Predigt über Lukas 2,1-20 vom 24. Dezember 2013
Bitte anstellen!
Pastor Andreas Kern

Jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Liebe Gemeinde,

Bitte anstellen! steht auf dem großen Schild. Und dann über den beiden Türen die kleineren Schilder:

Wer Zeit hat und: Wer keine Zeit hat.

Da müssen wir durch, und wir alle haben in der Zeit vor Weihnachten genug Besorgungen, Besuche, Geschäfte und Begegnungen zu erledigen gehabt, dass wir uns das gut vorstellen können:

Wer Zeit hat und: Wer keine Zeit hat. Bitte anstellen!

An welcher Tür stellen wir uns an?

Wer von uns hat Zeit, sich an der Tür anzustellen, wo dransteht: Wer Zeit hat? Gehen wir nicht fast automatisch zu der Tür, wo es heißt: Wer keine Zeit hat?

Wenn es sich drängt - und vor Weihnachten drängt es sich immer: Haben wir da eine Wahl? Wie ich uns kenne, nehme ich an, wir möchten alle schnell eine solche Prozedur hinter uns bringen, also folgen wir dem Impuls: Keine Zeit - das ist meine Tür! Da stelle ich mich an. Schnell durch: Gut, dass es für uns Eilige eine Extra-Tür gibt: Wer keine Zeit hat, der stellt sich an diese Tür.

Wer Zeit hat - da sollen sich doch die Langsamen hinstellen, die Un-Dynamischen, die Mühsamen, die Tage-Diebe. Die haben ja auch mehr Zeit, da ist doch die Tür für sie wie geschaffen: Wer Zeit hat.

Die Leistungsträger unter uns haben es doch vielleicht sogar verdient, dass für sie eine Schnell-Spur eingerichtet wird. Wer viel schafft, der kann sich doch nicht an einer Tür für Langsame, für Zeit-Haber anstellen, für solche, die gerne warten, denen das Trödeln nichts ausmacht.

Tja, liebe Heiligabend-Gemeinde, wenn das Leben doch so einfach wäre! Es ist ja absehbar, was passiert, wenn wir uns alle durch diese beiden Türen hindurchbewegen müssen:

Da stellen wir uns an die Tür Wer keine Zeit hat - einfach schon deswegen, weil wir das immer so machen: Im Supermarkt vor der Kasse suchen wir die kürzeste Schlange; im Stau wechseln wir die Spur, wenn wir denken, auf unserer Fahrbahn geht es zu langsam. Also stehen wir alle vor der Tür Wer keine Zeit hat, und es bildet sich dort natürlich eine Schlange. Wir nehmen das in Kauf, weil wir uns ja immer vor dieser Tür anstellen Wer keine Zeit hat, weil wir überhaupt nicht wissen, was uns hinter der anderen Tür erwartet:

Wer Zeit hat - da mögen wir uns nicht anstellen, selbst wenn dort keine Schlange steht. Es könnte ja sein, dass wir dort aufgehalten werden, dass man uns extra warten lässt, dass wir völlig ungewohnte Behandlungen erfahren, die uns womöglich viel unangenehmer sind als das gewohnte Schlange-Stehen. So weit reichen unsere Geduld und unsere Phantasie nicht, dass wir einen Vorteil erwarten davon, uns Zeit zu nehmen, oder dass wir sogar einen Zeit-Verlust gerne akzeptieren, weil wir einen Erlebnis-Gewinn davon haben könnten.

Deswegen stellen wir uns an der Schnell-Kasse an, auch wenn wir dort warten müssen, deswegen fahren wir in den Stau - das sind sozusagen eingeübte Unbequemlichkeiten. Das Risiko, eine völlig unbekannte Verzögerung zu erfahren, das gehen wir lieber nicht ein.

Das ist auch der Grund, weswegen niemals eine Schlange entsteht an der Tür Wer Zeit hat - es gehen nur so wenige von uns durch diese Tür.

Es begab sich aber zu der Zeit - Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Bitte anstellen! Am Heiligabend merken wir, dass das ein Bild für unser ganzes Leben ist. Wir müssen uns immer wieder entscheiden. Es ist die Einladung zu einer Entscheidung: Bitte anstellen!

Will ich diese Beschäftigung ergreifen und ausüben oder jene? Will ich dem nacheifern, was meine Familie, meine Umgebung, meine Clique für richtig hält, oder will ich etwas Eigenes suchen? Will ich mich für etwas einsetzen und engagieren, dafür Zeit und Mühe aufwenden? Will ich hier wohnen und leben - oder umziehen woanders hin?

Will ich mich dem vermeintlichen oder tatsächlichen Druck der Umstände beugen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit, der angeblichen Alternativlosigkeit, oder will ich meinen Ort suchen, an dem ich mich entfalten kann?

Bitte anstellen!

Und wenn es doch nur zwei Türen wären! Ganz oft sind es doch viel mehr Türen, viel mehr Möglichkeiten, die ich habe! Für welche entscheide ich mich? Und mit welcher Begründung?

Aber dann muss ich doch fragen: dürfen Effizienz und messbare Ergebnisse tatsächlich mein Leben bestimmen? Wer keine Zeit hat: Will ich nur schnell hindurch, fertig werden mit meinem Leben? Oder habe ich schon gemerkt: Es sind die Zeit-haben-Momente, in denen ich das Leben in seiner Fülle spüre?

In unser Weihnachtsfest trudeln wir ja ganz regelmäßig in einer gewissen Hektik und Geschäftigkeit hinein. Und spüren dabei doch auch unsere Sehnsucht nach dem Langsamen, unsere Hoffnung auf einen festen Punkt im Leben. Wir möchten erfahren, dass alles in Ordnung ist, dass wir Sicherheit und Gelassenheit haben - Friede auf Erden nennen die Engel das -, Sicherheit und Gelassenheit, ohne dass wir uns anstrengen, treten, kurbeln, laufen und kaufen. Dass wir - wenigstens für einen Moment - Erlösung spüren von unserem Zwang, uns zu behaupten. Denn Euch ist heute der Heiland geboren - noch so ein Engel-Wort, das uns gut tut.

Ja: Weihnachten erleben wir wieder diese Geschichte, mit der Gott alle unsere Zeiten durcheinanderbringt, indem er uns ausbremst: das hilflose Elternpaar; das Neugeborene in der Krippe; die Hirten, von den Engeln aufgeweckt und losgeschickt.

Und wir merken, dass wir uns Zeit nehmen können, einige Momente in Zeitlupe leben und erleben; dass wir uns Zeit nehmen für Erinnerungen und Gespräche, Zeit für die Menschen, die nahen und die fernen, Zeit auch für uns selbst; und Zeit für Gott, der uns mit offenen Armen entgegenkommt.

Gut geht es dem, der sich auf diese Begegnung einlassen kann. Selig ist, Wer Zeit hat! Ich wünsche es uns allen von Herzen. Damit es auch in uns, in unseren Herzen Weihnachten werden kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Planung und Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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