.

Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach.

Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet,
dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue,
sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.
Und der mich gesandt hat, ist mit mir.
Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.

Predigt

„Warum habt Ihr Euch eigentlich getrennt - damals?“ Vielleicht haben wir diese Frage auch schon einmal gefragt - oder wir haben sie beantworten müssen. Wenn Freundschaften auseinandergehen, sich geschäftliche Wege trennen, Ehen zerbrechen, dann stellt sich die Frage: „Warum seid ihr getrennte Wege gegangen?“ Kinder aus Ehen, die scheitern, müssen das irgendwann fragen. Sie möchten wissen, was ihre Eltern damals erlebt haben und warum diese Entscheidung gefallen ist. Sie möchten das wissen, weil diese Entscheidung große Auswirkungen auf ihre Geschichte hatte, und weil sie vielleicht eine neue Sicht gewinnen auf den Elternteil, der weniger zu sehen ist, mit dem sie weniger erlebt haben.

„Warum habt ihr euch getrennt?“ Manchmal lautet die Antwort ganz abstrakt: „Wir haben uns nicht mehr verstanden.“ „Wir waren zu gegensätzlich.“ „Es gab nicht genug Gemeinsamkeiten.“ „Wir haben aneinander vorbei geredet.“ Wenn aber klar werden soll, woran es wirklich gelegen hat, dann müssen die Beteiligten erzählen. Persönliche Erzählungen sind nötig, aus der jeweils eigenen Perspektive - und auch auf die Gefahr hin, dass der Erzähler dabei sich selbst besser darstellt als die Gegenseite.

Das ist genau die Situation, die der Predigttext aufnimmt. Die Trennung von Christen und Juden wird bedacht - und zu erklären versucht. Das ist zwar schon fast 2000 Jahre her, aber viele Menschen fragen immer noch: „Warum ist das geschehen?“ „Warum habt ihr euch getrennt?“ Diese Trennung hat zu unglaublich viel Leid geführt, und gerade wir hier in Deutschland sind daran beteiligt. „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Juden und Christen waren doch zu Gottes Volk gehört, zu dem Volk, das Gott auserwählt hatte. Wir haben eine gemeinsame Tradition - Jahrtausende alt -, eine gemeinsame Heilige Schrift, in er die Geschichten von Abraham und Jakob aufgezeichnet sind, der Auszug aus Ägypten, der Einzug in das gelobte Land, die Geschichten von großen und kleinen Königen. Und auch die Schriften der Propheten haben wir gemeinsam, und die Gebete, Lieder und Psalmen. All das ist wie eine Familienchronik, in der sich jeder auskannte, die Vergewisserung und Identität gab - und Trost in allen Lebenslagen.

Und trotzdem gab es die Trennung! Was ist geschehen?

Im Johannesevangelium wird versucht, das zu erklären. Dazu überliefert es diese Gesprächs-Szene. Sie begründet die Trennung mit dem Glauben an Jesus als Messias, als Gesandten Gottes. Wir Christen glauben fest daran, dass Jesus der Messias ist, den die Juden ja auch erwartet haben - und weiter erwarten. Wir sehen in Jesus die Prophezeihungen erfüllt, die von einem erzählen, den Gott zu uns schickt. Ja, wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist, und dass mit Jesus das Reich Gottes unter uns erschienen ist: dass alles, was uns von Gott trennt, aufgehoben und unwirksam wird, wenn wir diesem Jesus glauben.

Die Juden konnten das nicht mitsprechen. Sie warten weiter. Und wir fühlten uns irgendwann nicht mehr akzeptiert, wie begannen, uns aus dem Weg zu gehen, uns gegenseitig zu meiden. Das führte zu der Trennung. Die Gegensätze wurden als größer empfunden als das Verbindende.

So war es wohl auch schon, als Jesus gelebt hat. Viele Menschen verstanden ihn einfach nicht. Und was man nicht versteht, das mag man nicht, das kommt einem irgendwie bedrohlich vor, das lehnt man ab.

All das geschieht in dem vom Johannesevangelium überlieferten Gespräch.

„Ich gehe weg!“ sagt Jesus. Da wird wohl so Einiges vorausgegangen sein.

