Predigtreihe zum Reformationsjubiläum
1. Oktober 2017: Reformation und Musik
Pastor Andreas Kern

Liebe Gemeinde,

am 6. Oktober 1544 wurde die allererste Kirche eingeweiht, die als Evangelische Kirche gebaut worden war: die Schlosskirche zu Torgau.

Martin Luther selbst kam und predigte. Er predigte sicher über den Kirchen-Neubau. Aber er predigte vor allem über den richtigen Gottesdienst: Gott redet mit uns Menschen, so Luther, durch sein heiliges Wort. Und wir reden mit ihm durch Gebet und Lobgesang.

Die Musik – sie ist Dialog, Gedanken- und Wort-Wechsel zwischen Gott und Mensch.

Die Musik – sie bringt Gottes gute Botschaft auf eine Weise zur Geltung, die über Sehen und Hören und Verstehen hinausgeht.

Die Musik hält den Gottesdienst lebendig.

Und es stimmt ja auch: Die Musik war bei der Verbreitung der Reformation und ihrer neuen Gedanken immer dabei. Singen war das neue Medium – dass die Gemeinde gesungen hat, war an vielen Orten der Beginn der Reformation.

Reformation und Musik also: ein spannendes Thema.

Zunächst einmal ist ja Musik etwas ganz weltliches. Religiöse Musik gibt es nach evangelischer Auffassung ebenso wenig wie religiöse Politik. Musik gehört wie Politik auch ins Reich der Welt, in den Bereich des Vorletzten. Es gibt schlechte und gute Musik (und Politik!), aber keine religiöse.

Eigentlich wird Kirchenmusik also nicht am Musikstil erkennbar. Vielmehr wird all das zu Kirchenmusik, was Christenmenschen praktizieren, wenn sie Gott und seine Geschichte mit der Welt besingen oder bespielen: Lob und Klage, Erhebung und Zerknirschung. Bach hat es genannt: Ergötzung und Recreation des Gemütes. Also kann eigentlich alle Musik Kirchenmusik werden. Überall dort, wo zwei oder drei im Namen von Jesus versammelt sind und singen oder spielen, ist das also schon Kirchenmusik.

Das Wichtigste ist nämlich: Lieder sind etwas anderes als Gesagtes! Lieder sind etwas anderes als schlichte Botschaft, die mich als Text erreicht. Lieder sind Texte mit Musik, und das heißt: Lieder erreichen nicht in erster Linie den Verstand, sind nicht für die kognitive Seite meines Hirns, sondern für die andere Seite. Die Seite, die Gefühle, Erinnerungen und Bilder verarbeitet. Beim Hören von Liedern gilt das schon, und noch mehr gilt das beim Mit-Singen!

Luther hat das schon verstanden. Er konnte das Evangelium, die gute Nachricht, als gute Mär vertonen, von der er singen und sagen will:

Vom Himmel hoch, da komm ich her (EG 24)
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring’ ich so viel,
Davon ich sing’n und sagen will
.

Die Reihenfolge ist entscheidend, liebe Gemeinde! Erst kommt das Singen, dann das Sagen. Das heißt auch: Erst kommt das Erleben, die Töne, das Licht, die Bilder, meinetwegen das Begreifen mit den Händen – so war das ja auch, als wir ganz kleine Kinder waren. Und dann erst kommt das kognitive Verstehen, das Kapieren, Nachvollziehen, Einordnen.

So ist es mit unserem Glauben doch auch: Er ist in erster Linie Vertrauen, kindliches Zutrauen, und erst in zweiter Linie so etwas wie Wissen und Verstehen. Diese Reihenfolge ist wichtig für unseren Glauben.

So, jetzt wieder zurück zur Musik: Singen bringt anderes zur Sprache als Sprechen – nicht nur im Kopf, neurophysiologisch gewissermaßen. Altertums-Forscher meinen, dass Singen in der Menschheitsgeschichte viel früher begonnen hat als Sprechen. Unser Urväter und -mütter haben vermutlich gesungen, bevor sie sprechen konnten.

Und nun kommt noch das gemeinsame Singen, das gemeinsame Musizieren, das Singen im Chor oder in der Gemeinde: Das geht nur, wenn wir aufeinander hören und uns aufeinander einschwingen. Wenn wir gemeinsam singen, atmen wir sogar meist gemeinsam – erstaunlich, nicht wahr? Beim Sprechen findet jeder sein eigenes Tempo, sucht sich eigene Worte. Beim Singen finden wir – selbst beim Allein-Singen – einen Rhythmus, der uns trägt. Und beim gemeinsamen Singen werden wir Teil des Stimmen-Zusammenklangs, des Chores – und nicht des Stimmen-Gewirrs, das gibt es nur, wenn das Singen verunglückt!

Wer singt, beansprucht seinen Körper – und spricht Körper an. Singen ist viel körperlicher als Sprechen. Wer singt, ist Körper und hat zugleich Körper, Volumen und Klang.