Das ist auch so, wenn wir das sagen: „Ich gehe weg!“ Wenn wir uns streiten, Eltern und Kinder, Partner, Freunde. Vorwürfe, Beschimpfungen, Verletzungen - und dann sagt einer: „Ich gehe!“

Das kann großen Schrecken und Angst auslösen - oder auch Erleichterung. Im einen Fall wird die Antwort so etwas sein wie: „Halt, warte, wir sollten noch einmal darüber reden! Wir haben so viel Schönes erlebt - bitte bleib da, ich brauche dich!“ Im anderen Fall kommt wohl eher so etwas wie: „Dann geh doch! Du wirst ja wissen, was gut ist für dich. Ich kann auch ohne dich leben.“ Gleichgültigkeit, vielleicht ein wenig Verärgerung, aber eben auch Erleichterung darüber, dass nun etwas neues beginnt: vielleicht ist es besser für dich und für mich.

In diesem Gespräch zwischen Jesus und seinen Zuhörern ist beides drin. Will der Selbstmord begehen? - das war die größte Sünde überhaupt! Oder sie provozieren ihn: „Wer bist du denn, dass du so mit uns redest?“ Und Jesus entnervt: „Was rede ich überhaupt zu euch? Ihr versteht doch sowieso nichts davon!“

So muss das Gespräch scheitern. Und Jesus redet alleine weiter. Er erzählt von der Verbundenheit mit Gott, den er als seinen Vater ansieht. Doch nun hören wohl nur noch die zu, die er erreichen konnte mit seinen Worten.

Es sind die, die an ihn glauben. Es sind die Menschen, die Jesus verstanden haben. Die verstanden haben, dass er von Gottes Liebe spricht, von der Liebe eines Vaters, die bedingungslos ist. Und dass Jesus diese Erzählung von der bedingungslosen Liebe seines Vaters, unseres Gottes, weitergibt - in seinem Handeln, in seinem Leiden, in letzter Konsequenz sogar in seinem Sterben (und Auferstehen). Deshalb glaubten sie Jesus, deshalb konnte er sie überzeugen. Deshalb wollten sie nahe bei ihm sein, wollten sich niemals von ihm trennen. Sie merkten: bei Jesus sind wir in einer Welt, die nicht mehr von der Angst vor dem Tod bestimmt ist, sondern von der Liebe, die alles überwindet - von einem Leben bei Gott.

Natürlich geht es dabei nicht das Leben und Sterben unseres Körpers. Es geht um das Leben und Sterben unserer Seele.

Was die Seele lebensgefährlich verletzen kann, schon in diesem Leben vor dem Tod, das sind Schuld und Trennung, Gräben zwischen Menschen und Gott, eben: Sünde. Was die Seele heilen kann, das ist Vergebung, Gnade und Umkehr. Der Glaube an die Vergebung schenkt uns das Leben.

Dabei wissen wir, dass uns die Sünde immer wieder einholen wird. Ich werde andere Menschen verletzen, durch ein falsches Wort, durch Unfreundlichkeit, schlechte Laune, Missgunst, Rechthaberei oder große und kleine Lügen. Aber im Vertrauen auf Gottes Vergebung kann ich meine Fehler einsehen, um Entschuldigung bitten und wieder gut machen. Ich werde wohl weiter auf Kosten anderer leben, mich zu wenig kümmern um die Not, in der viele leben, ich werde schuldig, weil ich nicht genug gegen Unrecht, Gewalt und Kriege tue. Aber ich kann diese Schuld vor Gott bringen und umkehren. Es gibt über mich kein endgültiges Verdammnis-Urteil. Gott bleibt mit mir verbunden. Das zeigt mir der Blick auf das Kreuz, es kommt auch in der Taufe zum Ausdruck und wir empfinden es jedesmal neu im Abendmahl.

Wir haben uns getrennt - aber wir können die Verbindung zu Gott pflegen, auch ohne Menschen abzuwerten, die anders als wir glauben. Wenn wir unsere eigenen Glauben annehmen und leben, wenn wir ihn pflegen und üben, dann tun wir das in unserer menschlichen Unvollkommenheit, mit Bescheidenheit und Respekt vor denen, die andere Wege zu Gott suchen. Wo wir uns begegnen, können wir merken, dass wir Geschwister sind, die immer wieder Stücke ihres Weges gemeinsam gehen. Dafür sei Gott gedankt!

Amen.

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