Wer singt, gibt etwas von sich preis.
Wer singt, lässt anderes erklingen, als er oder sie im Griff hat.
Wer singt, tritt über sich hinaus, ex-istiert.

Vielleicht liegt es genau an diesen Ambivalenzen, diesen ganz elementaren Doppel-Deutigkeiten, dass Singen uns oft so peinlich ist. Wir kommen einander viel näher, wenn wir singen – im gemeinsamen Atem-Rhythmus, im gemeinsamen Rhythmus von Stimmbändern und Zungen. Wir überwinden Distanz – aber das möchte ich ja vielleicht gar nicht, schon gar nicht ungefragt, einfach so, weil da jemand mich ins Singen verwickelt. Wir verraten viel mehr über uns, wenn wir singen – da ist das Abstand-Halten viel schwerer.

Und gleichzeitig merken wir noch etwas: Wir sind Personen – und das hat schon wieder was mit Klang und Musik zu tun, weil nämlich das lateinische Wort „persona“ für die Maske steht, durch die jemand „hindurchtönt“ (per-sonare). Durch mich hindurch tönt, klingt und schallt es – als Person bin ich ein Klang-Körper. Meine Existenz ist direkt abgeleitet aus meiner Klang-Möglichkeit, ich entfalte mich durch meine Schall-Aussendung (in Sprache und Ton). Ich kann kein Licht produzieren, sondern bin auf Beleuchtung angewiesen, damit ich sichtbar werde für andere. Aber ich kann Laute, Töne, Klang produzieren, mich als Person darstellen durch Stimme, meinen Gesang.

Und jetzt kommen wir mal wieder zur Reformation. Für Luther sind die Musik und das Lied im Gottesdienst – man glaubt es kaum – ein Kampf-Geschehen. Mit dem Singen ringt er das Böse, den Teufel zu Boden.

Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362)

Der alt böse Feind – Und wenn die Welt voll Teufel wär – Das Reich muss uns doch bleiben: Solche kämpferischen Auseinandersetzungen kommen in unseren Gottesdiensten kaum noch vor. Wir möchten lieber unsere gute Stimmung besingen als unsere Angst, unsere Gottesdienste sollen freundlich gestimmt sein. Auch am Erntedanktag wollen wir nicht mit kriegerischen und bedrohlichen Bildern konfrontiert werden, schon gar nicht am Heiligabend, bei der Trauung, bei der Konfirmation oder beim Kirchentags-Gottesdienst. Singen wird allgemein eher mit schönen Gefühlen in Verbindung gebracht, in der Kirche mit Lob, Dank und Bitte, weniger mit Klage und Schmerz.

Aber natürlich kann Musik das andere auch – und oft viel besser als Sprache: Sie kann ausdrücken, dass wir ohnmächtig sind gegenüber dem, was passiert; dass wir uns bedroht fühlen und behaupten müssen gegen Anfechtungen. Wir müssten uns wohl einfach öfter fragen: Was steht eigentlich auf dem Spiel? Wovor haben wir Angst? Wo geht es ans Eingemachte? Was für böse Geister können wir vertreiben?

Fan-Gesänge im Fußball-Stadion sind zwar in meinen Ohren keine schöne Musik, aber sie nehmen genau dies auf: das Miteinander-Ringen, die Vergewisserung in der Herausforderung und Anfechtung, das Stark-Werden im Stress!

Also natürlich können auch wir in dieser Anfechtungs-Situation, dieser Herausforderungs-Lage singen – und wie! Viele Gospels sind dafür geeignet:
We shall overcome;
When Israel was in Egypts land, let my people go;
It’s me, o Lord, being in the need of prayer.

Und die Klage- und Trost-Lieder unseres Gesangbuchs ebenfalls.

Nun freut euch, lieben Christen gmein (EG 341)

Das ist das Tolle an der Musik: Sie bringt viel besser als jedes andere zum Ausdruck, was uns unter der Oberfläche beschäftigt. Unsere Jubel-Schreie und unseren Dank genauso wie unsere Furcht und unsere Hoffnung. Was uns bedrückt, ist in der Musik ganz direkt auszudrücken und zu teilen. Was uns erhebt und unsere Augen zum Leuchten bringt, das singen wir gern und mit Freude hinaus in die Welt, am besten gemeinsam im Chor oder in der Gemeinde!

Das ist das Tolle an der Reformation: Sie erlaubt uns, unseren Glauben persönlich zu leben und unsere Beziehung zum lieben Gott ganz direkt und unmittelbar zu pflegen. Da darf ein Pastor vielleicht ein wenig helfen, sozusagen Übersetzer-Dienste tun – aber das kann der Klang der Musik und der Gesang ja oftmals viel besser und schneller. In der Musik haben wir einen direkten Draht zum Göttlichen, da steht nichts mehr zwischen Gott und uns – echt reformatorisch!

Das beides lassen Sie uns mit Genuss und Freude pflegen – jetzt und alle Zeit! Und in der Ewigkeit reihen wir uns ein in den Chor der Engel!

Und der Friede Gottes, der auch musikalisch höher ist als alle unsere vernünftigen Gedanken, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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